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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Nun sag, wie hast du‘s mit dem Klima?

Aus der Gretchenfrage ist längt die Gretafrage geworden.

Auch ohne entblößte Brust oder einen Sturm auf die Bastille hat es Greta Thunberg geschafft, dass viele Schüler freitags nicht mehr zur Schule gehen und sich immer mehr Menschen bei aller Ungleichheit des ökologischen Fußabdrucks gegenseitig bei Demonstrationen darin bestärken, die Klimaerwärmung und den Untergang des Planeten wenn schon nicht zu verhindern, so doch zumindest zu verlangsamen.

Greta - der Name ist Programm und wird in den nächsten Jahren vermutlich steil nach oben gehen bei den beliebtesten weiblichen Vornamen, zumindest in Schweden und Deutschland.

Greta ist für mich schon heute auf dem Weg zu einer internationalen „Klimaheiligen“ und Papst Franziskus wäre gut beraten, diese Erweckungsbewegung auch im Sinne von Maria 2.0 in seinem Heiligsprechungsrepertoire zu berücksichtigen.

Greta in Worms

Die Greta-Euphorie dringt auch in andere kulturelle Bereiche ein. Hätte mich jemand gefragt, wer in diesem Jahr den „Mario-Adorf-Preis“ bei den Wormser Nibelungenfestspielen verliehen bekommen wird, hätte ich nach der Aufführung von Thomas Melles‘ Stück „Überwältigung“, zu der ich eigens in die Domstadt gereist war, wie aus der Pistole geschossen gesagt: Ganz klar, Ortlieb, weil er die Greta ist, das kluge Kind, das gegen das ewige Morden und Töten der Erwachsenen aufbegehrt. Gegen diesen Zeitgeist kann selbst ein Schauspieler vom Format eines Klaus-Maria Brandauer als Hagen nichts ausrichten.

Ortlieb (gespielt als Hosenrolle von Lisa Hrdina), ist der Sohn der rachedurstigen Kriemhild und ihres Zweitgemahls, des Hunnenkönigs Etzel. Der eigentlich schon als „Bauernopfer“ getötete Junge zäumt das Stück von hinten auf, nimmt die Katastrophe vom Ende in Augenschein und versucht an den Schaltstellen des Geschehens einzugreifen. Allerdings ohne Erfolg, denn der Untergang der Nibelungen lässt sich nun einmal nicht rückgängig machen.

So sehr sich Ortlieb in seinem Schlafanzug-Outfit (vielleicht eine Anspielung auf Peterchens Mondfahrt oder den kleinen Häwelmann?) und mit Gretafrisur auch darum bemüht. Aber dieses Scheitern spielt er/sie so hervorragend, dass auch die Jury nicht anders konnte, als Lisa Hrdina den „Mario-Adorf-Preis“ für außergewöhnliche künstlerische Leistungen zu verleihen.

In der offiziellen Pressemitteilung der Wormser Nibelungenfestspiele liest sich das so: „Stellvertretend für das gesamte Ensemble und den Geist der Festspiele ist durch Lisa Hrdinas Spiel eine Figur entstanden, die sich in ihrer besonderen Darstellungsweise zwischen den verschiedenen Generationen und Zeiten, zwischen dem Mythos und der Gegenwart bewegt und dadurch berührt und beeindruckt.“

Stimmt auffällig. Die Inszenierung ruft den Zeitgeist auf den Plan. Ein unschuldiges Kind pocht auf sein Recht auf Leben und dem Zuschauer ist klar: Es kommt eine Generation, mit der man rechnen muss - auf der Bühne in Worms genauso wie bei den Fridays-for-future-Demos.

Also Angst vor dem Untergang? Jedenfalls beträfe er nicht nur die Burgunden und die Hunnen, sondern die gesamte Menschheit. Die Gretafrage: Wie hast du’s mit dem Klima? scheint nicht mit einem Faustschen: „Laß das, mein Kind!“ beantwortet zu sein. Denn: „man muss dran glauben.“

(Susan Tuchel)


 


 

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