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Wiesbadener Staatstheater

Protest pro klassisches Ballett

(bo/ddp-hes). Auf Manfred Beilharz ist Klaudia Krissel überhaupt nicht gut zu sprechen: Die bekennende Ballett-Anhängerin lastet dem Intendanten des Wiesbadener Staatstheaters an, den früheren Chef der dortigen Tanzcompagnie, Ben van Cauwenbergh, nicht in der hessischen Landeshauptstadt gehalten zu haben. Nach van Cauwenberghs erzwungenem Weggang habe dann eine Abkehr von der beim Publikum beliebten klassischen Ausrichtung der Wiesbadener Ballettsparte begonnen, die Krissel nach eigenem Bekunden gar nicht gut findet.

Über den neuen Ballettchef Stephan Thoss klagt sie: «Seine Ballette sind so anstrengend», und auch wenn sie gegen ihn persönlich keine Vorwürfe erhebe, kritisiert sie: «Warum darf es nichts Schönes auf der Bühne geben?»

Und deshalb hat die Steuerfachangestellte aus dem Rheingau zusammen mit anderen Gleichgesinnten die «Bürgerinitiative zur Erhaltung des klassischen Balletts in Hessen» gegründet. Nach Einschätzung der BI war Wiesbaden in der bis Sommer 2007 währenden Ära van Cauwenbergh das einzige Theater in Hessen «mit überwiegend klassischer Ausrichtung». Modernen Ausdruckstanz hingegen, wie ihn auch Thoss auf die Bühne bringe, gebe es in unmittelbarer Nachbarschaft von Wiesbaden, nämlich in Frankfurt und Mainz, zur Genüge.

Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst relativiert diesen Eindruck: Kaum ein Begriff des Diskurses in Wissenschaft und Kunst unterliege so vielfältigen und widersprüchlichen Interpretationen wie der der «Klassik», sagt Ministeriumssprecher Ulrich Adolphs. Zudem habe das Staatstheater auch momentan Ballette zu Musik von Adolphe Adam und Peter Tschaikowski im Programm, die allgemein als klassisch angesehen würden und «sich auch eines regen Besucherinteresses erfreuen».

Damit begegnet Adolphs der Kritik auch in einem zweiten Punkt. Denn Krissel und ihre Mitstreiter wollen eine sinkende Auslastung der Vorstellungen bemerkt haben. In einem Antrag an den Petitionsausschuss des hessischen Landtags verlangen sie deshalb «einen detaillierten Nachweis der Entwicklung der Besucherzahlen des Wiesbadener Balletts».

Den Petitionsausschuss hat die Initiative eingeschaltet, damit die Politik sich mit dem Thema befasst. Rund 10 500 Menschen haben nach BI-Darstellung die Petition unterschrieben - «das ist das Wiesbadener Publikum», unterstreicht Krissel.

Doch mit der Landtagsauflösung existiert auch der Petitionsausschuss nicht mehr. Der Ausschussvorsitzende in der jüngst zu Ende gegangenen Kurzzeit-Legislatur, der Grünen-Abgeordnete Andreas Jürgens, sagt allerdings, dass die Petitionen an den Ausschuss für die kommende Legislatur übergehen werden. Über die künstlerische Freiheit und über Geschmacksfragen habe das Gremium allerdings nicht zu befinden. Nur wenn «Recht unzutreffend angewandt» worden sei, könne der Ausschuss wegen seiner Zuständigkeit für Bitten und Beschwerden über ungerechte oder ungleiche Behandlung durch staatliche Stellen tätig werden.

Und ein Rechtsstreit in der Sache ist tatsächlich anhängig. Das Ministerium lehnt mit Verweis auf das schwebende Verfahren eine Stellungnahme ab. Krissel dagegen erzählt, dass das Bühnenschiedsgericht und das Oberbühnenschiedsgericht, vor denen van Cauwenbergh gegen die Nicht-Verlängerung seines Vertrages geklagt hat, zu seinen Gunsten entschieden habe.

Als Arbeitgeberverband entsendet der Deutsche Bühnenverein ebenso wie die Gewerkschaften der Bühnenberufe Vertreter in die Bühnenschiedsgerichte. Auch wenn die Prozesse zugunsten der Arbeitnehmerseite ausgegangen seien, sei van Cauwenbergh mittlerweile in Essen statt in Wiesbaden tätig, macht Bühnenverein-Direktor Rolf Bolwin deutlich. Zum Wiesbadener Ballettstreit hat er eine klare Meinung: «Das ist alles ein bisschen absurd.» Über die künstlerische Ausrichtung entscheide «selbstverständlich» der Intendant.

«Das Thema hat im Petitionsausschuss nichts zu suchen», betont Bolwin, denn «künstlerische Entscheidungen können nicht der Landtagskontrolle unterliegen». 15 Jahre klassische Ausrichtung reichten vollends. Und nicht zuletzt: Ein Richtungswechsel wie in Wiesbaden gehöre nun einmal zur Kunst dazu.

(Redaktion)


 


 

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