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Kolumne

Industrie 4.0, Wertschöpfung 0.4? Teil 4 ...

Seit geraumer Zeit geistert durch Politik, Presse, Web-Foren und Vorstands-Meetings der Begriff "Industrie 4.0". Der vierte und letzte Teil meines Reality-Check dazu ...

Damit dieses gut gemeinte Leitbild nicht den einsamen Tod der allermeisten Buzzwords seit Erfindung des Internets sterben muss, sind tatsächlich nun langsam direkte Maßnahmen erforderlich, damit sich die deutsche Wirtschaft nicht endgültig abhängen lässt, sich in gewohnter Prokrastination flüchtet oder in Selbstmitleid verfällt.

Nachdem ich im ersten Teil dieser vierteiligen Blogartikelserie die aktuelle Situation und die Erwartungen beleuchtet habe, mich im zweiten Teil eingehender mit der Erweiterung der Wertschöpfungshorizonte als passables Übergangsszenario befassen und mich im dritten Teil der besonderen Herausforderungen der Software-basierten Produktion und den Chancen der Künstlichen Intelligenz widmen durfte, wende ich mich im vierten und letzten Teil dieser Artikelserie der Disruption zu (die Aktualität dieses Begriffs wird von der Tatsache unterstrichen, dass meine Word-Rechtschreib-Prüfung das Wort noch nicht kannte – ein echter Ritterschlag!).

Where’s the Revolution?

 In den vorherigen Teilen dieser Artikelserie habe ich mich immer nur mit Entwicklungen unterschiedlicher Qualitäten und Geschwindigkeiten beschäftigt – selbst radikale Umwälzungen stellten bisher das Gesamtsystem nicht wirklich infrage. Aber kommen wir mit einem grundsätzlich evolutionären Ansatz und einer „sanften“ Revolution überhaupt weiter? Können wir die einschneidende „Stunde Null“ tatsächlich noch verhindern? Sollten wir nicht lieber anfangen, Konserven und Streichhölzer für die Zeit nach dem großen Knall zu horten? Aber erst einmal genug der Panikmache, als unverbesserlicher Optimist bin ich der Ansicht, dass wir das Ruder noch herumreißen können – mit einer leichten Kurskorrektur wird es aber nicht getan sein, wir sollten über die Paradigmen nachdenken, die uns schon ins Blut übergegangen sind …

 Schritt 1: Abschied von der „Entweder-Oder“-Mentalität der Wirtschaft

 Eines unserer größten Probleme liegt in der Tatsache begründet, dass wir Wirtschaft immer noch als Konkurrenz wahrnehmen und leben. Anbieter A will Anbieter B verdrängen, wird aber vom Anbieter C ausgetrickst – im Ergebnis haben wir drei parallele Angebote auf dem Markt, die alle um die Gunst des Konsumenten-Geldes buhlen. Dieser entscheidet sich erfahrungsgemäß aber meistens nur für ein – selten für noch ein zusätzliches – Angebot. Ergebnis: zwei von drei Angebote laufen ins Leere. Selbst bei Fertigung und Lagerhaltung on Demand werden immer noch zu viele Ressourcen gebunden, um schnelle und qualitativ einigermaßen ansprechende Produkte oder Dienstleistungen zu liefern. Der allgemeine Preisverfall sorgt gerade bei Massenartikeln im Lebensmittelbereich dafür, dass die eingeplante Überproduktion ohne große Gewissensbisse in den Müll wandert. Mir ist aus einer Talkshow die Aussage im Gedächtnis geblieben, dass die in der österreichischen Hauptstadt Wien täglich weggeschmissenen Brotartikel die gesamte Stadt Graz ernähren könnten. Tag für Tag. Dabei befeuert diese krude Konkurrenz-Begriff noch nicht einmal den Erfolg der besten Lösung – die geht in dem schrillen Marktgeschrei nicht selten komplett unter. Bevor wir uns also Gedanken um eine funktionierende Alternative zur aktuellen Wirtschaft 3.0 machen, sollten wir die ganz konkreten Fehlentwicklungen boykottieren, die uns schon beim Brötchenholen begegnen.

 Schritt 2: Befreiung aus dem Vertriebs-Gefälle

 „Mein Käufer“, „Meine Kundin“ – sobald man sich im B2C oder B2B-Bereich einfach nur – oder sogar zufällig – für irgendeine Dienstleistung oder einen Artikel entschieden hat, geht man mit Haut und Haaren in den Besitz eines Vertriebsbeauftragten über, der sich dann intensiv um die perfekte „Customer Journey“ bemüht. Aber wollen wir diese vordergründig bemühte, freundliche und superehrliche Bemutterung überhaupt? Als souveräner und selbstbewusster Konsument treffen wir eine Entscheidung – und wissen selbst sehr genau, wann wir weitergehende Betreuung benötigen – dann sollte sie aber auch verfügbar sein und nicht im Nirwana der Offshore-Telefonschleifen verenden. Denn das geheuchelte Interesse dient tatsächlich nur der Umsatzsteigerung durch Up- oder Cross-Selling-Angebote. Das ist nicht der Sinn der Sache – aus Konsumentensicht. Wir sollten uns wieder auf die ureigenen Peer-Groups konzentrieren – analog oder digital – und nicht den Wunschträumen hierarchischer Vertriebsorganisationen nachgeben.

 Schritt 3: Neudefinition der Statussymbole

 Mein Haus, mein Auto, mein Pferd, meine Frau, meine Yacht – dieses Zitat aus einer länger zurückliegenden Sparkassen-Werbung hat es sich mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch sehr gemütlich gemacht. Es beschreibt aber auch überzeugend offensichtlich die Perversion des auch noch heute geltenden Verständnisses von Wertigkeit. Wenn wir uns nicht von den vorgegaukelten Klassifizierungen durch Konsum verabschieden, werden wir keine substantielle Verbesserung der globalen Lebensbedingungen hinbekommen. Und alle entsprechenden Theorien bleiben nur gedruckte Worte auf gefälltem Holz. Die allgemeine Entsolidarisierung der bürgerlichen Gesellschaft geht mit dieser Wert-Vorstellung einher. Jeder wird zum Individualistentum verdonnert, da hilft es auch nicht mehr, wie im Kultfilm „Das Leben des Brain“ mit „Ich nicht!“ zu antworten. Aber wie wäre es denn, wenn wir uns wieder mehr auf Gemeinsamkeiten besinnen, als uns in die tatsächliche Uniformität der vorgeblichen Individualität zu flüchten, um tiefergehende Selbstwert-Defizite zu kompensieren, die wir ohne die ständige Einordnung in Kasten nicht hätten?

 Ich 2.0 für eine funktionierende Industrie 4.0

 Lassen Sie mich an dieser Stelle eine Frage vorwegnehmen, die Ihnen womöglich auf der Zunge liegt: Was haben diese philosophischen, soziologischen und psychologischen Kritikpunkte denn jetzt mit dem großen Ganzen der Industrie 4.0 zu tun? Im Zweifel: alles. Denn wir werden die ökologischen Ressourcenprobleme nicht in den Griff bekommen, wenn wir weiter gegeneinander arbeiten, die Entwicklung wirklicher Innovationen nicht fördern, wenn wir Talente im täglichen Konsumkrieg verschwenden und uns nicht mit einer sinnstiftenden Alternative zum Arbeitstrott und Konsumterror anfreunden können, wenn wir weitermachen wie bisher.

 Wir müssen die eingebaute Endlichkeit des Geldkreislaufes überwinden, um unsere Existenz auch bei weniger werdenden Arbeitsaufgaben sichern zu können.

 Wir müssen lernen, uns anders zu motivieren, wenn sich wirtschaftliche Hierarchien und Belohnungssysteme auflösen.

 Wir müssen Produkte als Dienstleistungen ansehen und umgekehrt, um uns konstruktiv mit der Dematerialisierung im Zuge der digitalen Transformation auseinandersetzen zu können.

 Wir müssen die komplexen Wertschöpfungsketten, die sich bisher im alleinigen Besitz großer Konglomerate befanden, auseinanderreißen, um Ressourcen-gerechtigkeit herstellen zu können.

 Vielleicht hören sich diese Thesen ketzerisch, revolutionär oder destruktiv an – wenn Sie Alternativen, Vorschläge oder Ergänzungen haben, die uns auf eine andere Art und Weise erfolgreich in die Industrie 4.0 führen könnten, freue ich mich schon jetzt, meine Sichtweise korrigieren zu können.

 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und in Erwartung konstruktiver Kritik …

(Joachim Hädel)


 


 

Industrie 4.0
Joachim Hädel
Digitale Wertschöpfung

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