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Klimawandel

"Wir wollen gesellschaftsrelevante Themen anpacken" Vier große Institutionen forschen zukünftig gemeinsam zum Klimawandel

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Klimawandel und Artenvielfalt? Mit interdisziplinären Methoden will das neu gegründete Forschungszentrum "Biodiversity and Climate" Zusammenhänge entschlüsseln und Vorhersagen für die Zukunft entwickeln. Partner sind das Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg, die Goethe-Universität, der Deutsche Wetterdienst, EUMETSAT und das Institut für sozial-ökologische Forschung.

Es riecht nach frischer Farbe in den Gängen des ehemaligen Pharmazeutischen Instituts der Goethe-Universität. Im denkmalgeschützten klassischen Kramer-Bau mit seiner honiggelben Klinkerfassade wurden in den letzten Wochen die Räume für das neue Forschungszentrum "Biodiversity and Climate" renoviert. Schon jetzt dienen sie einzelnen Wissenschaftlern als Büros und kleinere Labors, in denen sie den Zusammenhängen zwischen Klima und Artenvielfalt auf den Grund gehen. Mit dem Einzug des gesamten, rund 120 Mitarbeiter umfassenden Teams rechnet Professor Volker Mosbrugger, Wissenschaftlicher Koordinator des neuen Zentrums und Leiter des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg, etwa gegen Ende des Jahres 2010.
Was für einen Wald wollen wir?
Das Besondere an der Neugründung: Vier große Institutionen arbeiten eng verzahnt miteinander. Neben dem Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg und der Universität Frankfurt sitzen der Deutsche Wetterdienst in Offenbach und das Frankfurter Institut für sozial -ökologische Forschung mit im Boot. Dabei ist darüber hinaus auch der Darmstädter Umweltsatellitenbetreiber "Eumetsat". Das Land Hessen fördert das Zentrum mit 18,2 Millionen Euro für den ersten Bewilligungszeitraum 2008 bis 2010 im Rahmen der "Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz", kurz LOEWE. "Unser Forschungszentrum möchte Fragen aus der Gesellschaft in die Wissenschaft bringen und umgekehrt", erläutert Volker Mosbrugger. Genau aus diesem Grunde arbeite man etwa mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung zusammen. Am Beispiel des Themas Wald erläutert Mosbrugger den übergreifenden Ansatz, denn da müsse man sich fragen: "Was will ich von einem Wald? Will ich einen Wald, der möglichst viel Nutzholz bringt, oder einen mit Erholungswert, der schön ist?" Eines ist dem Frankfurter Forscher besonders wichtig: "Wir wollen kein bloßes Exzellenzinstitut sein, sondern auch gesellschaftsrelevante Themen anpacken."
Wie sieht es in Frankfurt in 50 Jahren aus?
"Globale wissenschaftliche Voraussagen zu treffen, ist relativ einfach", sagt Mosbrugger, "ein großes Problem allerdings sind regionale Prognosen." Wie etwa wird es in Frankfurt in 50 Jahren aussehen. Oder in Darmstadt? Bisher habe die Wissenschaft nur grobe Zusammenhänge herausgearbeitet, zum Beispiel, dass ein verändertes Klima dazu führt, dass bestimmte Pflanzen und Tiere aussterben und die Artenvielfalt zurückgeht, dass sich andererseits aber auch neue, widerstandsfähige Arten ansiedeln. "Noch nicht bekannt hingegen ist", so Mosbrugger, "welche Konsequenzen die Erderwärmung für Deutschland, Skandinavien, Afrika oder Hessen hat". Ein Projekt des Forschungszentrums "Biodiversity and Climate" werde sich daher auf Hessens zahlreiche Buchenwälder konzentrieren. Man will dabei untersuchen, inwieweit sich die Buchen an trockenere Sommer gewöhnen können und um welche Baumarten man die Wälder zur Stabilisierung sinnvollerweise ergänzen sollte. Die Versuchsflächen befinden sich in Rüsselsheim, Lampertheim und mitten in Frankfurt, im Botanischen Garten.
Im Mittelpunkt der Forschung steht der Mensch
Das Methodenspektrum der Frankfurter Forscher reicht von der Molekulargenetik und der Massenspektrometrie bis zur satellitengestützten Fernerkundung von Klima- und Ökosystemreaktionen. Geforscht wird von der Arktis über Europa bis nach Afrika. Ein Studienobjekt ist zum Beispiel die Pazifische Auster, die sich an der Nordsee verbreitet und dort bereits die Miesmuschel zu verdrängen beginnt. Oder es sind die afrikanischen Savannen, die, so Mosbrugger, "besonders sensitiv für den Klimawandel sind". Im Mittelpunkt des Interesses der Frankfurter Klimaforscher stehe dabei immer der Mensch, sagt Mosbrugger. Im Fall der Savanne müsse bedacht werden, dass viele Afrikaner ihr natürliches Umfeld zur Herstellung von Naturmedizin nutzen. Verändere sich das Klima maßgeblich, seien also umweltpolitische Maßnahmen erforderlich. Eventuell müsse man dort Schutzzonen errichten, dabei können sogenannte Galeriewälder, die an Flüssen lokalisiert sind, so dass die Wasserversorgung der Bäume selbst bei geringerem Regenfall kein Problem darstellt, eine wichtige Rolle spielen.
Pragmatischer Ansatz
Dass man sich für Frankfurt als Standort des neuen interdisziplinären Forschungszentrums entschieden hat, habe Mosbrugger zufolge nahegelegen: "Viele andere Universitäten rücken molekulargenetische Zusammenhänge in den Vordergrund, die Goethe-Universität besitzt aber immer noch eine starke 'organismische Biologie', die die spezifische Kompetenz von Senckenberg mit seinen weltbedeutenden Sammlungen perfekt ergänzt." Außerdem sei Frankfurt der Sitz des World Wildlife Fund (WWF) und in Eschborn sitzt die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) - beide sind wichtige potentielle Kooperationspartner. Für Volker Mosbrugger, der sich selbst als einen "Menschen mit Interesse an ganzheitlichen Lösungen und größeren Vorhaben" beschreibt, stellt das Forschungszentrum eine große Herausforderung und zugleich die Chance dar, Einfluss auf gesellschaftliche und politische Prozesse zu nehmen. "Es ist aber nicht unser Ziel", sagt Mosbrugger, "ethische Empfehlungen zu geben". Man verfolge vielmehr einen "nüchtern-pragmatischen Ansatz", zeige mit dem Finger "dorthin, wo es wirtschaftlich wehtut". Mosbrugger verweist auf den Bericht 2007 des Weltklimarates der Vereinten Nationen, der in Verbindung mit dem "Stern-Report" von 2006 eindrucksvoll belegt habe, welche immensen Kosten der Klimawandel verursache.

Stadt Frankfurt

(Redaktion)


 


 

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