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Unwort des Jahres

"Döner-Morde" vor "Gutmensch" und "marktkonforme Demokratie"

(bo/dapd) Bei der mit Spannung erwarteten Verkündung des Unworts des Jahres 2011 geht es am Dienstag ganz schnell. Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich schreibt es zu Beginn ihres kurzen Vortrags mit einem speziellen Stift auf den Touch-Screen ihres iPads: "Döner-Morde". Das Wort erscheint auch auf einer Leinwand hinter ihr.

Janich setzt die weiteren Unwörter darunter: "Gutmensch" und "marktkonforme Demokratie ". Bei letzterem versagt auf halber Strecke die Technik. "Das muss das nächste Mal besser werden", sagt Janich später.

Die 43 Jahre alte Linguistin an der TU Darmstadt tritt zum ersten Mal als Sprecherin der Jury der sprachkritischen Aktion auf, der sie bereits seit mehr als zehn Jahren angehört. Die Verkündung ist daher erstmals in der südhessischen Stadt. "Ein wenig aufgeregt" sei sie vorher gewesen, sagt sie - und dann fällt ihr ein, dass sie bei der gut besuchten Pressekonferenz ganz vergessen hat, das Börsen-Unwort 2011 zu nennen. "Oje", sagt Nina Janich.

Dass sie das Unwort des Jahres mittels eines iPads verkündet, erinnert an ihren Vorgänger, den Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst-Dieter Schlosser. Der langjährige Sprecher der Unwort-Jury, der nach der Bekanntgabe des 2010er Unworts "alternativlos" in Ruhestand ging, schrieb das ausgewählte Wort stets an eine Tafel. "Das konnte ich natürlich nicht wiederholen, immerhin sind wir hier an einer Technischen Universität", sagt Nina Janich. Der Einsatz eines iPads erschien ihr als logische Entwicklung.

Der Ort und die Art und Weise der Bekanntgabe des stets kurz nach dem Jahreswechsel bestimmten Unworts haben sich verändert, gleich geblieben sind die Kriterien für die Auswahl. Nina Janich nennt sie: Als Unwort geeignet ist ein Wort, wenn es die Menschenwürde verletzt, den Grundprinzipien der Demokratie zuwider läuft, Bevölkerungsgruppen diskriminiert oder einen Sachverhalt verschleiert. "Als Unwort erweist sich ein Wort immer erst durch seinen Gebrauch", sagt Janich.

"Sachlich unangemessen und diskriminierend"

Für das Unwort des Jahres 2011 gingen bei der Jury 2.420 Einsendungen mit 923 verschiedenen Vorschlägen ein, wie Janich berichtet. "Döner-Morde" sei das mit Abstand am häufigsten genannte Wort gewesen, auch die sechsköpfige Jury aus vier Sprachwissenschaftlern, dem "Frankfurter Rundschau"-Redakteur Stephan Hebel und dem CDU-Politiker Heiner Geißler habe sich rasch darauf verständigt.

"Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden", heißt es zur Begründung der Wahl.

Als "Döner-Morde" wurden über Jahre hinweg von Polizei und Medien insgesamt zehn Morde bezeichnet, die an Menschen türkischer oder griechischer Abstammung verübt worden waren. Im vergangenen Herbst ermittelte die Polizei eine Gruppierung aus mindestens drei Neonazis, die sogenannte Zwickauer Zelle, als Täter. Der Begriff stehe "prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde", urteilte die Jury.

Auf die Frage, warum "Döner-Morde" erst jetzt nach jahrelangem Gebrauch zum Unwort gewählt wurde, sagt Janich, bislang sei es nicht eingereicht worden. Auch seien erst 2011 der Hintergrund der Morde und damit das ganze Ausmaß der sprachlichen Verfehlung klar geworden. "Die Wahl fiel besser spät als gar nicht. Allerdings ist auch klar, dass 'Döner-Morde' schon immer diskriminierend und damit ein Unwort war", sagt Janich.

Zum Börsen-Unwort 2011 bestimmten Wertpapierhändler und Analysten an der Börse Düsseldorf übrigens "Euro-Gipfel". Die erhofften Lösungen zur Rettung des Euro hätten sich nach den Gipfeltreffen nicht eingestellt, hieß es zur Begründung. Auch habe es eine regelrechte Gipfel-Flut im vergangenen Jahr gegeben.

(dapd-hes)


 


 

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