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Wirtschaftsinterview

Ein Detektiv packt aus

Ob Sabotage, Korruption, Schwarzarbeit, Markenpiraterie oder Informationsdiebstahl – die Fälle von Privatermittler Tamer Bakiner sind heikel und oft millionenschwer.

Was man sonst nur von Magnum oder Matula aus dem Fernsehen kennt, ist für den 43jährigen Augsburger Tamer Bakiner tägliches Brot: Recherchieren, Oberservieren, Beweise sammeln, Überführen. Dafür wechselt er sein Aussehen und seine Identität so häufig wie seine Auftraggeber, die vom großen Dax-Konzern, über den Mittelstand und kleinen Handwerksbetrieben bis hin zu verzweifelten Privatpersonen reichen.
Für ihn ist es deshalb wichtig, dass man ihn nicht als den erkennt, der er ist: ein Privatdetektiv. 20 Jahre arbeitet der Bayer nun schon in seinem Job und gehört mit einer Aufklärungsquote von deutlich mehr als 90 Prozent zu Deutschlands Top-Ermittlern. Da er sich Stück für Stück aus der reinen Ermittlungsarbeit zurückziehen und mehr im Hintergrund arbeiten will, hat sich der Privatdetektiv jetzt erstmals in die Öffentlichkeit gewagt. Mit seinem ersten Buch „Der Wahrheitsjäger“ (Ariston, € 16,99) landete Bakiner sofort auf der Spiegel-Bestsellerliste. Er schrieb es, weil  er darauf aufmerksam machen will, wo überall die Gefahren eines Betrugs lauern und wie man rechtzeitig Maßnahmen ergreifen kann, um sich entsprechend zu schützen. Dazu gewährt Bakiner interessante Einblicke in seine Ermittlungsarbeit, die selbst gestandene Kriminalisten und Strafverteidiger staunen lässt.



„Der internationale Markt für Wirtschaftskriminalität boomt auf allen Ebenen“, sagt Tamer Bakiner im Gespräch mit Business-on. „Jeder ist gierig nach Geld, somit sind viele Menschen käuflich.“ Rund 70 Prozent seiner Aufträge erhält der Detektiv aus der Wirtschaft, überwiegend von mittelständischen Betrieben. Neben dem Problem der Schwarzarbeit geht es hauptsächlich um den Diebstahl von Entwicklungsdaten- und -methoden sowie um Markenpiraterie.

Herr Bakiner, laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom glauben 60 Prozent der deutschen Unternehmen, dass sie nicht ausreichend gegen Wirtschaftskriminalität wie Sabotageakte, Datendiebstahl oder Wirtschaftsspionage geschützt sind. Was sagen Sie als Fachmann dazu?


Bezogen auf den Mittelstand und kleinere Handwerksbetriebe trifft diese Annahme mit einer großen Wahrscheinlichkeit zu. Diesen Betrieben fehlt es - im Vergleich zu großen Konzernen mit eigener Sicherheitsabteilung - an Zeit und Personal, um sich im Vorfeld richtig zu schützen. Außerdem scheuen sie zumeist die Kosten, die solche Schutzmaßnahmen nach sich ziehen. Sie reagieren oftmals erst dann, wenn schon ein beträchtlicher Schaden entstanden ist. Deshalb rate ich allen Unternehmern, auf keinen Fall an der Sicherheit zu sparen.


Welche Sicherheitsmaßnahmen sind in Ihren Augen ein Muss?

Gegen Informationsdiebstahl oder Werksspionage ist man vergleichsweise machtlos, denn dahinter kann jeder Mitarbeiter stecken. Aber handelt es sich um die Besetzung von Posten in sensiblen Bereichen wie z.B. in der Entwicklung, sollte man möglichst auf vertraute und bewährte Mitarbeiter zurückgreifen und ihnen ein gutes Gehalt zahlen, damit sie mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden sind. Die größte Gefahr geht vorwiegend von unzufriedenen Mitarbeitern aus, die sich gegebenenfalls durch den Verkauf von brisanten Informationen ihr Gehalt deutlich aufbessern wollen. Sie sind die größte Schwachstelle eines Betriebes.

Weitere Sicherheitsschleusen sind das Vier- oder besser noch das Sechs-Augen-Prinzip für bestimmte Entscheidungen sowie Zugangssperren für heikle Software durch verschiedene Passwörter. Oftmals wird es Betrügern schon allein dadurch viel zu leicht gemacht, indem der Betrieb zu nachlässig im Umgang mit bestimmten Sicherheitsmechanismen ist. 

 
Wenn es jedoch nicht ohne Neueinstellung in Schlüsselpositionen geht, wie sichert sich der Unternehmer am besten gegen Betrüger ab?

Er muss den potentiellen Mitarbeiter auf Herz und Nieren prüfen. Es reicht nicht, nur ein Blick auf Lebenslauf und Zeugnisse zu werfen. Papier ist geduldig und sagt nicht wirklich etwas über die Persönlichkeit eines Menschen aus. Vielmehr muss sich der Unternehmer die Mühe machen, die angegebenen Arbeitsnachweise hieb- und stichfest zu überprüfen. Dabei ist es ratsam, den Bewerber zu bitten, dass der Unternehmer bei den im Lebenslauf angegebenen Arbeitsplätzen Erkundigungen einziehen kann. Wer nichts zu verbergen hat, wird diesem Wunsch zustimmen. Der Unternehmer ist gut beraten, nicht nur den letzten, sondern alle ehemaligen Arbeitgeber zu kontaktieren. Es ist leider keine Seltenheit, dass ein Konkurrenzunternehmen einen Mitarbeiter mit einem guten Zeugnis ausstattet, um ihn dann gezielt als Spion in einem anderen Unternehmen einzuschleusen.


Gibt es Auffälligkeiten, an denen ein Unternehmer merken könnte: Hoppla, hier stimmt etwas nicht!

Stutzig werden kann er, wenn ein Mitarbeiter abends zu lange in der Firma bleibt, selbst dann noch freiwillig Überstunden macht, wenn alle anderen Kollegen schon lange gegangen sind. Achten sollte er auch auf Mitarbeiter an neuralgischen Positionen, in denen sie allein arbeiten, beispielsweise am PC, an der Steuerung, in der Entwicklung. Das sind immer gute Gelegenheiten Informationen abzugreifen, um sie hinterher zu verkaufen.


Zu welchen Maßnahmen raten Sie einem Unternehmer, der feststellt, dass in seinem Betrieb etwas faul ist?

Gibt es den Verdacht von Informations- oder Materialdiebstahl, Korruption oder ähnlichen Dingen, ist dringend professionelle Hilfe durch externe Ermittler vonnöten. Auf keinen Fall darf der Chef selbst versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen. Erstens wird sonst der Mitarbeiter vielleicht gewarnt und zweitens könnten durch eigenmächtige Ermittlung wichtige Spuren vernichtet werden.


Kommt es nach Aufdeckung des Betruges zu einem Gerichtsprozess, bin ich als externer Ermittler ein wichtiger Zeuge für meinen Kunden. Meine Aussagen kann ich jederzeit mit Fotos oder anderen Unterlagen belegen und bezeugen.


Wie kommen Sie als externer Ermittler möglichen Betrügern in einem Unternehmen überhaupt auf die Spur. Lassen Sie sich als neuer Mitarbeiter in die Firma einschleusen?


Nein, das funktioniert so nicht. Gibt es einen Verdacht gegen einen bestimmten Mitarbeiter, versuche ich über die private Schiene mit dem Betreffenden in Kontakt zu kommen, um ihn dann möglichst emotional zu packen.


Merkt ein Unternehmer lediglich, dass ihm die Konkurrenz immer einen Schritt voraus ist und er kann sich nicht erklären warum oder durch wen, dann starte ich zunächst bei der Konkurrenz eine Observation. Mein Team und ich beobachten gezielt Mitarbeiter in bestimmten Abteilungen und Positionen um herauszufinden, ob diese sich mit Angestellten meines Auftraggebers treffen. Passiert das tatsächlich, gehen wir den nächsten Schritt und stellen Fallen. Z.B. lassen wir in der Entwicklungsabteilung etwas Bestimmtes produzieren und warten ab, ob dies dann auch bei der Konkurrenz auftaucht. Geht es um Lagerdiebstahl, markieren wir Teile mit einer Masse, die nur unter einem bestimmten Licht wahrnehmbar ist. Wenn nun ein Mitarbeiter diese präparierten Teile entwendet und draußen verkauft, können wir ihn überführen.


Was kostet Ihr Einsatz?

Das hängt vom Fall, der notwendigen Vorbereitung, dem operativen Aufwand sowie der Einsatzdauer ab. Jeder Auftrag wird individuell kalkuliert. Die Kosten, die für meine Arbeit anfallen, sind in jedem Fall bedeutend niedriger als der Schaden, der dem Unternehmen durch einen betrügerischen Mitarbeiter entsteht.


Wie kommen Sie an Ihre Aufträge?

Da ich keine Werbung mache, kommen meine Kunden fast ausschließlich auf Empfehlung. Meist sind es Rechtsanwälte, die ihren Klienten meinen Namen weitergeben. In meinem Beruf ist es wichtig, dass der Kunde sich auf mich verlassen kann, dass ich seriös, ehrlich und verschwiegen bin, so dass er mir selbst die brisantesten Informationen anvertrauen kann.


Was reizt Sie an Ihrem Beruf?

Der Beruf ist abwechslungsreich, weil jeder Auftrag anders ist und meinen Ehrgeiz jeweils neu entfacht. Ich lerne ständig dazu, erweitere meinen Horizont, komme in der Welt herum. Natürlich hat mein Beruf auch etwas mit Abenteuer, Spannung und Nervenkitzel zu tun. Habe ich einen Fall aufgeklärt und den Betrüger entlarvt, dann ist das ein großartiges Gefühl, weil es Spaß macht, für Gerechtigkeit zu sorgen und einen Tick besser zu sein als der Betrüger. Es ist vergleichbar mit einem Wettkampf, wenn man als Erster die Ziellinie überquert.


Sind Sie auch schon an Betrügern gescheitert?

Nein, denn ich nehme nur Fälle an, bei denen ich eine realistische Aufklärungschance sehe. Außerdem bin ich dem Betrüger gegenüber immer im Vorteil. Dank meiner Recherchen habe ich jede Menge Informationen über ihn. Ich weiß, wer er ist, was er tut und mit welchen Methoden er betrügt. Er dagegen weiß noch nicht einmal, dass es mich gibt. Weder kennt er mich, noch ahnt er, dass ich ihm dicht auf den Fersen bin.


Ich komme lediglich dann an meine Erfolgsgrenzen, wenn mein Kunde mir nicht alles erzählt hat oder im Vorfeld vielleicht selbst schon aktiv war und dabei Fehler gemacht hat. Oder wenn mich der Kunde viel zu spät eingeschaltet hat, so dass der Betrugsvorgang bereits beendet ist und der Mitarbeiter vielleicht schon das Unternehmen verlassen hat. Im Nachhinein kann dann selbst ich als Profi nicht mehr viel ausrichten.


(Patricia Leßnerkraus Freie Journalistin)


 

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1, 2, 3 © Tamer Bakiner
Bild Nr. 4 © Ariston Verlag


 

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