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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Der Tatort im Fadenkreuz

Auch wenn das Gros der Tatortzuschauer ebenso wie die Serie in die Jahre gekommen ist, es gibt noch bis zu zehn oder elf Millionen Bundesbürger, die – je nach Publikumsgunst des Ermittlerteams – , Sonntag abends um 20.15 Uhr vor der meist großdimensionierten Glotze sitzen. Dabei geht der Tatort mit der Zeit. Die Ermittler essen nicht mehr nur Pommes und Currywurst, sondern auch schon mal asiatisch.

Ein Tatort ohne Besuch in der gekachelten Rechtsmedizin? Undenkbar. Denn da erfahren die Ermittler mit schöner Regelmäßigkeit, dass die oft schöne und junge Ermordete nicht nur Hämatome hat und kleinste DNA-oder Faserspuren unter ihren Fingernägeln, die sie im Todeskampf ihrem Mörder abgetrotzt hat, sondern auch noch im dritten Monat schwanger war. Und seit einiger Zeit präsentiert man die frisch Obduzierte auch noch gerne mit einer riesigen schwulstig aufgeworfenen kreuzförmigen Oberkörpernaht.

Ob Stephan Völlmicke dies in seiner wissenschaftlichen Untersuchung „40 Jahre Leichenshow – Leichenschau. Die Veränderung der audiovisuellen Darstellung des Todes im Fernsehkrimi ‚Tatort‘ vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Sterben und Tod“ von 2013 auch aufgefallen ist, können mir gerne die Hardcore-Tatort-Fans, die das Buch für 44,95 Euro erworben haben, in der Kommentarfunktion digital mitteilen.

Dicke Bibel, keine Witze...

Auf jeden Fall macht sich der eine oder andere Wissenschaftler oder Autor einen Kopf darüber, was jenseits von Mord und Totschlag noch seit 1970 über den Äther transportiert wurde und sich in den Köpfen von Millionen Zuschauern eingenistet hat. Da wäre z. B. die Rolle der Religion. Also, wenn der Münsteraner Kommissar Thiel sagt: „Die Bibel zum Beispiel: So ein dickes Buch und nicht ein anständiger Witz drin.“ Diesem Thema hat sich Claudia Stockinger in ihrem Werk „Über Schuld, Sühne und Humor: Der Tatort als Spiegel des Religiösen“ gewidmet und erhielt dafür immerhin den Bad Herrenalber Akademiepreis.

Ob kollektives Fernsehen im öffentlichen Raum, Dialektgebrauch und -wandel, Milieustudien oder Föderalismus in der Serie, der Tatort bietet Stoff für wissenschaftliche Untersuchungen aller Art. Man muss kein Prophet sein, um zum 50-jährigen Jubiläum des Formats im Jahr 2020 weitere Neuerscheinungen vorauszusagen.

Falls noch Themen gesucht werden, ich hätte da einen Vorschlag: Zu gerne würde ich wissen, warum der Mörder oder die Mörderin (ja, auch das kommt hin und wieder vor) grundsätzlich nur dann in das Polizeiauto einsteigt, wenn ein Polizist den Kopf herunterdrückt? Lernt man das in der Polizeischule oder stehen amerikanische Krimiserien hierfür Pate?

Ansonsten bin ich einfach gespannt, was sich die Tatortproduzenten noch alles einfallen lassen, nachdem immer öfter Frauen beim Verrichten ihrer Notdurft gezeigt werden und kotzende und seit gestern Abend auch rülpsende Kommissare die Handlung um eine wichtige Facette bereichern.

Wie wäre es denn, wenn als nächstes dem Kommissar bei einer wilden Verfolgungsjagd, die ja bevorzugt über Dächer und Hinterhöfe stattfindet, auch mal einer entfleucht? Das haben sich die Westernregisseure der 60er Jahre nämlich nie getraut, obwohl gerade die Dosenbohnen löffelnden Männer in der Prärie allen Grund dazu gehabt hätten.

(Susan Tuchel)


 


 

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