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business-on.de: Interview

Taunus Edition im Gespräch mit Handwerkskammerpräsident Bernd Ehinger

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Bernd Ehinger (63), Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main mit 28.000 Mitgliedsbetrieben und mit einem eigenen großen Elektrobetrieb zugleich Unternehmer, kann es mit dem Stolz eines Mannes sagen, der seinen Beruf nicht nur in allen Facetten kennt, sondern auch liebt: „Das Handwerk hat eine Zukunft. Für junge Leute ist eine handwerkliche Orientierung ein grundsolides und chancenreiches Sprungbrett fürs Leben und viele weitere Generationen.“

Ein Blick in das Kurs- und Organisationsprogramm 2008 belegt: Das Handwerk von Rhein-Main ist bestens organisiert. Bildung und Weiterbildung, ob fachlich spezifisch in der Unternehmensführung und Strategie, im Umgang mit Paragrafen und neuen Gesetzen, im Sozialverhalten, in der Kommunikation bei eventuellem Stress – die Handwerkskammer Rhein-Main hat für alle Fälle des handwerklichen Berufslebens Rat, Tat und vielseitige Lösungen. Die Zentrale in Frankfurt mit ihren edel ausgestatteten Räumlichkeiten ist nach 1-jähriger Umbauzeit ein modern-solides Selbstverwaltungszentrum geworden. 120 Berufe werden betreut mit rund 150.000 Beschäftigten, die jährlich rund 12 Milliarden Umsatz erwirtschaften. 20 bis 30 Prozent der Ausbildungsplätze sind mit ausländischen Jugendlichen besetzt. Bernd Ehinger, gelernter Elektromeister und Mitglied in diversen Vorständen, wichtigen ehrenamtlichen Kuratorien der Stadt Frankfurt, Aufsichtsrat von Eintracht Frankfurt, im Gespräch mit Horst Reber:

business-on.de: Herr Ehinger, die Welt verändert sich pausenlos. Was heute aktuell ist, kann morgen schon überholt sein. Aber das Handwerk hat sich trotz des temporeichen Wandels behauptet. Worauf führen Sie dies zurück?

Bernd Ehinger: Wir halten an unseren Grundwerten fest, sind aber gleichzeitig offen für neue Technologien und Innovationen. Qualität, Zuverlässigkeit und Individualität sind unsere Markenzeichen. Hinzu kommt, dass das Handwerk ein starker Innovationsmotor und Erfüller von besonderen Wünschen ist. Im Alltag entstehen neue Verfahrenstechniken, neue Produkte und Dienstleistungen. Hier verzahnen sich Technik und Unternehmertum. Die Betriebsinhaber wissen, dass sie dem internationalen Konkurrenzdruck nur standhalten können, wenn sie sich immer wieder innovative Nischen auf den globalen Märkten schaffen. All dies macht das Handwerk stark.

business-on.de: Bis vor einigen Jahren genügte noch ein solider Grundschulabschluss, um eine Lehrstelle zu bekommen. Das stimmt wohl bei den neuen Leistungsanforderungen nicht mehr so ganz. Wieviel Azubis sind derzeit in Rhein- Main beschäftigt?

Bernd Ehinger: Derzeit lernen rund 11.000 Jugendliche in unserem Kammerbezirk einen handwerklichen Beruf. Jeder zehnte Mitarbeiter ist ein Lehrling. Mit dieser Ausbildungsquote sind wir in Hessen, wo wir 30.000 Lehrlinge in 70.000 Betrieben ausbilden, unangefochten auf Platz eins. Es stimmt, dass in vielen handwerklichen Berufen die Anforderungen an Jugendliche gestiegen sind. Das liegt nicht zuletzt an den neuen Technologien, die sich rasant weiterentwickeln. Das Image des Handwerks hat starke Fortschritte gemacht, wobei ein guter Hauptschulabschluss nach wie vor natürlich Mindestvoraussetzung für eine Ausbildung ist. Aber ohne Sozialkompetenzen wie Anstand, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geht es ebenfalls nicht.

business-on.de: Wie ist das Verhältnis von Realschulabschluss und Abitur?

Bernd Ehinger: Den größten Teil der Lehrlinge stelle die Hauptschulabsolventen mit 50 bis 60 Prozent. Rund 30 Prozent unserer Berufsanfänger haben einen Realschulabschluss, und rund 6 Prozent kommen mit Abitur zu uns.

business-on.de: Junge Leute, die auf Grund von Schulschwächen keine vernünftige Perspektive haben, sind bekanntlich überall auf der Welt sehr gefährdet. Was tun Sie, um auch die schwächeren Schüler und jene mit Sprachproblemen aufzufangen?

Bernd Ehinger: Die mangelnde Ausbildungsfähigkeit mancher Jungendlicher ist in der Tat ein Problem. Hier sind zu allererst die Elternhäuser, Schulen und Bildungspolitiker in der Pflicht. Wir Handwerker sehen es aber auch als Teil unserer gesellschaftlichen Verpflichtung, uns auch um schwächere Jugendliche zu kümmern. Deshalb haben wir das so genannte Verbundprogramm ins Leben gerufen. Im ersten Ausbildungsjahr werden die Teilnehmer in unseren Berufsbildungs- und Technologiezentren gezielt gefördert. Im zweiten Jahr wechseln sie in Partnerbetriebe, in denen sie ihre Ausbildung fortsetzen. Wir sind stolz darauf, dass es uns auf diese Weise gelungen ist, inzwischen mehr als hundert junge Menschen in die Berufspraxis zu bringen. Bildungsverlierer gibt es bei uns nicht. Wir nehmen diese Verpflichtung sehr ernst.

business-on.de: Berufsethik – ein ewig wiederkehrender Begriff, der allerdings früher ernster genommen wurde. In welchem Umfang sorgt die Handwerkskammer für den Erhalt der Handwerks-Ethik?

Bernd Ehinger: Für uns hat Ethik viel mit gesellschaftlicher Verantwortung zu tun, mit Handwerker-Ehre. Unsere Betriebe machen das jeden Tag vor, indem sie Verantwortung für junge Menschen in der Ausbildung übernehmen, aber auch für ihre Produkte. In keinem anderen Wirtschaftszweig wird ehrenamtliches Engagement so hoch gehalten wie im Handwerk. Ohne diesen Einsatz, ohne diese Leidenschaft könnten die Innungen und Kammern ihre Aufgaben nicht erfüllen. Außerdem engagieren sich viele Handwerker noch zusätzlich. Sie unterstützen zum Beispiel örtliche Vereine mit Sachspenden oder als Sponsoren, andere schließen sich zusammen und renovieren unentgeltlich eine Kindertagesstätte. Damit sind wir in einer Vorbildfunktion.

business-on.de: Welche Lehrberufe sind derzeit bei Jugendlichen am stärksten gefragt?

Bernd Ehinger: Zu den beliebtesten Berufen gehören die Ausbildungen zum Kraftfahrzeugmechatroniker und zum Friseur. Aber auch die Elektroniker sind ganz vorne dabei, die Maler und Lackierer, Tischler und Anlagenmechaniker. Genau das ist ja das Schöne am Handwerk: Die Vielfalt ist für junge Leute genau der Anreiz, der greift.

business-on.de: Wie groß ist das Interesse an zusätzlichen Fortbildungen, die beispielsweise in den Betrieben am Wochenende angeboten werden?

Bernd Ehinger: Wir betonen immer, dass nach der Ausbildung das Lernen nicht aufhören darf, Weiterbildung ist enorm wichtig. Das spüren wir auch an der ungebrochenen Nachfrage in unseren Bildungseinrichtungen. Auch wenn die Seminare meist berufsbegleitend abends oder am Wochenende stattfinden, sind viele Kurse immer wieder ausgebucht. Politik und Gesellschaft müssen das aber auch noch erst richtig begreifen.

business-on.de: Wie hat sich die Idee ausgezahlt, dass Handwerksmeister seit 1. Januar 2005 ohne Zusatzprüfung an Hochschulen studieren können?

Bernd Ehinger: Für uns Handwerker war diese Entscheidung der Politik ein großer Erfolg, aber wir hatten auch jahrelang darauf gedrängt. Der Bedarf an qualifizierten Führungskräften in unserem Land steigt. Jeder vierte Handwerksbetrieb steht in den nächsten Jahren zur Übernahme an. Jungmeister, die an die Uni gehen, sehen ihr Studium als Weiterbildung an, weil sie wissen, dass sie einzig über Qualifikation dem Konkurrenzdruck standhalten können.

business-on.de: Wie beurteilen die Mitgliedsbetriebe die wirtschaftliche Lage, wie sieht die Prognose bis 2010 aus?

Bernd Ehinger: Die Geschäfte laufen gut im Rhein-Main-Gebiet. Die Reformen im zurückliegenden Jahr haben dem Handwerk gut getan. Allerdings spüren wir, dass die Dynamik langsam wieder nachlässt. Unseren Betrieben machen vor allem die gestiegenen Einkaufspreise zu schaffen. Die Politik muss deshalb dringend weiter Anreize zum Konsum schaffen und den Steuerbonus auf Handwerkerleistungen ausweiten. Was wir noch bräuchten sind mehr Investitionen der öffentlichen Hand.

business-on.de: Innerhalb der EU wird unterschiedlich ausgebildet und sicherlich auch gearbeitet. Wo steht der deutsche Handwerker in der Ranking-Liste?

Bernd Ehinger: Das deutsche Handwerk steht ganz oben. Das liegt zum einen an unserem hervorragenden dualen Ausbildungssystem. Lehrlinge, die nach einem Praktikum im Ausland wieder in unsere Betriebe zurückkommen, berichten immer wieder stolz, wie gut sie den Anforderungen in dem fremden Land gewachsen waren. Zum anderen liegt das auch an unserem Meisterbrief. Nicht nur bei uns, auch im Ausland wird er als Gütesiegel gesehen. Deutsche Handwerker sind im Ausland begehrt. Das liegt nicht zuletzt an der hervorragenden Qualität ihrer Arbeit. Und das liegt daran, dass sie sich neuen Technologien nicht verschließen, sondern – im Gegenteil – darauf aufbauen.

business-on.de: Ein guter Handwerksmeister musste bis vor einigen Jahren insbesondere in seinem Fach gut sein, heute wird von ihm rein administrativ ein gewaltiges Stück mehr an Wissen verlangt, bis hin zum diffizilen Steuerrecht. Schreckt dies nicht manch’ handwerklich begabten jungen Menschen ab, sich selbstständig zu machen?

Bernd Ehinger: Im Gegenteil. Nach wie vor wagen viele Jungmeister den Schritt in die Selbstständigkeit, weil es sie reizt, eigene Ideen in die Tat umzusetzen. Die zunehmende Bürokratie ist in der Tat ein Punkt, der Betriebsinhaber in ihrem Alltag einschränkt. Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass Überregulierungen Zeit und Geld vergeuden. Erfolgreiches Unternehmertum braucht Handlungsspielräume. Wir bieten dafür regelmäßig Weiterbildungen an, um bürokratische Belastungen noch effizienter managen zu können.

business-on.de: Herr Ehinger, welchen Beruf würden Sie heute wählen, wenn Sie nochmals die Möglichkeit hätten? Wofür würden Sie sich entscheiden als junger Mann? Lehre, Meisterbrief oder gleich nach der Hochschulreife ein Studium?

Bernd Ehinger: Ich würde genau den gleichen Weg einschlagen, wie ich ihn als Lehrling begonnen habe. Nach der Schule eine Ausbildung und dann den Meister machen. Mit dieser Qualifizierung hat man die besten Chancen, ob als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber. Für manche Berufszweige ist es sicherlich interessant, auch noch ein Studium anzuhängen. In jedem Fall aber würde ich wieder in die Elektro-Branche gehen. Da springt der Funke über und bietet heute ein ungemein großes Feld.

Horst Reber
Quelle: Taunus Edition, Ausgabe Frühjahr 2008

Das Einzugsgebiet der Handwerkskammer Rhein-Main reicht vom Hochtaunuskreis sowie dem Main-Taunuskreis im Norden bis zu den Städten Frankfurt, Offenbach, Darmstadt über die Landkreise Offenbach, Groß-Gerau und Darmstadt-Dieburg bis zur Bergstraße und den Odenwald.

(rheinmain)



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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Taunus Edition


 

Bernd Ehinger
Handwerkskammer Rhein-Main

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