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"Sitzenbleiben" ist teuer!

Unzureichende Bildung: Das kann teuer werden!

Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Klemm warnt vor Folgekosten unzureichender Bildung. Das Interview führte "change".

Bildungspannen sind teuer! "Sitzenbleiben" kostet die Bundesländer jährlich knapp eine Milliarde Euro. Weitere 2,6 Milliarden Euro verschlingen Förderschulen. Und auch Eltern zahlen drauf: jährlich bis zu 1,5 Milliarden für teure Nachhilfe. Geld, das sinnvoller ausgegeben werden kann, findet der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Klemm - nämlich für mehr Lehrer, bessere Betreuung und gezielte Förderung.

1.Was ist falsch am Sitzenbleiben, an Nachhilfe und an Förderschulen?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Ich würde nicht pauschal sagen, alles ist falsch. Aber nehmen wir das Beispiel Nachhilfe: In einer professionellen Nachhilfeeinrichtung betragen die monatlichen Kosten im Durchschnitt 130 Euro pro Schüler. Das muss man als alleinerziehende Mutter, als Friseurin oder Kassiererin erst einmal bezahlen können!

2. Nachhilfe ist hilfreich, aber ungerecht?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Ja. Deshalb ist auch die Inanspruchnahme von Nachhilfe in den neuen Bundesländern deutlich niedriger als in den alten. Nicht, weil man dort klügere oder schulfreudigere Kinder hat - sondern weil sich die Eltern dort weniger leisten können als im Westen.

3. Was müsste geschehen, damit nicht nur die gefördert werden, die sich teuren Nachhilfeunterricht leisten können?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Die Schulen müssen die Möglichkeit erhalten, zeitliche Freiräume zu schaffen, um individuell helfen zu können. Im Vormittagsunterricht bleibt keine Zeit, sich mit einzelnen Schülern zu befassen. Man braucht eine normale Ganztagsschule, wobei ich nicht sagen will, dass diese das Allheilmittel ist. Die Erfahrung habe ich mit meinen eigenen Kindern gemacht, die beide in Frankreich auf Ganztagsschulen gegangen sind.

4. Was lief da falsch?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Die Didaktik der französischen Schule ist noch immer stark nach dem Dreischritt Anschreiben, Abschreiben, Auswendiglernen organisiert. Und das bis zu acht Stunden am Tag! Da bleibt kein Raum für individuelle Förderung. So wundert es nicht, dass es in Frankreich besonders hohe Sitzenbleiberquoten gibt. Dazu kommt auch an den deutschen Schulen natürlich noch ein zweiter Faktor.

5. ...und zwar?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Die Lehrer! Es gibt welche, die erklären so grottenschlecht, dass kein Kind ohne Nachhilfe klarkommt. Und es gibt Lehrer, die sind so genial und pädagogisch versiert, dass sie auch in einer großen Klasse ihre Inhalte so vermitteln, dass die Kinder nach Hause gehen und alles verstanden haben. Wir haben eben das ganze Spektrum an Lehrern - und deshalb brauchen wir einen zeitlichen Raum, in dem Kinder Inhalte verstehen und vertiefen können, die innerhalb des Unterrichts noch nicht verstanden worden sind.

6. Auch das Sitzenbleiben macht laut ihrer Studien keinen Sinn.
Prof. Dr. Klaus Klemm: Es gibt Fälle, in denen es Sinn macht. Wenn ein Kind ein halbes Jahr aus Krankheitsgründen nicht zur Schule gehen konnte oder aufgrund biografischer Ereignisse zwar da war, sich aber aus dem Unterricht ausgeklinkt hat, kann es richtig sein, es eine Klasse wiederholen zu lassen. Aber wenn man von diesen Sonderfällen absieht, weisen die Befunde der empirischen Schulforschung, die wir dazu haben, darauf hin, dass Sitzenbleiben nicht oder nicht nachhaltig die Schulleistung steigert.

7. Bleiben Kinder, deren Eltern nicht hinter den schulischen Leistungen stehen, eher sitzen, als andere, deren Eltern sich engagieren?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Dazu haben wir keine Daten. Wir sehen aber, dass es von Schule zu Schule und von Land zu Land unglaubliche Unterschiede im Sitzenbleiben gibt. Unterschiede, die nicht mit den Leistungsfähigkeiten der einzelnen Schulsysteme zusammenhängen.

8. Zum Beispiel?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Der Spitzenreiter im Sitzenbleiben ist für das Schuljahr 2007/2008 Bayern mit einer Sitzenbleiberquote von 3,6 Prozent. In Baden-Württemberg lag die Quote hingegen nur bei 1,7 Prozent. Wenn wir aber die Leistungen der bayerischen Schulen mit denen in Baden-Württemberg insgesamt vergleichen, gibt es keine signifikanten Unterschiede, obwohl die Schüler in dem einen Land doppelt so häufig sitzen bleiben wie die des anderen Landes. Wäre Sitzenbleiben also ein Instrument der Verbesserung, müssten die bayerischen Schüler also leistungsstärker sein - sie sind es aber nicht!

9. Wie sieht es beim Vergleich der Schulformen aus?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Laut Statistik bleiben die meisten Kinder in der Realschule sitzen, in der Grundschule am wenigsten.

10. Und in welchen Klassen bleiben die meisten sitzen?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Nach der sechsten zum ersten Mal. Wer dann noch nicht leistungsstark genug ist, zumeist noch in der siebten oder achten. Das sind auch die Jahre der Pubertät, in denen sich viele Kinder einfach auch mal ausklinken.

11. Zusätzliche Nachhilfe oder Folgekosten durch unnötige Sitzenbleiber - was läuft falsch?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Man muss vorsichtig sein mit Pauschalurteilen. Was man sagen kann ist, dass man im deutschen Schulsystem das Ziel hat, in den Lerngruppen möglichst vergleichbar starke Schüler zu haben. Kinder, die in der Grundschule besonders schwach sind, werden auf Förderschulen geschickt. Kinder bleiben sitzen, weil nach vermeintlicher Leistungsfähigkeit sortiert wird. Unser Schulsystem ist mit den Instrumenten der Aufteilung und des Sitzenbleibens so angelegt, dass immer wieder versucht wird, tendenziell Homogenität in der Lerngruppe herzustellen. Dahinter steckt die Grundannahme, dass so am besten zu lernen sei. Nur: Diese Grundannahme wurde international längst widerlegt!

12. Zum Beispiel in skandinavischen Ländern.
Prof. Dr. Klaus Klemm: Ich habe 2002 mit einer Expertengruppe eine deutsche Schule in Helsinki besucht und mit Schülern, Eltern und den dortigen Lehrern diskutiert. Auf unsere Frage, was der Hauptunterschied zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulsystem sei, sagten alle unabhängig voneinander: In Finnland stehe das einzelne Kind im Mittelpunkt! In Deutschland hingegen stehe das Ziel, eine homogene Lerngruppe zu haben, im Mittelpunkt. Wer dem nicht nahe kommt, wird weggeschickt!

13. Sie haben immer wieder die Folgekosten unzureichender Bildung berechnet. Können Sie ein Beispiel nennen?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Im Bereich des Sitzenbleibens können wir sagen, dass die bundesweiten Ausgaben, die durch das Sitzenbleiben und die damit verbundenen Verlängerung der Schulzeit entstehen, bei einer Milliarde Euro liegen. Von diesem Geld könnte man 15.000 Lehrer einstellen, die jeweils etwa 25 Stunden pro Woche unterrichten.

14. Welche Gesamtwirkung hat das?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Wir haben international relativ niedrige Bildungsausgaben gemessen am Bruttosozialprodukt in Deutschland. Und von diesen knappen Mitteln verschleudern wir noch einen Teil völlig unwirksam. Wenn wir also schon so wenig Geld haben, sollten wir doch wenigstens schauen, es sinnvoll auszugeben. Außerdem: Die generelle Auswirkung des Schulversagens kann sich kein Land leisten - schon gar nicht Deutschland mit seiner sinkenden Geburtenrate. Wir haben einen demographischen Mangel - und damit gehen wir auch noch verschwenderisch um!

15. Was würden Sie sofort ändern, wenn Sie könnten?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Da würde ich mit den hohen Abbruchquoten an den Universitäten anfangen. Auch das muss man wieder im demographischen Kontext sehen: Da wir so wenige Schüler haben, die das Abitur machen und studieren können, soll man diese doch auch erfolgreich zuende bilden. Von denen, die in Deutschland zum Beispiel ein Lehramtsstudium aufnehmen, machen nur rund 60 Prozent ein Staatsexamen. Das ist ein Skandal, den wir uns nicht leisten können.

16. Was würden Sie noch ändern?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Die Separierung von schwachen Schülern in Förderschulen und Hauptschulen. Damit nimmt man einer großen Gruppe, von der es heißt, sie hätte eine Lernbehinderung oder seien eher schwache Schüler, jede Chance.

17. Außerdem?
Prof. Dr. Klaus Klemm: ...würde ich mir wünschen, dass wir mehr Geld in unser Bildungssystem stecken. Und als Wunsch Nummer vier: Wir können es uns nicht leisten, dass wir inzwischen zwar Frauen besser ausbilden - der Anteil der Frauen unter den Universitätsabsolventen ist beim ersten akademischen Abschluss inzwischen höher als der der Männer - und dann dieses Potenzial nicht hinreichend nutzen, um all diese hochqualifizierten Frauen auch in die richtigen Arbeitsplätze im Erwerbsleben zu bekommen.

18. Stichwort "Lebenslanges Lernen" - ist das inzwischen in den Köpfen angekommen?
Prof. Dr. Klaus Klemm: Wir haben immer noch stark das Modell des "Lernens auf Vorrat". Unsere Kinder gehen im internationalen Vergleich sehr lange in die Schulen und sind relativ alt, wenn sie das Bildungssystem verlassen. Das durchschnittliche Alter der Universitätsabsolventen liegt bei 27. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass man Lehrpläne und Studienordnung entschlackt und dann die Bildungszeit um ein Jahr verkürzt und jedem Absolventen stattdessen einen Gutschein für ein Jahr Weiterbildung gibt. So könnte jeder die Bildungszeit anders auf sein Leben verteilen!

(Redaktion)


 


 

Klaus Klemm
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