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Themenserie Wettbewerblicher Dialog

Wie die polyzentrische Kleinstadt vom Wettbewerblichen Dialog profitiert

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Aus fünf mach eins: Die Stadt Nidderau hat eine ähnliche Vergangenheit wie viele hessischen Kleinstädte – sie wurde im Zuge der Gemeindereform in den 1970er Jahren geschaffen. In Nidderau haben die Reformer gleich fünf ehemals eigenständige Gemeinden zusammengeschlossen.

Das Problem solcher Zusammenschlüsse: Sie sind nicht ursprünglich gewachsen. Die Gemeinden haben jeweils ein eigenes Zentrum, die neu entstandene Stadt besitzt dadurch keine explizite Stadtmitte. Nun ist es aber gerade die Stadtmitte, die eine Stadt ausmacht, die ihr einen unverwechselbaren Charakter verleiht – und die für ihre Einwohner identitätsstiftend ist. Eine Stadt ohne klar erkennbare Mitte ist nur auf dem Papier eine Stadt.

Nidderau hat deshalb im Jahr 2009 beschlossen, sich eine Mitte zu schaffen – und für die Realisierung des Beschlusses ein Vergabeverfahren gewählt, das die Herausforderungen einer solch komplexen Neugestaltung optimal erfüllen kann: den Wettbewerblichen Dialog.

Die NH ProjektStadt, eine Stadtentwicklungsmarke der Nassauischen Heimstätte, übernimmt in Nidderau federführend die gesamte Verfahrenssteuerung.

Eichen, Erbstadt, Heldenbergen, Ostheim und Windecken – die fünf Ortsteile der Stadt Nidderau haben nach wie vor jeweils einen eigenen Ortskern. Die Versorgung der Einwohner geschieht auf dezentraler Ebene, Nidderau hat kein eigentliches Zentrum. Solch ein Zentrum ist aber für die Attraktivität einer Stadt maßgeblich. Nun lässt sich das neue „Herz“ einer Stadt nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Zu viele Faktoren spielen in die Gestaltung einer neuen Mitte hinein, als dass man sie rein zweckgebunden auf dem Reißbrett konstruieren könnte. Die Schaffung eines Stadtzentrums ist eine höchst komplexe Aufgabe, die man mit herkömmlichen Vergabeverfahren nicht oder nur wenig zufriedenstellend lösen kann. Auch stellt sie eine erhebliche finanzielle Herausforderung dar, der sich viele Städte gar nicht stellen können oder wollen.

Komplexität der Aufgabe
Mit dem Wettbewerblichen Dialog hat die Europäische Kommission im Jahr 2005 eine Möglichkeit geschaffen, für komplexe städtebauliche Aufgaben eine optimale und zugleich wirtschaftliche Lösung zu finden. „Über eine europaweite Ausschreibung können sich Investoren bewerben, die das gesamte Projekt als alleiniger Bauherr, mit entsprechenden Partnern, übernehmen wollen. Der Ausschreibung liegt eine detaillierte Projektbeschreibung zugrunde, in der die Stadt die Aufgaben soweit wie nötig spezifiziert“, erläutert Marion Schmitz-Stadtfeld von der NH ProjektStadt. 

Der Clou: Die Stadt und die einzelnen Bewerber erörtern die eingereichten Lösungsvorschläge über mehrere Dialogphasen. Der Auftraggeber tritt in einen offenen und unvoreingenommenen Dialog mit den Bietern; sie vertritt ihre Vorgaben, nimmt aber auch Überlegungen und Anregungen der Bieter entgegen. So konkretisieren sich die verschiedenen Lösungsvorschläge nach und nach und es wird derjenige Entwurf herausgefiltert, der für die Stadt der bestmögliche und zugleich auch wirtschaftlichste ist. 

Für die Nidderauer Stadtverordneten war schnell klar, dass der Wettbewerbliche Dialog das Mittel der Wahl ist, um die angestrebte ‚Neue Mitte’ zu schaffen. Das so genannte Dialoggebiet befindet sich zwischen den Ortsteilen Heldenbergen und Windecken und umfasst eine bisher unbebaute Fläche von 13 Hektar. „Hier wollen wir öffentliche und private Nutzungen kombinieren und Angebote schaffen, die es in Nidderau bisher noch nicht gibt“, erklärt Bürgermeister Gerhard Schultheiß.

Im Mittelpunkt der Planungen stehen vor allem die Themenkreise Verkehrsplanung, neue Gewerbe- und Einzelhandelsflächen, neuer Wohnraum sowie die Gestaltung eines zentralen Platzes und angemessener öffentlicher Freiräume, die Schaffung eines Familien- und Kulturzentrums und neuer Freizeitangebote. Besonders wichtig ist der Stadt dabei die Entwicklung eines ökologisch nachhaltigen Konzepts, vor allem im Hinblick auf eine Ressourcen schonende Energieversorgung und eine effiziente Entwässerung. Umgeben ist das Dialoggebiet vom so genannten Korrespondenzgebiet, einer 25 Hektar großen Fläche, die bereits bebaut ist. Hier befinden sich z. B. ein Kino, ein Schwimmbad, eine Schule sowie das Rathaus. Das neu zu schaffende Stadtzentrum muss sinnvoll in das Korrespondenzgebiet eingebunden werden.

„Mit der ‚Neuen Mitte’ wollen wir für unsere Bürger ein attraktives Stadtzentrum schaffen und die einzelnen Ortsteile zu einer ganzheitlichen Stadt verbinden, mit der sich die Einwohner gern identifizieren, eine Stadt, auf die sie stolz sein können und die nicht nur aus einzelnen, verstreut liegenden Ortskernen besteht“, sagt Bürgermeister Schultheiß. „So, wie vor rund 40 Jahren fünf Gemeinden zusammengeführt wurden, wollen wir nun die Angebote, die eine attraktive und lebenswerte Stadt ausmachen, an einer zentralen Stelle bündeln.“ Dabei solle es aber auf keinen Fall zu einem Abbau des dezentralen Angebots kommen, betont der Bürgermeister. Vielmehr solle Vorhandenes ergänzt und erweitert werden. Um diese anspruchsvolle Aufgabe optimal lösen zu können, sei der Wettbewerbliche Dialog das einzig sinnvolle Verfahren: „Wir können bei diesem innovativen Verfahren in ungewöhnlich intensiver Weise von der Expertise der jeweiligen Bewerber profitieren, bekommen wertvolle Denkanstöße und finden auf diesem Weg die für Nidderau beste Lösung in Sachen integrierter Stadtentwicklung – weg von unzusammenhängenden Ortsteilen hin zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl stiftenden Stadtzentrum.“

Sabine Fauth

(Redaktion)



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