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Kolumne

Industrie 4.0, Wertschöpfung 0.4? Teil 3 ...

Seit geraumer Zeit geistert durch Politik, Presse, Web-Foren und Vorstands-Meetings der Begriff "Industrie 4.0". Der dritte Teil meines Reality-Check dazu ...

Nachdem ich im ersten Teil dieser vierteiligen Blogartikelserie die aktuelle Situation und die Erwartungen beleuchtet habe und mich im zweiten Teil eingehender mit der Erweiterung der Wertschöpfungshorizonte als passables Übergangsszenario befassen durfte, möchte ich im dritten Teil der besonderen Herausforderungen der Software-basierten Produktion und den Chancen der Künstlichen Intelligenz widmen.

Die Wertschöpfungsketten laufen den Kunden-Bedürfnissen hinterher

Viele Unternehmen haben es mittlerweile verstanden, dass sie die Haupt-Wertschöpfung nicht in den Produktionsprozess oder in den Artikel-Nachschub, sondern in den After-Sales-Service-Bereich verlegen müssen, um überhaupt noch vernünftige Gewinn-Margen erwirtschaften zu können. Um beim Rasierer-Beispiel zu bleiben: Die Verbraucher haben längst spitzgekriegt, dass nicht der Rasierer an sich, sondern die Klingen die größte Investition darstellen, wenn man sich für ein System entschieden hat. Entsprechend wurden dann die günstigen Grundmodelle mit den drei Klingen im Starter-Paket immer wieder gekauft oder fleißig zwischen den Herstellern gewechselt.

Nutzen as a Service

Mittlerweile verdienen Firmen wie Mornin' Glory ihr Geld nicht mit dem reinen Verkauf, sondern mit einem individuell einstellbaren Abo-Lieferservice. Das Geld der Kunden fließt in die Dienstleistung, nicht in die Produkte. Dabei kopieren diese Hardware-Hersteller nur erfolgreich ein Modell, das zukunftsorientierte Software-Hersteller bereits seit einiger Zeit unter dem Laben SaaS (Software as a Service) vermarkten.

Andere IT-Konzerne setzen stattdessen immer noch auf eine besondere Form der Obsoleszenz: Terminierte Funktionsunfähigkeit sowohl von Hard- als auch Software durch ständig neue Releases, die praktischerweise selten abwärtskompatibel sind. Die Grafik-Karte vom letzten Monat oder das Game des Vor-Quartals kommt wie die Billigbluse vom Textil-Discounter immer schneller aus der Mode.

Aber sieht so eine erstrebenswerte Zukunft der Wertschöpfung aus? Die ausgedienten Rechner landen auf den brennenden Müllhalden afrikanischer Slums, die veralteten Software-Versionen im digitalen Nirwana. Auch hier fühlen sich eine stetig steigende Anzahl von Verbrauchern und Power-Usern veräppelt, downgraden radikal ihre Hardware und greifen zu Code-Zeilen nur noch, wenn sie einen konkreten Bedarf haben. Eine digitale Bildbearbeitung steht an? Prima, da spendiert man sich mal einen Monat Adobe Creative Cloud.

Hire-and-Fire oder beamtete Programmierer?

Brauchte man in den 80ern noch Busladungen von Codern, die erst einmal die programmtechnischen Grundlagen schaffen mussten, reicht heute eine kleine Kernmannschaft aus, die nötigen Anpassungen an die Kundenwünsche umzusetzen. Und wieder wird bei den Big Playern aus personaltechnischen Gründen nicht die logische Konsequenz gezogen: Freelancer auf Projektbasis wirklich im großen Stil einzusetzen. Lieber wird das Team darauf angesetzt, zusätzliche und überflüssige Features einzubauen. Aber wann ist eine Software denn wirklich fertig? Wann gibt es einfach nichts mehr zu verbessern, zu ergänzen oder umzuschreiben? Diesen Moment fürchten die Software-Produzenten wie der Teufel das Weihwasser.

Eine sinnvolle Alternative wäre langfristig die künstliche Intelligenz. Wenn Programme sich selbstständig an die Bedürfnisse ihrer Nutzer anpassen, in der Industrie sogar selbst Produkte entwickeln und produzieren könnten, bräuchte man den Marketing- und Vertriebszirkus nicht mehr, der heutzutage in immer kürzeren Abständen in das Dorf kommt und seine vorhersehbaren Vorstellungen gibt.

Man erwirbt einfach eine Grundversion der Software, ähnlich einer Packung Knetmasse. Die notwendigen Funktionen und Schnittstellen ergeben sich dann aus den Kundenwünschen und -bedürfnissen.

Aktuell sieht es aber eher so aus: Neue Möglichkeiten kommen auf den Markt, neue soziale Kanäle werden gezogen, neue Gimmicks entwickelt. Sofort bieten sich Unmengen von Beratern, Experten und Consultants an, "The Next Big Thing" zu erklären und umzusetzen. Als Qualifikation reicht es aus, einfach nur ein wenig mehr zu wissen als der Standard-User. Wichtig sind die Horror-Szenarien, die bei den potentiellen Kunden Ängste auslösen, wieder einmal abgeschüttelt zu werden.

Dabei sind es niemals die Gadgets, Zusatzfunktionen oder neue Lücken im Kokon der avisierten Zielgruppe, die langfristigen Erfolg ausmachen. Vielmehr kommt es auf strategische und sogar philosophische Entscheidungen an:

·      Ist mir echte Augenhöhe mit meinen Kunden wichtig?

·      Kann ich Produktentscheidungen aus der Hand geben und die späteren Benutzer wirklich involvieren?

·      Verkrafte ich es, wenn meine Software in die Pubertät kommt und von ihren Eltern nichts mehr wissen will?

Die endgültige Konsequenz wäre es, mit den letzten Programmierern ein Bier zu trinken, das Licht in der Firma auszumachen und die selbstlernenden Algorithmen einfach schalten und walten zu lassen. Den Lebensabend verbringt man dann auf einer malerischen Finca im Süden. Der Umfang des dazugehörigen Grundstücks hängt von der Höhe des automatisierten Gehalts-Check ab, der von der FiBu-Software pünktlich zum Monatsanfang verschickt wird.

Bevor es aber soweit ist, sind einige Hausaufgaben zu machen:

·      Wissenschaftliche Forschungsarbeit und Informationsaustausch müssen über die bestehenden bürokratischen Hürden springen, aus Konkurrenten müssen Koalitionäre werden, auch wenn so manches promovierte Ego dadurch Schaden nehmen könnte.

·      Digitale Wertschöpfung muss durch Kreativität und echten Zuwachs an Lebensqualität entstehen, nicht durch partielle Regulierungen des Informationsaustausches.

·      Daten müssen für den Menschen und nicht gegen ihn benutzt werden.

Sie ahnen es schon: In den nächsten fünf bis fünfzehn Jahren können wir unsere althergebrachten Muster nicht überwinden. Wir sollten aber schon jetzt anfangen zu verstehen, dass geteiltes Wissen hundertfaches Wissen bedeutet und echtes Vertrauen durch bedingungsloses Geben entsteht. Die technischen Notwendigkeiten ergeben sich dann.

Das bedingungslose Grundeinkommen wird dann auch nicht mehr als Bedrohung, sondern als echte Chance wahrgenommen werden, sich endlich den wichtigen Fragen zu widmen. Nicht der bald auslaufende Leasing-Vertrag und die Aussicht auf ein Auto mit einer eingebauten dreijährigen Obsoleszenz, sondern die Entwicklung einer echten Game-Changing-Technologie treibt uns dann täglich an.

Und eines Tages werden wir uns auf der USS Enterprise wiederfinden, uns nicht mehr an das Konzept von Geld erinnern und unser Universum erweitern.

Im vierten und letzten Teil dieser Blogartikelserie möchte ich konkrete und realistische Maßnahmen auflisten, die jeder von uns durchführen kann, um die Gesellschaft Schritt für Schritt und konstruktiv in die digitale Zukunft zu führen.

(Joachim Hädel)


 


 

Industrie 4.0
Joachim Hädel
Digitale Wertschöpfung

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