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Landschaftsplanung per pedes

Spaziergangswissenschaftler erforschen die Mobilität ganz nah an der Natur

Von Leipzig nach Köln ist er gelaufen. Vier Wochen hat Bertram Weisshaar dafür gebraucht, ist durch Kleingärten gewandert, vielen Kühen und wenigen Menschen begegnet. Dreimal hat er eine Autobahn gesichtet: "Ein anderes Deutschland hab ich da gesehen." Mit dem ICE hätte der 45-Jährige nur fünf Stunden nach Köln gebraucht - aber nichts von der Landschaft gehabt. Sie wäre in Hochgeschwindigkeit an ihm vorbeigerauscht.

Eine richtige Wissenschaft

Aber dass alles an ihm vorbeirast, das will Weisshaar nicht. Wahrnehmen will er seine Umgebung, wahrnehmen als "Spaziergangsforscher". Beim Internationalen Kongress der Spaziergangswissenschaften im September in Frankfurt wird er aus seiner Praxis als Forscher dieser jungen, erst in den 80-er Jahren begründeten Wissenschaft erzählen. "Es schmunzeln schon einige, wenn sie den Begriff hören", sagt Weisshaar. Denn viele denken dabei natürlich ans Spazierengehen. An müßige Verdauungsgänge nach schweren Essen, an Schlendereien als Hans-Guck-in-die-Luft an Feiertagen, vielleicht noch ans Sichten von Vögeln oder Anlegen von Wanderwegen. Doch damit hat die Wissenschaft nur entfernt zu tun: Es geht um konzentriertes und bewusstes Wahrnehmen der Umwelt, um "Mobilität" und ihre Auswirkung auf das Planen und Bauen.

Landschaft ist eine Sache der Wahrnehmung

Um die Welt zu erkunden, ist ein Spaziergang die einfachste Form. Wer sich als Fußgänger fortbewegt, bei dem entstehen andere Bilder im Kopf als beim Autofahrer. "Landschaft ist eine Sache der Wahrnehmung", sagt Weisshaar, der Uni-Seminare zur Stadtwahrnehmung hält. Landschaft ist ein Konstrukt im Kopf - das der Mensch zusammenbaut aus Bildern und Vorstellungen aus Literatur, Reiseprospekten, Fernsehen. "Wenn wir Urlaub am Meer machen, dann erwarten wir einen Klischeebadeurlaub", sagt Weisshaar. Glitzernde Sonnenstrahlen, tiefblaues Meer, und Sand, der gleichmäßig durch Finger rieselt. "Wo wir das finden, ist aber egal - ob an der türkischen Riviera oder der italienischen, in Spanien oder sonst wo". Geografie spielt heutzutage keine Rolle mehr.

Die „Landschaftslücke“ ist eigentlich schon geschlossen

"Unsere Mobilität ist ein großes Problem", glaubt Weisshaar. Technischer Fortschritt verändere Wahrnehmung. Züge rasen durch die Landschaft, Flugzeuge jagen über Ozeane zu anderen Kontinenten, Autos flitzen von Stadt zu Stadt Und auch dabei muss niemand mehr auf die Umgebung achten: Die nette Damenstimme des Navigationssystems weist den Weg. "Der Zusammenhang geht uns dabei verloren." Die Dinge wieder genauer wahrzunehmen, ist Anliegen der Spaziergangswissenschaft. So wie das Wahrnehmen der "Landschaftslücke" zwischen Ostpark und Mainufer, wo Bahngleise still gelegt wurden und die Natur sich den Raum zurückerobert. Zwischen den Betonplatten sprießt wildes Grün, schwirren Schmetterlinge umher. Ein Sommerflieder aus dem fernen China bildet dichte Büsche - und erzählt von der Vergangenheit des Geländes als Eisenbahnlinie, als zufällig mitgeschleppte Samen von den Zügen fielen. Die in den Köpfen von Planern skizzierte Grüngürtel-Verbindung wächst hier schon ganz natürlich zusammen. Das alles fällt aber nur dem auf, der genau hinsieht.

Wahrnehmungsschulung im GrünGürtel

Mit genauem Hinsehen wirken die Spaziergangsforscher aufs Planen und Bauen ein. So wie in Leipzig, wo Weisshaar eine Tangente verhinderte, weil er räumliche Zusammenhänge aufzeigen konnte. Die Stadt Frankfurt am Main hat die Erkenntnisse der Spaziergangswissenschaft schon früh genutzt: im Grüngürtel. In den achtzig Quadratkilometern Freiraum, der sich um den Stadtkern schlängelt. Wo Goldammern und Stare zwitschern, Wechselkröten quaken und Wasserfedern blühen. Seit bald zehn Jahren bietet das Umweltamt Spaziergänge durch die Wald-, Auen- und Hügellandschaften an. "Als Wahrnehmungsschulung", sagt Klaus Hoppe vom Umweltamt, der das Projekt Grüngürtel leitet. "Die vertraute Landschaft sollen die Bürger neu entdecken." Und ihre Liebe dazu gleich mit, sagt Hoppe: "So werden sie zu Helfern, die diesen Freiraum Grüngürtel verteidigen."

Den Menschen wieder ins Planer-Bewusstsein rücken

Für ihn ist die Spaziergangsforschung eine Form der Indizienwissenschaft. Klaus Hoppe hat Landschaftsplanung beim Begründer der Wissenschaft, Lucius Burckhardt, in Kassel studiert: "Wenn man sich in die Perspektive des Fußgängers begibt, kann man Rückschlüsse aufs Planen ziehen", weiß Hoppe. Viel zu selten werde das aber gemacht. "Es wird für Autos und Radfahrer geplant - der Fußgänger ist immer der letzte, der noch geregelt werden muss", sagt Hoppe. "Dem wird dann oft viel zugemutet." Treppe rauf, Treppe runter, über Brücken, durch Tunnel, um 85 Ecken herum muss er, um an sein Ziel zu kommen. "Den Maßstab Mensch muss man wieder ins Bewusstsein rücken bei der Planung", meint der Landschaftsplaner.

Sensibilisieren zum Mitgestalten

Mit den Spaziergängen im Grüngürtel will das Umweltamt die Bürger für eine bewusste Wahrnehmung der Umwelt sensibilisieren. "Damit sie dann auch aufmerksamer durch die Stadt gehen und an deren Gestaltung mitwirken." Und die Spaziergänge kommen an bei den Frankfurtern. Naturkundliche gibt es, literarische, mit dem Boot und mit Draisinen wurde schon durch den Grüngürtel gefahren. "Das fruchtet gut", bilanziert Klaus Hoppe. Und weil das alles so gut fruchtet, findet der Kongress auch in Frankfurt statt. "Er ist unser Beitrag zur Woche der Mobilität", so Hoppe. "Damit wollen wir die Aufmerksamkeit aufs Gehen lenken." Am 12. und 13. September kommen Spaziergangsforscher, Architekten und Planer zusammen, um einen Impuls für die zukünftige Interpretation der Umwelt zu geben. "Bewusst haben wir eine größere Runde einberufen", sagt Hoppe. Damit auch Planer und Architekten sehen, "welche Konsequenzen wir aus ihrem Handeln gezogen haben."

Weltreise durch den Grüneburgpark

Bertram Weisshaar wird dann durch den Grüngürtel führen. Jeder kann mitkommen, kostenlos. Um das Grün mal mit anderen Augen zu sehen. Eine Weltreise soll es werden, unter anderem geht es zum Koreanischen und zum Botanischen Garten. Klar, auch alles was kreucht und fleucht, kommt dabei nicht zu kurz, und auf den in den Siebzigern als vorbildlichsten Verkehrsknoten Deutschlands ausgezeichneten Miquelknoten wird ebenfalls ein Blick geworfen. "Die ganze Strecke über muss man keine Straße überqueren", sagt Weisshaar. "Optisch zumindest hat man den Eindruck, ständig in der Landschaft zu gehen." Wäre da nur eines nicht: der Verkehrslärm. "Von Landschaftsplanern wird immer nur das Optische beschrieben", erläutert Weisshaar. "So sieht man aber, wie wichtig es ist, auch das Akustische mit zu entwerfen."

Davon kann sich jeder beim Spaziergang am 13. September um 14 Uhr überzeugen. Am Bassin vor dem Casino des Campus Westend beginnt der Weg, auf dem man ein anderes Verständnis von Landschaft bekommen soll. "Mit dem Spazierengehen schafft man es, ganz viele für das Thema zu interessieren", sagt Weisshaar. "Auch wenn man erstmal belächelt wird."

(rheinmain)


 


 

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