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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Große Liebe aus dem Internet

Internet-Dating wird immer beliebter. Männer und Frauen suchen hier das große Glück. Und erleben manchmal echte Überraschungen, meint unser Kolumnist.

Sie sind drei Freundinnen. Monika ist mit 66 Jahren die älteste und voller Enttäuschungen, weil sie schon seit vielen Jahren allein lebt. Sie sehnt sich vor allem nachts nach Zweisamkeit, wenn sie im Dunkel ihres Schlafzimmers zur Decke starrt und sich vorstellt wie es sein könnte, wenn sich die Muskeln eines Mannes neben ihr im Bett bewegen.

Jeder Mensch wünscht sich einen Partner im Bett. Mit ihm möchte man reden, streiten und ficken natürlich. Was sonst, wenn man noch kräftig genug ist, um die Oberschenkel zusammenzupressen und einen Körper damit an- oder in sich zu drücken.

Maria hat keine Probleme mit wechselnden Partnern. Sie ist nicht so wählerisch, nimmt Dicke und Dünne, Sprachgewaltige oder Schweigsame. “Hauptsache, ich hab was im Bett”, sagt sie. Sie sieht nicht so gut aus für ihr Alter wie Monika. Aber sie ist eine Fröhliche, eine mit der ein Mann Pferde stehlen könnte, wenn das noch wichtig wäre.

Erika ist mit 68 Jahren die Älteste und besonders verschroben. Sie mag keine Männer, hält sie eigentlich für überflüssig, aber praktisch. “Männer können Regale bauen, einen Toaster reparieren und Omelette braten”, sagt sie. Dafür hätte sie gerne einen gleichaltrigen Mann, der nicht mehr viel Lust auf Sex hat.

Treffer im Netz

Monika traut sich auszusprechen, was alle denken. “Ich habe mir einen Mann bei Love-Dating gesucht”, gesteht sie den Freundinnen, “und ich habe den richtigen Lover gefunden”.

Schweigen in der Runde. Wenn sich jemand traut, das Gespräch auf Datingbörsen im Internet zu bringen, sind die meisten Menschen ja voller Hemmungen. Entweder seufzt man still sich hinein oder belächelt die Erzählerin. Man gesteht sich nicht gerne ein, im echten Leben keinen Partner für den Rest des Lebens finden zu können. Wer eine Maschine benötigt, um einen Partner zu finden, gilt in unserer Gesellschaft noch immer als vertrocknete Melone.

Monika erzählt, dass sie nur aus Neugier im Netz nach eine Mann Ausschau gehalten habe. Sie wollte mal sehen, was sich da für Typen anbieten. “Er hat mir sofort gefallen, weil er alles verkörpert, was ich mir von einem Mann wünsche”, schwärmt Monika, “er ist zärtlich, aber nicht vom Sex besessen. Er möchte ein Freund sein. Er ist romantisch, aber auch lebensklug.”

Noch ein Treffer?

“Er ist warmherzig, 68 Jahre alt, sieht aber jünger aus, reist gerne, liebt es aber auch auf dem Sofa zuhause”, ergänzt Erika die Schwärmerei der Freundin.

Monika sieht sie an, als hätte die Freundin sie bei einer Schweinerei, zumindest aber bei einem Blowjob erwischt.

Und noch einer?

Maria schmunzelt und mischt sich ein: “Er möchte seinen Lebensabend mit dir verbringen, liebt Tiere, vor allem kleine Katzen. Er hat Stil. Er ist selbstbewusst, aber nicht dominant. Er möchte der Frau lieber Partner als Herrscher sein.”

Nun sehen Monika und Erika die Freundin irritiert an. Jede der Frauen hat mit einem das Gefühl, dass sie den Internetlover der anderen kennen.

“Woher wisst IHR das”, fragt Monika die Freundinnen.

“Woher wisst IHR das”, fragt Erika mit leichter Empörung in der Stimme.

“Und woher wisst IHR das”, fragt schließlich auch Maria.

Die Freundinnen wechseln verunsichert Blicke. Dann erkennen sie langsam, was sie da gerade entdeckt haben.

“Seid ihr, seid ihr etwa auch bei Love-Dating”, fragt Monika verunsichert.

Erika lacht als erste laut los, dann folgen Maria und schließlich auch Monika.

“Wie heißt deiner”, wendet sich Maria an Monika.

“Wolfgang.”

Maria lacht jetzt noch hemmungsloser - und auch Erika stimmt in das Gelächter ein. Und dann erschallt ein großes, lautes, mehrstimmiges Lachen quer durch das “Café Röstmeister”, so dass sich alle Gäste je nach Stimmung irritiert, empört oder belustigt nach den drei älteren Damen umschauen.

An diesem Tag stellen die drei Frauen später noch fest, dass Internetdatings offensichtlich nicht für sie gemacht sind. Zu viele Klippen an denen eine späte Liebe scheitern kann. Zu viele Feinde auf dem Weg zu einer neuen, grossen Liebe.

“Eigentlich ist Wolfgang ja ein total dämlicher Name”, sagt Monika. Die Freundinnen stimmen ihr zu.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                           Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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