Weitere Artikel
Zechenkind

Designerblüten aus dem Kohlenbergbau

Die Dortmunderin Anika Beller-Kraft verarbeitet ausgediente Bergarbeitermonturen zu Taschen, Portemonnaies sowie Schlüsselbändern. Dabei ist es ihr wichtig, dass ihre Unikate der Marke „zechenkind“ ein Stück Ruhrgebietsgeschichte enthalten.

business-on: Warum verwenden Sie alte Bergmannsbekleidung für Ihre Produkte?

Anika Beller-Kraft: Auf den Drillich bin ich zunächst zufällig gestoßen, für mich liegt darin ein großer Reiz. Zum einen trägt er die Geschichte des Ruhrgebiets in sich, denn die Kohle hat das ehemals weiße Material grau und braun verfärbt. Je häufiger die Kumpel unter Tage waren, desto intensiver ist die Färbung geworden. Daran ändert auch der Kochwaschgang nichts, dem ich die Stoffe vor der Weiterverarbeitung unterziehe. Neben der unterschiedlichen Farbigkeit fühlt sich das Gewebe als solches zudem schön an. Es ist jeansähnlich, robust und lässt sich toll verarbeiten. Hinzu kommt der individuelle Charakter: Jede Jacke, jede Hose hat eine andere farbliche Nuance, hier und da gibt es mal einen kleinen Rostfleck. Dadurch sind meine Taschen Unikate, die ein Stück Ruhrgebietsgeschichte darstellen.

business-on: Es ist also eher eine Wertschätzung für Land und Leute als ein Gag?

Anika Beller-Kraft: Absolut. Ich stamme von hier, bin quasi selbst ein Zechenkind. Mich stört es, dass das Ruhrgebiet einerseits durch die Klischees von Kohle und Stahl belastet ist, während andererseits die Imagekampagnen der letzten Jahre unsere Geschichte verdrängen. Ich denke, der Kohlenbergbau ist eine wichtige Wurzel des heutigen Ruhrgebietes, er hat unsere Region und die Menschen entscheidend geprägt.

business-on: Ihre Stücke heißen Königsgrube, Tremonia oder General Blumenthal – wie sind Sie auf diese Bezeichnungen gekommen?

Anika Beller-Kraft: Dabei handelt es sich um Namen alter Zechen. Da zechenkind eine Ruhrgebietsmarke ist, habe ich hier in der Gegend nach meinen Produktnamen gesucht. Beispielsweise befindet sich eine Tasche in meiner Kollektion, die etwas ausgefallener mit Blumenbordüren gestaltet ist. Da passt der Name „General Blumenthal“ einfach gut.

business-on: Sie lassen Ihre Kollektion ja auch hier fertigen. Wie wichtig ist Ihnen dieses „made in Ruhrgebiet“?

Anika Beller-Kraft: Meine Produkte werden von Hand in der Region hergestellt, in einem Nähprojekt mit 15 ehemals arbeitslosen Frauen. Hiermit bleibe ich also ebenfalls meiner Region treu. Außerdem möchte ich den kreativen Köpfen in Berlin oder Hamburg etwas entgegensetzen. Im Ruhrgebiet gibt es auch Designer mit Ideen, und wir sind stolz auf unsere Region. Hier ist viel passiert, der Strukturwandel hat die Region stark verändert. Da ist eine neue Generation herangewachsen, die das Ruhrgebiet mit dem Blick in die Zukunft neu definiert. Dabei stellt sich im Moment immer noch ein gewisser Überraschungsmoment ein, aber die Leute reagieren sehr interessiert.

business-on: zechenkind ist seit Anfang des Jahres auf dem Markt. Wie entwickelt sich denn die Nachfrage?

Anika Beller-Kraft: Besser, als ich zu träumen gewagt hätte. Die Leute verstehen mein persönliches Anliegen, das Erbe des Ruhrgebiets hochzuhalten, teilweise aus eigener Erfahrung. So schrieb mir etwa eine Frau aus Herten, weil sie noch eine alte Bergarbeiterjacke von ihrem Mann besaß, der unter Tage gearbeitet hatte. Sie wollte, dass ich aus genau dieser Jacke eine „Bergmannsglück“-Tasche herstelle. Die habe ich dann genäht, und sie hat sich riesig gefreut. Solche Beispiele gibt es viele. Die Menschen mögen es, ein Stück ihrer Geschichte quasi am Körper zu tragen. Auf meine Kunden außerhalb des Ruhrgebiets – die über die Internetseite von zechenkind bestellen können – überträgt sich dieser Gedanke ebenfalls. Dabei spielt außerdem eine Rolle, dass die zechenkind-Produkte recycelt sind und damit einen ökologischen Aspekt haben. Ich liefere gerade die erste Tasche nach Kalifornien, habe Anfragen aus der Schweiz sowie Österreich – das ist schon überraschend.

business-on: Sie haben den 1. Preis bei der Gründerwerkstatt Kreativwirtschaft gewonnen. Was hat sich dadurch für Ihr Unternehmen verändert?

Anika Beller-Kraft: Die Öffentlichkeit ist auf zechenkind aufmerksam geworden, das war sehr schön. Ich habe mich über die Auszeichnung gefreut und gedacht, dass meine Geschäftsidee also so schlecht nicht sein kann. Das gibt mir natürlich Kraft. Wichtiger war aber noch der Lernprozess davor. Denn ich habe nach meinem Diplomstudium noch das „Zertifikatstudium Kulturarbeit und Kreativwirtschaft“ absolviert, das die TU Dortmund Absolventen anbietet, die ein Unternehmen gründen möchten. Dort habe ich die kaufmännischen Dinge gelernt, die mit einem Unternehmen verbunden sind, einen Businessplan erstellt, an den Stärken und Schwächen meiner Geschäftsidee gefeilt. Dieses Coaching hat mir sehr geholfen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

business-on: Was sind Ihre weiteren Pläne?

Anika Beller-Kraft: Anfang des nächsten Jahres gründe ich mit anderen Kreativen im Union Gewerbehof in der Dortmunder Innenstadt nahe des U’s ein gemeinsames Atelier. Wir planen unter anderem einenShowroom, wo man ab Werk Produkte kaufen kann. Es liegen noch viele Ideen in der Schublade, die wir gemeinsam realisieren möchten. Im Frühjahr werde ich dann mit einer neuen zechenkind-Kollektion aufwarten.

(Redaktion)


 


 

zechenkind
Ruhrgebiet
Anika Beller-Kraft
Bergarbeiter
Kohle
Region
Geschichte
Taschen
Portemonnaies
Schlüsselbänder
Ruhrgebietsgeschichte
Design
Mode

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "zechenkind" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: