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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Islam und Patriarchat auf dem Vormarsch?

Die „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq - unschöne Politutopie, chauvinistische Männerphantasie und dennoch lesenswert.

Nachdem die Wogen um die zeitliche Koinzidenz des islamistischen Terroranschlags auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo und das Erscheinen des Romans „Die Unterwerfung“ des Schriftstellers Michel Houellebecq verebbt sind, lohnt sich ein Blick ins Buch. Der Autor, den ich bislang aus der Romanlektüre der schlüpfrigen „Elementarteilchen“ und der „Plattform“ kannte, brilliert in seinem jüngsten Werk auch mit literaturwissenschaftlichen Kenntnissen über den französischen Romancier Joris-Karl Huysmans.

Über ihn hat sein Protagonist François, Literaturprofessor an der Pariser Sorbonne, promoviert. Bei der Reflexion über seinen bisherigen wissenschaftlichen Werdegang beantwortet er auch die bekannte Schillersche Frage aus dessen Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ für sein Fach kurz und knapp: „Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier im Grunde mit einem recht ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf.“ (S. 13)

Wir begleiten François im Jahr 2022 bei all seinen Beziehungs- und Erektionsproblemen, wir kennen seine Essens- und Trinkgewohnheiten (er trinkt gerne und viel), erfahren, dass er „politisiert [war] wie ein Handtuch“. Doch die Politik holt ihn in seinem Elfenbeinturm ein, als Ben Abbes von der Bruderschaft der Muslime Frankreichs neuer Präsident wird. Ein Umbruch, der nicht ohne Gewalt abgeht, die von den Medien jedoch totgeschwiegen wird. 

Die neue Regierung befördert den Agnostiker François kurzerhand mit 44 in den Ruhestand. Dem Wissenschaftler gelingt die Neustrukturierung seines Lebens nicht und aus Langeweile und Verzweiflung freundet er sich peu à peu mit der Idee an, zum Islam zu konvertieren. Ein Schritt, der ihn sowohl wegen der eingeführten Polygamie mit einem Schlag all seiner Frauenprobleme entledigen würde als auch finanziell äußerst lukrativ wäre. Auf diesen neuen Zug aufgesprungen ist bereits der Rektor der Sorbonne Robert Rediger, der übrigens an einem Ostermontag zum Islam konvertierte und ein Taschenbuch mit dem Titel „Zehn Fragen zum Islam“ verfasst hat. 

Und hier kommen wir zum Kern des Buches, zum Titel, den Rediger erklärt: „Es ist die Unterwerfung […]. Der nie zuvor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der Unterwerfung besteht. […] Aber für mich besteht eine Verbindung zwischen der unbedingten Unterwerfung der Frau unter den Mann […] und der Unterwerfung des Menschen unter Gott, wie sie der Islam anstrebt.“ (S. 234). 

François' treibt nur noch ein Problem um: Wie soll er sich aus den mittlerweile verhüllt gekleideten Frauen in Paris eine bzw. mehrere attraktive heraussuchen? Aber auch für dieses Problem haben die muslimischen Gesellschaften, wie Rediger ihm erklärt, eine Lösung: Kundige Heiratsvermittlerinnen übernehmen dieses Geschäft für die Männer. Der Literaturprofessor François malt auf den letzten Seiten seine Konversion zum Islam in allen Einzelheiten aus, allerdings im Konjunktiv. 

Nicht-muslimische Frauen sind bei diesem Konstrukt natürlich aus dem Rennen. Welche Männer den Verlockungen einer patriarchalen Religion und Politik am Ende widerstehen könnten, ist natürlich reine Spekulation und Gottlob auch noch Fiktion.

(Susan Tuchel)


 


 

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