Sie sind hier: Startseite Rhein-Main Fachwissen
Weitere Artikel
Der Letzte seiner Art

Letzte deutsche Kautabakfabrik in Nordhessen - beliebt bei Seemännern und Bergleuten

(bo/ddp-hes). Heidrun Kruse zieht ein großes Bündel Tabak aus dem Soßenfass. Durchnässt liegen die dunklen Blätter auf dem Abtropfgitter und verströmen einen schweren, süßen Duft.

«Sie waren vier Wochen im Sud», sagt die Geschäftsführerin der Manufaktur Grimm & Triepel, Deutschlands letzter Kautabakfabrik. Die Chefin legt in dem Betrieb im nordhessischen Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreis) selbst Hand an.

Seit vier Generationen ist das Unternehmen in Familienhand. An den wesentlichen Arbeitsschritten hat sich in 160 Jahren nicht viel verändert. «Wie auch Zigarettentabak wird Kautabak gesoßt, also in einen Sud eingelegt», erklärt die Geschäftsführerin. Sie steht im Keller vor einem Regal mit den unterschiedlichen Zutaten des Suds, darunter Zimt, Lorbeer, Wacholder, Kandissirup, Honig, Rum und Auszüge aus Pflaumen, Datteln und Apfelsinen. Ein schuhkartongroßer Brocken Süßholzwurzel ist noch vakuumverpackt. «Und als Tabak verwenden wir nur Kentuckysorten, keinen hellen Virginia», betont Kruse.

Das Ausgangsprodukt, die nikotinhaltigen Blätter in verschnürten Ballen, ließ sich das Unternehmen einst waggonweise anliefern. Das Stammhaus in Nordhausen im Harz verkaufte bis 1945 so viele Schachteln «Skipper-Skraa», «No. 5» und «Hufeisen», wie niemand sonst in Europa. Da auf Segelschiffen Rauchen tabu war, hatte sich die Tradition des Kautabaks gerade bei Seemännern bewahrt. Heute fahren Riesentanker mit einem Dutzend Mann Besatzung, und die Kruses kaufen einmal im Jahr eine überschaubare Menge Tabak in der Toskana.

«Wo Wein wächst, gedeiht auch ein Spitzen-Kentucky», erklärt Heidrun Kruse. Nach der ersten Soßierung wird der Tabak zu Seilen, sogenannten Schlunzen, «abgeweift». In der Oekonomischen Encyklopädie von Johann Krünitz aus dem Jahr 1858 wird das Wort abweifen mit «von der Spindel ziehen» erklärt - solange, bis eine «volle Strähne» entsteht. Bei Grimm & Triepel wird der zurechtgeschnittene, soßierte Tabak auf teils über 100 Jahre alten Gerätschaften zusammen mit Deckblättern kunstvoll zu einem meterlangen, fingerdicken Strang gezogen. Die Schlunzen gären danach weitere drei Monate im Sud und werden am Ende in zwei Zentimeter lange Prieme geschnitten.

«Frauenhände können das am besten», sagt Heidrun Kruse, die in den Betrieb hineingeheiratet hat. Grimm & Triepel stellt heute noch vier Produkte her: drei soßierte Priemsorten und die «Marschall-Schnecke», benannt nach dem Hersteller der Wickelmaschine aus dem Jahr 1895. Abnehmer der ungesoßten Schnecken seien saarländische Bergleute, berichtet Kruse. Wer im Kohleflöz den Glimmstängel anstecke, riskiere seinen Job. Ein Stück Kautabak sei Ersatzstimulation, und die Kumpels schwörten auf ihre private Sudrezeptur. Rum, Brandy und Honig seien dabei die Säulen der saarländischen häuslichen Soßierungskunst.

Mit den kleinen, bunten Priem-Schachteln für jeweils 2,80 Euro setzt Grimm & Triepel jährlich gut 200 000 Euro um und arbeitet knapp profitabel, sagt Kruse. Franz Peter Marx vom Verband der deutschen Rauchtabakindustrie sagt, dass das Witzenhausener Produkt vom Umsatz auf dem Tabakmarkt «nur einen Promilleanteil» einnehme. Der im Absatz erfolgreichere Schnupftabak sei ein vergleichbares Erzeugnis und habe in Altbundeskanzler Helmut Schmidt auch einen bekannten Anwender. «Ein solcher Marketingeffekt ist nicht zu unterschätzen», sagt Marx.

(Stefan Höhle)


 


 

Sud
Triepel
Kautabak
Kruse
Tabak
Heidrun Kruse
Grimm
Euro
Umsatz
Schachtel
Grumm & Triepel
Absatz
Nordhessen
Seeleuten
Bergleute

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Sud" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: