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Arbeitnehmer-Freizügigkeit

Als vor 20 Jahren die Sowjetunion zusammenbrach und ihren Bürgern Reisepässe und Freiheit winkten, glaubten Experten, dass 20 Millionen Frustrierte und Verarmte auf gepackten Koffern säßen - auf dem Sprung nach Westen, auf der Suche nach Arbeit und Glück.

Die Realität sah dann weit weniger dramatisch aus. Ab Sonntag  gilt auch in Deutschland die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus acht jungen EU-Staaten. Und wieder wagen Experten den Blick in die Zukunft, erwarten wahlweise einen Ansturm von Billiglöhnern oder die Lösung des Fachkräftemangels.

Und vermutlich wird die Realität auch in diesem Fall weit weniger dramatisch ausfallen als prognostiziert. Denn erstens haben - ganz wie beim Zerfall der Sowjetunion - auch die Bewohner des Baltikums oder Tschechiens eine Heimat die sie lieben, haben dort Verwandte, Freunde und kulturelle Wurzeln, die sie nicht so ohne Weiteres aufgeben. Zweitens gibt es auch in ihren Heimatländern gute Aufstiegschancen, teils bessere als bei uns. Drittens ist Deutschland das letzte EU-Land, das seine Tore vollständig für sie öffnet. Wer also unbedingt in den Westen wollte, hätte dies längst tun können - in Länder, die ihre Abschlüsse ohne Wenn und Aber anerkennen und wo man Fremden etwas aufgeschlossener begegnet. Und wer viertens bisher schon unbedingt nach Deutschland wollte, hat auch Mittel und Möglichkeiten finden können - ist also schon hier. Zuzug aus europäischen Nachbarländern hat seit Generationen Tradition. Er stellt die Auswanderungsregionen vor mindestens ebenso große Probleme wie die Zielgebiete, denn jedes Land braucht motivierte und qualifizierte Arbeitskräfte. Wanderbewegungen sind somit auch ein Indikator für Investitions- und Arbeitsbedingungen, zeigen auf, wo Verbesserungsbedarf besteht. Das ist eine Chance für ganz Europa. Nur neigen die Deutschen traditionell dazu, die Risiken einer Entwicklung überzubetonen. Und sie glauben, dass die ganze Welt nur darauf aus ist, in ein Land zu strömen, das zwar mit einer hochentwickelten Volkswirtschaft und einem stabilen Sozialgefüge aufwarten kann, als Paradies aber bisher allenfalls für Bürokraten, Pessimisten und Misanthropen taugt. Was am 1. Mai also tatsächlich eintreten wird, ist ein weiteres Stück europäischer Normalität. Dazu gehört Freiheit nicht nur für Waren und Dienstleistungen, sondern vor allem auch für Menschen.

Ein Kommentar von Egbert Nießler / Hamburger Abendblatt

(Redaktion)


 


 

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