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Rewind, Play, Fast Forward

Wissenschaftler aus aller Welt befassen sich in Frankfurt mit dem Musikvideo

"Video killed The Radio Star" sangen 1981 die Buggles, als MTV auf Sendung ging. Und binnen kurzer Zeit eroberte der Videoclip das Fernsehen: Bunte oder schwarz-weiße Clips bebildern den Songtext, sind Werbespot zur Musik, Ersatz für eine Tournee oder perfektes Medium zur Selbstinszenierung für die Stars. Manche Videos entpuppten sich als wahre Chartschleudern: Erst die Bilder katapultierten einen Song in die vorderen Ränge. Die Musik steht längst nicht bei jedem Clip im Vordergrund. Welche Strategie die bewegten Bilder auch immer verfolgen: Es sind Clips, manchmal sogar kleine Kunstwerke entstanden, deren Bildwelten und Erzählmuster Kunst, Film und Literatur ebenso wie die Werbung geprägt haben.

Wen interessiert schon die Musik im Videoclip?

Dem Medium Videoclip auf die Spur gehen Henry Keazor, bis vor kurzem Privatdozent an der Universität Frankfurt und inzwischen Professor für Kunstgeschichte an der Universität des Saarlandes, und Thorsten Wübbena vom Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Frankfurt. Die beiden Experten haben unter dem Titel "Rewind, Play, Fast Forward" vom 24. bis 26. Oktober in Frankfurt einen interdisziplinären und internationalen Kongress zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Musikvideos initiiert. Die Referenten, die u.a. aus New York, Rom, Triest, Paris, Basel und London anreisen, werden das Musikvideo aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten: Es sind Musikjournalisten und Kunsthistoriker, Film- und Medienwissenschaftler sowie Fachleute aus Galerien und Museen. Die Vorträge und Diskussionen werden um die Geschichte des Mediums gehen, um seine Interpretation, die Öffnung zu anderen Medien und um seine Zukunft. Ein Referent stellt gar die provokante Frage "Wen interessiert schon die Musik im Videoclip?" Auch Zukunftsprognosen werden riskiert, beispielsweise im Hinblick darauf, wie sich die Rezeption durch neue Medien, transportable Geräte wie Handy, Video-iPod oder neue Technologien wie OLEDs verändert.

Das Genre steckt in der Krise

Henry Keazor und Thorsten Wübbena setzen sich schon seit geraumer Zeit mit dem äußerst komplexen Genre auseinander. Bereits 2005 haben sie in einer Veröffentlichung mit dem Titel "Video Thrills The Radio Star" Hintergrundtexte zum Musikvideo versammelt und damit eine Lücke geschlossen, denn, so Wübbena, "unser Band war die erste derartige Publikation zu Musikvideos im deutschsprachigen Raum". Das Genre, das seinen Anfang nicht erst mit dem Sender MTV nahm, sondern auf eine längere Geschichte zurückblickt, stecke in der Krise, sagen die beiden Experten. Die Plattenfirmen hätten kein Geld mehr für Musikvideos, und folglich würden auch die einschlägigen Sender nicht mehr mit Clips versorgt. Doch das ist nur die eine Seite. Denn längst verändert das Internet das Rezeptionsverhalten. Wurde früher streng darüber gewacht, dass niemand illegal ein Video bekommen konnte, so stellen die Plattenfirmen heute selbst die Clips ins Internet, und jeder kann sich runterladen, was er mag und möchte. Clips kann man auf dem Handy oder dem Video-iPod schauen. Über Reihenfolge und Zusammenstellung bestimmt nun der Konsument und nicht mehr der Produzent irgendwelcher Sendungen, und zwar jetzt, sofort - warten nicht nötig. Krise? Vielleicht gilt doch eher: Das Musikvideo ist tot. Es lebe das Musikvideo.

Kreativer Umgang mit dem Mangel

Wübbena spricht von einer "Zäsur", denn "das Internet wird als Distributionsweg interessanter". Das habe Folgen: Während früher manche Clips mit dem Kino rivalisierten, lohnt sich heute ein bestimmter technischer Aufwand gar nicht mehr. Aber, so Wübbena: "Die Geschichten der Videos werden dadurch nicht schlechter". Jedoch würden angesichts der kleinen Etats die Regisseure vom puren Idealismus angetrieben, um Geldverdienen gehe es da gar nicht mehr, ergänzt Keazor. In der Krise sieht er aber auch eine Chance, denn gute Videoclips müssten nicht immer teuer sein, und manchen Künstlern gelinge es, äußerst produktiv und kreativ mit dem Mangel umzugehen. Dies sehe man etwa sehr eindrucksvoll bei der Chicagoer Band OK Go und ihrem Clip zu "Here It Goes Again". Die vier Sänger laufen, tanzen und singen auf sechs Laufbändern und fabrizieren dabei eine ziemlich ausgeklügelte Choreografie. Dieses Video findet Keazor nicht nur sehr originell, er weiß auch, dass es sogar so erfolgreich ist, dass es inzwischen auf zahlreichen Partys und Feiern Nachahmer findet.

Produktionsplattform Frankfurt

Wübbena und Keazor hoffen, mit der Tagung den Austausch zu fördern. Frankfurt, so Keazor, biete den internationalen Teilnehmern nicht nur eine gute Anbindung: "Frankfurt ist auch als Produktionsplattform für Videos im Kommen."
Astrid Biesemeier

Weitere Informationen: www.muvikon08.net 

(rheinmain)


 


 

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