Sie sind hier: Startseite Rhein-Main Marketing Marketing Wissen
Weitere Artikel
Hessischer Filmpreis

Regisseurin Simone Jung dreht außergewöhnliche Dokumentarfilme

Für ihre Dokumentation über die "Königin des Rings", die Boxerin Regina Halmich, hat die Frankfurterin vor kurzem den Hessischen Filmpreis erhalten. Simone Jung kommt Menschen gerne nah, und sie scheut keine schwierigen Themen: Protagonisten ihrer Filme können altersverwirrte Bewohner eines Stifts sein oder auch krebskranke Kinder.

Sie sitzt im Rotlintcafé, bestellt einen Milchkaffee, und niemand erkennt sie. Simone Jung ist das recht. Bis heute hat die Frankfurter Filmemacherin, die erst kürzlich den mit 40.000 Euro dotierten Hessischen Filmpreis für "Königin des Rings", ein Portrait der Boxweltmeisterin Regina Halmich, erhalten hat, es geschafft, dass keine Fotos von ihr in Umlauf kommen. Denn nicht sie, sagt sie, sondern die Menschen, um die es in ihren Filmen geht, sollten im Mittelpunkt stehen. "Es sind alles Leute mit ihren privaten Geschichten", sagt Simone Jung, "und ich empfinde es als ein Geschenk, wenn sie sich mir anvertrauen."

Eine frühe Reportage über das Kaufhaus M. Schneider

Simone Jung kam in Karlsruhe zur Welt, verlebte ihre Kindheit in Bad Vilbel. Die 41-Jährige studierte Literaturwissenschaften, Psychoanalyse und Philosophie. Das Volontariat, das Simone Jung beim Hessischen Rundfunk absolvierte, habe ihr "das Handwerkszeug für später" mitgegeben. Die junge Volontärin durfte damals auch "kurze Nachrichtenfilmchen" drehen. Eines Tages sprach sie ein Kameramann an: "Ob ich nicht einen Film über die Schließung des alten Frankfurter Traditionskaufhauses M. Schneider drehen wolle?" Daraus wurde Jungs erste halbstündige Reportage. Sie erinnert sich noch heute an die "Wehmut" der Verkäuferinnen, aber auch an die riesige Knopfabteilung des im Jahr 1998 geschlossenen Kaufhauses auf der Zeil, die sie selber so liebte.
Dokumentationen über Altersverwirrte und Krebskranke
Um einen guten Dokumentarfilm zu drehen, müsse man "sich sehr viel Zeit nehmen und gründlich recherchieren". Für ihren Film "Butterbrötchen um halb fünf" hat Simone Jung über ein Jahr hinweg altersverwirrte Bewohner des Frankfurter Cronstetten-Stifts besucht und mit ihnen und ihren Kindern über das gesprochen, was sie erleben und fühlen. Die Dokumentation "Datz kennt keine Angst" erzählt vom Alltag auf einer Kinderkrebsstation. "Ich war schon vor Drehbeginn oft bei den Kindern", erzählt sie. "Ich habe Nachtdienste mitgemacht und den Kindern das Essen zum Mund geführt, denn ich wollte ein Gefühl für das alles bekommen." In Jungs Film "Der Schmerz kam über Nacht" schilderten Rheumakranke ihren Alltag. Demente Menschen, krebskranke Kinder, ein Leben mit dem Dauerschmerz - ein wenig bricht die Filmemacherin mit der Wahl ihrer Themen immer noch Tabus: "Wenn ich Leuten auf die Frage, was ich gerade drehe, ehrlich antworte, kommt meistens ein entsetztes 'Oh Gott'". "Sicher", sagt sie, "es nimmt einen mit, aber oft hat es auch etwas sehr Bereicherndes." Und vielleicht gehe es den Zuschauern ja ganz ähnlich wie ihr, der Regisseurin.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Dass die Menschen sie in ihre Welt hineinlassen, empfindet Simone Jung als Privileg. Ihre Filme unterlegt sie meist mit einem Kommentar, den erhobenen Zeigefinger will sie allerdings vermeiden. Die preisgekrönte "Königin im Ring" kommt ganz ohne gesprochenen Text aus. Wie sie als Regisseurin die Boxerin erlebt habe? "Zielstrebig und bodenständig." Trotz ihres Erfolges sei sie nicht eines dieser "Promi-Hühnchen" geworden. Ihr selber, sagt Simone Jung, sei der Boxsport "eher befremdlich", jedoch finde sie "das Ambivalente" faszinierend, dass man "einerseits sagt, wir sollen uns alle schön unterhalten und nicht auf die Nase hauen, und es andererseits im Ring sogar bis zum Tod gehen kann".

Neugier auf fesselnde Menschen

Ihr neuester Film ist eine vom HR produzierte Dokumentation über eine junge Gehörlose. "Ich bin taub" schildert deren Geschichte und die Beweggründe für ihren Entschluss, über ein sogenanntes CochleaImplantat wieder hören zu wollen. Simone Jung lernte ihre Protagonistin auf einer Weihnachtsfeier kennen. Wunderte sich damals darüber, "dass sie so seltsam sprach". Was ein Mensch haben müsse, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen? "Es muss", sagt Simone Jung, "schon ein sehr besonderer Mensch sein, da muss etwas Fesselndes an ihm sein." Im Fall der jungen Gehörlosen war es "ihre spezielle Sicht auf die Welt der Hörenden, ihre sehr feinsinnige, sensitive Wahrnehmung". Ob sie, die erfolgreiche Dokumentarfilmerin, jemals daran gedacht habe, einen fiktionalen Stoff zu verfilmen? Simone Jung schüttelt ihren Kopf mit den langen blonden, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. "Der Stab ist bei Spielfilmen so groß, da arbeiten 40 oder 50 Menschen dran, bei einem Dokumentarfilm nur drei oder vier." Aber Drehbücher für Spielfilme schreiben, das würde sie gern. "Weil man dann in mancher Hinsicht rücksichtsloser mit seinem Protagonisten umgehen kann."

Ein Wintermärchen

Die beiden Drehbücher bildeten nicht etwa Simone Jungs erste Erfahrungen mit dem Schreiben. Gemeinsam mit Michi Herl, dem künstlerischen Leiter des Frankfurter Stalburg Theaters, hat sie das melancholisch-nachdenkliche Theaterstück "Von oben ist die Welt so klein" geschrieben, in dem Nanon, deren Freundin die Stille ist, auf einen umtriebigen rastlosen Filmemacher trifft. Er nimmt sie mit auf sein Hotelzimmer, "sie erweicht ihn und gibt ihm eine andere Sicht auf die Welt, aber auch sie nimmt aus der Begegnung etwas für sich mit". Es ist, sagt Simone Jung, "ein stilles, leises Wintermärchen".

Quelle: Annette Wollenhaupt / Stadt Frankfurt

(rheinmain)


 


 

Simone Jung
Königin des Rings
Regina Halmich
Dokumentation
Hessischer Filmpreis

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Simone Jung" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: