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Deutsche Nationalbibliothek

Wider das digitale Vergessen

(bo/ddp-hes). Die Archivare im Keller der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt haben mit der Schnelllebigkeit der EDV zu kämpfen. Zu ihrem Sammelauftrag gehören längst auch digitale Publikationen, deren Langzeitarchivierung allerdings Einfallsreichtum verlangt. Es droht nicht nur ein Schwund der Daten auf ihren oft nicht mehr gebräuchlichen Trägern, sondern auch der Verlust der Lesbarkeit überhaupt. «Ein Word-Perfect-Dokument, das 1990 auf einem Atari- oder Amigacomputer erstellt wurde, kann heute schon kein Mensch mehr lesen», sagt Reinhard Altenhöner, Leiter der Informationstechnologie an der Nationalbibliothek in Frankfurt. «Wie sähe das dann in 200 Jahren aus?»

Viele Studenten hatten einen der frühen Heimcomputer von Atari oder Amiga zu Hause stehen und nutzten sie nicht nur, um sich in stundenlangen Spielsitzungen als «Bundesligamanager» zu erproben, sondern auch, um in den Pausen mit Word Perfect ihre Examens- oder Doktorarbeit zu schreiben. «Von diesen Doktorarbeiten, die zur Druckkostenersparnis nur digital verfügbar waren, haben wir etliche aus den frühen 90er-Jahren», erzählt Altenhöner. «Und natürlich umfasst unser Sammelauftrag auch solche akademischen Publikationen.»

Zwar haben gedruckte Medien - allen voran das Buch - nichts von ihrem Archivwert verloren, aber die Deutsche Nationalbibliothek bewahrt auch elektronische Veröffentlichungen in Netzwerken, digital «zu Papier gebrachte» wissenschaftliche Aufsätze, Onlinezeitschriften und Nachrichten-Websites für die Ewigkeit auf. «Sie sind Teil unseres kulturellen Erbes», sagt Altenhöner. «Sie vollständig zu sammeln und künftigen Nutzern zur Verfügung zu stellen, ist unser Auftrag.» Eine auf einer sperrigen Riesendiskette abgespeicherte Doktorarbeit macht da keine Ausnahme.

Bis vor 15 Jahren war Word Perfect der weltweite Textverarbeitungsstandard, auch im universitären Bereich. Heute ist er bedeutungslos. Nicht mal mehr auf Flohmärkten fände sich inzwischen auch die dazugehörige Hardware, in deren Umgebung die verstaubte Software zum Leben zu erwecken wäre. Im Keller der Frankfurter Nationalbibliothek ist sie noch zu entdecken, einschließlich der veralteten Tastaturen im Keyboard-Format. «Bis jetzt hatten wir keinen unlösbaren Fall», berichtet Altenhöner. «Wir haben immer alles ausgelesen.»

In hartnäckigen Fällen konstruieren die Archivare einen «Emulator», eine funktionelle Nachbildung des alten Systems, mit dem das jeweilige Programm ausgeführt und in ein gängiges Format konvertiert werden kann. «Gelegentlich müssen wir vorher dieses Programm erst identifizieren», berichtet Altenhöner, dessen Abteilung auch für den Leipziger Standort der Nationalbibliothek die digitale Langzeitarchivierung übernimmt. Flimmert dann die heute womöglich brisante Doktorarbeit oder eine alte Brockhaus-Lernsoftware auf dem Bildschirm, werden die Daten von ihrem Träger getrennt.

Gespeichert auf einem modernen Trägermedium, kann Deutschlands kulturelles publizistisches Erbe den künftigen Systemwandel unter Betreuung überstehen. «Auch wenn wir das eigentliche Hard- und Softwareproblem gelöst haben, bereiten bestimmte Formate plötzlich wieder Schwierigkeiten», sagt der Frankfurter IT-Spezialist. In Dokumente eingebettete Grafiken überstehen manchmal nicht den Umstieg auf ein moderneres Betriebssystem. Generell sind digitale Speichermedien empfindlicher als jedes Buch und halten Daten nur wenige Jahre verlässlich fest.

Auf welchen Trägern und in welchen Formaten das kulturelle Wissen einer Nation in seiner Geschichte immer wieder neu abgespeichert wird, ist eine Aufgabe, die Datenarchäologen auch international lösen wollen. Der 44-jährige Altenhöner ist selbst Historiker und führt den Vorsitz der IT-Sektion in der weltweiten Bibliotheken-Föderation. «Wir praktizieren keine Geheimwissenschaft und sammeln letztlich nicht fürs Archiv», sagt er. «Sondern für die Nutzer, denen wir das Wissen zugänglich machen wollen.»

(Redaktion)


 


 

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