23.02.2012  08:41 Uhr

Krisendeutsch
Die 10 wichtigsten Finanzbegriffe, schnell erklärt

SaarLorLux. Wo bitte geht's zur Eurorettung? Viele verstehen nur noch Bahnhof und Griechische Dörfer. Abstraktes Krisendeutsch ist in aller Munde, aber was steckt hinter Begriffen wie Finanztransaktionssteuer oder Schuldenbremse? Wenn der Laie die Krise kriegt – hier kommen die wichtigsten zehn Schlagwörter, ganz einfach erklärt.

1. Finanztransaktionssteuer

Sehr charmant und dabei glasklar: Heike Makatsch und Jan-Josef Liefers erklären die Finanztransaktionssteuer (FTS), als Teil der Kampagne "Steuer gegen Armut", deren 89 Mitgliedsorganisationen ihre Einführung bereits seit Herbst 2009 fordern. Liefers, ganz Vorzeigebanker, findet die FTS eine "süße kleine Idee (...) aber eine erhebliche Belastung für die Banken (...), wahnsinnig komplex".

Wer den TV-Spot verfolgt, erkennt schnell: Im Spekulationsspielfeld von Brokern, Händlern und Zockern wechseln Milliardenbeträge ihren Besitzer - mit einem Klick. Spekulationen, die Währungsstabilität und Balance des globalen Finanzsystems stören.

Doch erhebt der Staat einen Prozentbetrag auf Aktien-, Devisen- und Anleihegeschäfte sowie den Handel mit Risikopapieren, spülen kleine 0,05 Prozent 40 Milliarden in die deutsche Staatskasse - jedes Jahr. In der Hoffnung, die Lust am Zocken zu dämpfen, Ruhe in den Markt zu bringen und diese Steuereinnahmen für Armutsbekämpfung oder Umweltschutzmaßnahmen zu verwenden.

2. Derivate

Dortmund Wambel, Galopprennbahn: Beflügelt von Insidertipps, setzen Sie auf den Außenseiter – das Geld ist weg. Wer Rennbahnrasen gegen Börsenparkett tauscht, erlebt die Umkehrung des Prinzips: Hier gewinnt, wer als letzter einläuft. Denn in Krisenzeiten laufen Derivate zur Hochform auf.

Man wettet z. B. auf den fallenden Kurs von Euro, Aktien oder Rohstoffen, immer mit Blick auf deren jeweiligen Basiswert, um bei wenig Einsatz große Renditen einzufahren.

Doch warum wurden Derivate ursprünglich eingeführt? Für den Fall, dass sich Basiswerte in Richtung Verlust entwickelten, sollte das Setzen auf Derivate einen gewissen Ausgleich bilden.

3. Hedgefonds

Hedgefonds - wörtlich: Absicherungsfonds - machen sich Derivate zu Nutze. Das Ziel: Nicht nur bei fallenden, sondern auch bei steigenden Märkten Gewinn zu machen, z. B. über Leerverkäufe, die eigentlich „Leihverkäufe" sind: Gegen Provision wird ein Aktienpaket geborgt und in der Hoffnung auf Kursverfall an der Börse verkauft.

Ist der Kurs dann im Keller, kauft man das geliehene Paket einfach zurück. Schon ist es wieder in den Händen von Fondsgesellschaft oder Bank – die Differenz steckt sich der Hedgefonds in die Tasche. Spekulativer und risikoreich, aber außerordentlich einträglich. Allerdings sind risikoextreme Single-Hedgefonds in Deutschland verboten.

Weniger schwankungsanfällige, dafür nicht ganz so renditeträchtige Dach-Hedgefonds (Pakete mehrerer Fonds) sind - immer mit Hinweis auf potentiellen Totalverlust - sehr wohl zugelassen.

4. Schuldenbremse

Ohne Schulden geht es nicht - also: Wenigstens Deckel drauf und eine Obergrenze festlegen, um die Eurozone zu stabilisieren. 2011 legte der EU-Gipfel die Schuldenbremse als Teil der Verfassung jedes der 17 Eurostaaten fest sowie ein strukturelles Defizit von maximal 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung (selbstgewählte 0,35 Prozent für Deutschland). Mit neuen Schulden alte abtragen? Ab 2016 ein No-Go für Deutschland, weil jährlich acht bis zehn Milliarden eingespart werden müssen.

5. Kapitalerhöhung

Kathrin Schulte-Bunert vom ARD-Börsenlexikon erklärt diese in einem Video von weniger als 90 Sekunden: „Auslöser für diese Maßnahme ist meist, dass eine Firma Geld braucht". Ist es so einfach? Ja! Mittel fließen in Projekte wie den Kauf anderer Unternehmen, bessere Kreditwürdigkeit oder in eine Art Risikopuffer, so Schulte-Bunert: „Das Unternehmen gibt neue Aktien aus und kassiert dafür Geld (...) (die Aktionäre) müssen in die Tasche greifen und neue Papiere kaufen."

Nachteil: Der Anteil jedes einzelnen Aktionärs schrumpft. Ruft ein Unternehmen: „Kapitalerhöhung!“, dann geht der Wert der Aktie in den Keller.

6. Europäische Bankenaufsicht

Wer ist das? Gut 25 Köpfe in London, Experten der jeweiligen EU-Länder von Bankaufsichtsbehörden, Notenbanken und der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Job der Überwacher u. a.: Geldinstitute bei zu dünner Eigenkapitaldecke und fehlender Gewinnausschüttung schließen. Kritikern gilt die EZB als überfordert - in der Finanzkrise habe sie versagt.

7. Kernkapital

Nur Grundkapital und einbehaltene Gewinne sind Kernkapital. Nicht wieder investiert, ruht hier der Notgroschen. Hier setzt der Hebel an, der ein krisengeschuldetes Kippen Europäischer Banken verhindern soll: Der bislang niedrige Prozentsatz des unangreifbaren Kern- am Gesamtkapital ist bis Juni 2012 auf 9 % zu erhöhen, um auf einen Staatsbankrott in Europa vorbereitet zu sein.

Commerzbankchef Martin Blessing im Club der Hamburger Wirtschaftjournalisten: „Ich gehe da nicht noch mal hin." – er meint staatliches Backing. Die von den Regulierern verlangte Kernkapitalquote erreiche man auch so. Befürchtungen einer Kreditklemme widersprach Blessing: Die Commerzbank jedenfalls hätte noch mehr für den Mittelstand reserviert, als dieser bislang abgerufen habe.

8. Kreditklemme

Wie entwickelt sich die Wirtschaft? Ein Blick auf die Kreditvergabepraxis der Banken verrät es. Banken nutzen ihren längeren Hebel hinsichtlich Kreditvergabe und Konditionen: Lahmt die Konjunktur, gewähren sie aus Angst vor Ausfällen ungern Unternehmenskredite. Und manchmal werden Banken selbst zum Bittsteller um frisches Geld - kommt es nicht rein, ist die Kreditklemme da.

Das Ifo-Institut, das jeden Monat gut 4000 Unternehmen zum Thema Kreditbeschaffung befragt, ermittelte eine derzeit niedrige Kredithürde: Deutsche Unternehmen erhalten vergleichsweise einfach Kredite, Schulden- und Bankenkrise zum Trotz. Eine Tatsache, die für krisengeprägte Euroländer weit weniger gilt, womit sich der Kreis schließt: So wird die Wirtschaft langfristig lahmgelegt.

9. Nettokredit, Bruttokredit?

Ganz einfach: Eigentlich kostet Ihr neues Sofa nur 700 Euro. Doch wenn Sie keinen Bekannten finden, der Ihnen diesen Betrag zinslos leiht, muss die Bank herhalten – und bittet Sie in Form von Zinsen und Gebühren zur Kasse. Schon erhöht sich Ihr Nettokreditbetrag um 300 auf 1000 Euro – Ihren Bruttokredit.

10. Weltfinanzsystem, Bulle & Bär

Klingt bombastisch, meint aber nicht mehr als die globale Verflechtung von Banken und Wirtschaft - und es geht tierisch ab: Nach Art kalifornischer Goldgräber-Schaukämpfe. Schafft es der Bulle nicht, den Bären in die Luft zu wirbeln, ringt der Bär den Stier nach unten – eine Metapher für das Auf bzw. Ab von Werten innerhalb des Weltfinanzsystems.

Denn Bullenmärkte (Haussemärkte) sind Märkte steigender Preise bzw. potentieller optimistischer Preiserwartungen. Irgendwann mutieren stärkster Bulle und Börsenbubble zum Bären, der seine Tatzen pessimistisch Richtung Boden schlägt: Die Preise im Bärenmarkt (Baissemarkt) fallen, im Extremfall bis zum Crash. Vorsicht - jetzt baisst der Bär.

Redaktionelle Beratung: www.akademieunion.de


 

(FN)

  • Tags:
  • Krisendeutsch
  • Schuldenkrise
  • Begriffe
  • Erklärung
  • Derivate
  • Transaktionssteuer
  • Kernkapital
  • Bankenaufsicht
  • Eurokrise
  • Finanzkrise
  • Finanztransaktionssteuer
  • Bank
  • Wirtschaft
  • Schulden

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Presse / testroom.de



 


Mehr zum Thema Wissen:

 

Kommentar abgeben »


Kommentar abgeben:
Bei einer Antwort möchte ich per Email benachrichtigt werden an meine Emailadresse: (wird nicht veröffentlicht)
 
Nach obenNach oben
business-on.de SaarLorLux - Das Wirtschaftsmagazin der Region Saar-Lor-Lux
Wirtschaftsmagazin für die Großregion Saar-Lor-Lux mit Saarland, Region Trier, Luxemburg, Ostbelgien, Pfalz und Lothringen.

© 2012 Dreilandmedien UG (haftungsbeschränkt).  Alle Rechte vorbehalten.


CONTENT für Ihre Webseite RSS Feeds