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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Freie Fahrt für freie Bürger?

45 Millionen Personenkraftfahrzeuge waren 2015 in Deutschland gemeldet. Das macht eine Steigerung von fast 80 Prozent im Vergleich zu 1965 aus. Hätten wir im gleichen Zeitraum so gerne Kinder bekommen wie wir Auto fahren, müssten wir uns wegen der Überalterung der Gesellschaft keine Sorgen machen.

Stattdessen quält sich die alternde und immer älter werdende Bevölkerung über die bundesdeutschen Autobahnen, die insbesondere in den Ballungsgebieten an Rhein und Ruhr von einer stattlichen Anzahl von Großbaustellen bestimmt werden. Dass der Straßenbelag verschleißt und erneuert werden muss, Autobahnen verbreitert, neue Autobahnkreuze gebaut, Brücken saniert werden müssen, dafür hat der Pkw-Fahrer Verständnis, spätestens seitdem auf jeder Autobahnbaustelle auf großen Schildern dafür gedankt wird.

Doch wie steht es mit der Aussage „Wir bauen für Sie!“?

Unterwegs nach Ostfriesland fuhr ich am zweiten Weihnachtstag geschlagene elf Kilometer lang auf der auf einen Fahrstreifen verengten A 31. Die gänzliche Abwesenheit von Bauarbeitern (ich denke, hier kann man ohne Gender-Probleme in der männlichen Form schreiben) entschuldigte ich mit dem hohen Feiertag. Aber auch auf dem Rückweg an einem Werktag hielt ich auf der ebenfalls einspurigen Gegenfahrbahn vergeblich nach gelben Helmen oder Baufahrzeugen Ausschau.

Ob der Bund deutscher Steuerzahler, der die Verschwendung öffentlicher Gelder publik macht, die Miete für alle Baustellenabsperrungsschilder von den Tagen, Wochen oder Monaten, in denen rein gar nichts passiert, schon einmal addiert hat? Ich wette auf einen Eintrag ins Schwarzbuch.

Liegt es an der Arbeit der Straßenplaner oder stimmt die Arbeitsmoral hierzulande nicht, wenn nicht tagtäglich Schüppe und Teerwalze zum Einsatz kommen? Laut Weltarbeitszeitkarte des 17-jährigen slowakischen Grafikkünstlers Martin Vargic, der mit seinen „Maps of Stereotypes“ bekannt wurde, sind die Deutschen mit 48 Wochenarbeitsstunden die Zweitfleißigsten in Europa. Sie werden nur noch von den Schweizern getoppt, die statistisch gesehen mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten.

Dann muss es wohl doch an den Straßenplanern liegen. Vielleicht sollte man für diese Aufgabe nur Leute beschäftigen, die keine „Planungsmuffel“ sind. Dänische Forscher haben nämlich herausgefunden, dass es eine Hirnregion gibt, die bei vielen Menschen deutlich reagiert, wenn sie bestimmte Dinge sehen wie etwa Adventskerzen oder Weihnachtsbäume. Reagiert diese Hirnregion nicht, hat man es mit einem klassischen Weihnachtsmuffel zu tun.

Die Forscher zeigen sich aufgrund der akkuraten Ortung des Weihnachtsgeistes sogar optimistisch, dass man diesen Menschen helfen könnte.

Bitte, liebe dänische Forscher, findet doch einmal heraus, welche Hirnregion besonders reagiert, wenn es um die Planung und Durchführung von Bauarbeiten geht und führt diese Tests mit den zuständigen Planern in den Ministerien und Ämtern durch. Und welcher Arbeitgeber wüsste nicht lieber im Vorfeld, ob er einen „Arbeitsmuffel“ einstellt?

Übrigens: Im Gegensatz zu den Bürgern, die laut aktueller jährlicher Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zum Jahreswechsel nur noch zu 41 Prozent - statt wie im Vorjahr zu 55 Prozent – optimistisch ins neue Jahr blicken, bin ich voller Optimismus: sowohl die Pkw-Maut als auch der Flüchtlingssoli kommen. Und für beides wird man einen Haufen guter Gründe finden. Das jedenfalls signalisiert mir meine Hirnregion, die auf politische Pläne reagiert.

(Susan Tuchel)


 


 

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