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Trachten

Ein Fundus hessischer Trachten - Gerd J. Grein sammelt seit Jahrzehnten traditionelle Kleidung

(dapd-hes) Bedächtig steigt Gerd J. Grein die Stufen der kleinen Trittleiter hoch. Behutsam zieht er eine der vielen Schachteln aus dem Regal, balanciert sie abwärts. Grein lüftet den Deckel und breitet den Inhalt auf dem großen Tisch aus. Vorsichtig streicht er über den Samtstoff und den plissierten Rock. Der 68-Jährige nennt einen umfangreichen Fundus hessischer Trachten sein Eigen - es ist die größte private Sammlung in Hessen.

Zusammen mit seinem 69 Jahren alten Lebenspartner Hubert Alles sammelt Grein seit Jahrzehnten alles, was mit hessischer Volkskultur zu tun hat, vor allem Trachten und Keramik. Beziffern können sie ihren Schatz nicht genau. Auf die Frage, wie viele Stücke ihre Trachtensammlung umfasst, blicken sie sich fragend an. Um Zahlen geht es ihnen nicht - sondern um die Lust am Sammeln.

Für Grein begann diese Leidenschaft bereits als kleiner Bub. Sein erstes Stück sei die Tasse einen alten Nachbarin gewesen, die sie ihm geschenkt habe, erzählt er. In der elterlichen Wohnung habe er Museum gespielt, mit einem leeren Aquarium als Vitrine.
Christbaumschmuck, Adventskalender, Apfelweingläser

Mittlerweile ist seine Sammlung deutlich umfangreicher. Und auch das Aquarium hat längst ausgedient. Über viele Jahre zeigten Grein und Alles ihre Schätze auf der Veste Otzberg auf dem gleichnamigen Berg im Odenwald. Nach mehreren Schlaganfällen Greins mussten sie das Museum vor einigen Jahren aufgeben. Stattdessen richteten sie unter anderem in einer leerstehende Bankfiliale in Kleestadt, einem Stadtteil von Groß-Umstadt, ihr Magazin ein.

Im Erdgeschoss stapeln sich dort in den Regalen die länglichen Kartons mit Miedern, Röcken, Lederhosen oder Westen. Auf einer Kommode lächelt eine Madonnenstatue selig in den Raum. In einem alten Schrank geben Puppen in verschiedenen Trachten Zeugnis von der reichen Tradition in Hessen. Im Keller füllt Geschirr lange Regalreihen. Christbaumschmuck, Adventskalender, Apfelweingläser und vieles mehr komplettieren das gut geordnete Sammelsurium.

"Ihr Lebenswerk" nennen Grein und Alles die Bestände. Damit es überdauert, haben sie ihre Sammlung dem Land Hessen übertragen. Als Dauerleihgabe wurde sie Ende 2010 dem Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach übereignet. Die dortige Fachbereichsleiterin Wissenschaft, Petra Naumann, schätzt die Sammlung als einzigartig in Hessen ein. "Was das Ganze so wertvoll macht, ist, dass es gerade zur Textilien- und Trachtensammlung jede Menge Dokumentationen und Literatur gibt", sagt sie. Zudem hätten Grein und Alles hessenweit gedacht. "Es gibt ja kein hessisches Zentralmuseum für Trachten. Jetzt haben wir ein kleines geerbt."

Einige Teile aus der bunten Sammlung sind schon im Hessenpark, eine Ausstellung mit Grafiken gab es schon. Die übrigen Stücke werden laut Naumann vor allem in zwei Depots in Kleestadt sowie in Dieburg von externen Wissenschaftlern erfasst und inventarisiert. Geplant sei, die Arbeiten in zwei Jahren abgeschlossen zu haben und die Sammlung ins Magazin im Freilichtmuseum zu bringen.
Tradition stirbt langsam aus

Ein wenig schade finden es Grein und Alles schon, dass ihre Trachten nicht öfter ausgestellt werden, sondern zumeist in den Kartons bleiben. Doch sie sehen auch die Vorteile. "Dauernd auszustellen ist ein bisschen schwierig, dadurch leiden ja auch die teuren Stoffe", sagt Alles und hebt den an einer Stelle etwas zerschlissenen und löchrigen Rock einer Marburger katholischen Tracht an.

Gebrauchs- oder gar alltagstauglich sind die traditionellen Trachten eher nicht. Rock, Mieder, Schürze, Jacke, Haube, Strümpfe, Hemd, Tuch, Strumpfbänder und Brustlatz gehören etwa allein zur schwarzen Hinterländer Sonntagstracht, die auf dem Tisch liegt. "Es war ein größerer Aufwand als heute sich anzukleiden", sagt Alles. Aber traditionelle Trachtenträger seien nur solche, die immer Trachten trügen. "Die richtige Tracht ist ein Kleiderverhalten über das ganze Jahr zu jeder Gelegenheit", erläutert Alles.

Wenig erstaunlich, dass die Tradition langsam ausstirbt. In Hessen gibt es nach Schätzung der beiden Sammler vielleicht noch 300 Trachtenträgerinnen. Der letzte männliche Trachtenträger sei vor etwa 25 Jahren gestorben, sagt Grein. Sie selbst werfen sich nur selten traditionell in Schale. "Wenn man mal eingeladen ist", sagt Grein, verschließt einen Karton mit blauen Hessenkitteln, besteigt die Trittleiter und schiebt den Kasten zurück an seinen Platz.

Von Caroline Schulke

(dapd)


 


 

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