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  • 09.02.2016, 11:25 Uhr
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  • Deutschland
Sicherheitswirtschaft

Die Auswirkungen des Terrorismus auf die Sicherheitswirtschaft

Nach den jüngsten Terroranschlägen von Paris und Istanbul stellt sich die Frage, wie ist Deutschland auf solche Ereignisse vorbereitet und was kann speziell die deutsche Sicherheitswirtschaft mit ihren nahezu 190.000 Mitarbeitern für einen Beitrag leisten?

Sicherheeitsexperte Uwe Gerstenberg im Interview

Frage: Sind spezielle Schulungen, die explizit auf die Terrorgefahr eingehen, für die Sicherheitsleute vorgesehen oder wurden diese durchgeführt?

Uwe Gerstenberg: Die Sicherheitsbranche verfügt über einen sehr unterschiedlichen Ausbildungsstand. Zwar gibt es einen anerkannten Ausbildungsberuf, die geprüfte Schutz- und Sicherheitsfachkraft, welche mit einer Prüfung vor der IHK endet, jedoch verfügen die wenigsten Sicherheitsmitarbeiter über diese Qualifikation. Im Regelfall werden die Mitarbeiter nach dem Unterrichtungsverfahren, welches 40 Unterrichtsstunden beinhaltet, bereits beim Kunden eingesetzt. Dies entspricht nicht nur der üblichen Praxis, sondern dies ist das, was der Gesetzgeber hierfür vorgesehen hat.

Nur wenige der ca. 4.000 Sicherheitsunternehmen in Deutschland verfügen über eine eigene Sicherheitsakademie zur Schulung ihrer Mitarbeiter. Die Ausbildungsinhalte der Akademien orientieren sich im Regelfall an den Anforderungen des jeweiligen Kunden.

Für unsere Akademie kann ich sagen, dass wir unsere Mitarbeiter bereits nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo anhand der Tatbegehung sensibilisiert und daraus Rückschlüsse auf weitere Methoden gezogen haben; auch viele Geschäftspartner sind unserer Einladung zu dem entsprechenden Seminar gefolgt.

Frage: Welche Forderungen bestehen an den Staat? Was muss die Politik ändern, um der Sicherheitsbranche zu ermöglichen, Menschen effektiv zu schützen?

Uwe Gerstenberg: Die Politik ist aufgefordert, der privaten Sicherheitswirtschaft einen angemessenen Stellenwert einzuräumen. Die private Sicherheitswirtschaft ist Bestandteil der Sicherheitsarchitektur in Deutschland. Damit dies aber zum Erfolg führt, muss sich die Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden und der privaten Sicherheitswirtschaft weiter verbessern, und mögliche Vorbehalte zwischen den Parteien müssen an die Seite geschoben werden.

Sicherlich liegt die Problematik u. a. darin, dass die Sicherheitswirtschaft betreffende Rahmenbedingungen vom Wirtschaftsministerium bestimmt werden. Neben Österreich sind wir das einzige Land in Europa, in dem die Sicherheitswirtschaft nicht in die Zuständigkeit des Innenministeriums fällt

Frage: Wie hat sich die Sicherheitsbranche auf die Terrorgefahr vorbereitet? Wie hat sie aufgerüstet?

Uwe Gerstenberg: Die Sicherheitsbranche ist ebenso wie alle anderen Beteiligten von den Auswirkungen der Terrorgefahr, aber auch von der hohen Zahl der Flüchtlinge überrascht worden. Allein durch die zunehmende Zahl der Flüchtlinge und der damit einhergehenden Bewachung der Einrichtungen fehlen nach vorsichtigen Branchenschätzungen etwa 18.000 Sicherheitsmitarbeiter.

Frage: Welche Eindrücke ergeben sich in den Gesprächen mit Ihren Kunden; wird das Thema Terrorismus direkt angesprochen?

Uwe Gerstenberg: Das Kundenbedürfnis war nach den Anschlägen von Paris sehr schnell geweckt. Viele unserer Kunden haben ihre Sicherheitsmaßnahmen erhöht, was schon die vorhandenen Präventionskonzepte der Unternehmen so vorsehen.

Die Terrorgefahr wird von den Sicherheitsverantwortlichen der Unternehmen schon lange beobachtet. Es war klar, dass etwas passieren wird, nur nicht wann und wo. Aus diesem Grund gab es schon Präventionskonzepte, die nun umgesetzt sind und permanent optimiert werden.

Frage: Wie ist die Stimmung Ihrer Sicherheitsmitarbeiter? Wie reagieren sie auf das erweiterte Risiko?

Uwe Gerstenberg: Die Sicherheitsmitarbeiter nehmen ihre Aufgabe ernst und sind hoch motiviert. Doch wie üblich ist es sehr schwierig, den Aufmerksamkeitsgrad permanent hoch zu halten. Hinzu kommt die hohe Stundenbelastung der eingesetzten Mitarbeiter von oftmals 240 bis 260 Stunden im Monat und dies in einer Branche, die in vielen Bereichen dem Mindestlohn unterliegt.

Dennoch wollen alle Sicherheitsmitarbeiter ihren Beitrag zur Reduzierung der Gefahr vor Terroranschlägen leisten.

"Die Absage des Fußballländerspiels in Hannover hat gezeigt, dass der Terror in Deutschland angekommen ist"

Frage: Welche Schwierigkeiten ergeben sich aus der neuen Terrorgefahr? Wo musste die Sicherheitsbranche Maßnahmen ergreifen, um sich der Situation anzupassen?

Uwe Gerstenberg: Die Absage des Fußballländerspiels in Hannover hat gezeigt, dass der Terror in Deutschland angekommen ist. Gerade bei solchen Großveranstaltungen wird eine Vielzahl von privaten Sicherheitsmitarbeitern eingesetzt. Sie kontrollieren die Zugänge, führen den Ordnungsdienst während der Veranstaltung durch und unterstützen bei der Evakuierung im Gefahrenfall. All dies ist bereits gelebte Praxis.

Diese bereits getroffenen Schutzmaßnahmen können noch verstärkt werden, z. B. durch den Einsatz von Sicherheitstechnik, eine erhöhte Anzahl von Sicherheitskräften und intensiveren Kontrollen. Hierauf sind die Branche, aber auch die Sicherheitsbehörden und Veranstalter vorbereitet. Dass ich hierzu keine Detailausführungen mache, werden Sie sicherlich verstehen.

Frage: Welches Optimierungspotential sehen Sie als Sicherheitsexperte bei der deutschen Polizei? Ist unsere Polizei aus Ihrer Sicht auf den Ernstfall vorbereitet?

Uwe Gerstenberg: Die Frage ist schnell beantwortet. Zunächst muss die weitere Personalreduzierung bei den Polizeien gestoppt werden und genau das Gegenteil muss passieren - wir benötigen dringend mehr Polizeibeamte. Allein in NRW fehlen 1.000 Beamte, die nur dafür benötigt werden, die aufgelaufenen Überstunden zu abzubauen. Dann haben wir noch keinen Beamten mehr, der sich um die Aufklärung der zunehmenden Einbruchkriminalität, Drogenhandel und der zunehmenden Gefahr von Terroranschlägen kümmern kann, was Sie sicherlich mit „Ernstfall“ meinen.

Ich gehe davon aus, dass unsere Polizeien gut vorbereitet sind. Die Leistungsfähigkeit haben die verschiedenen Sicherheitsbehörden bereits unter Beweis gestellt. Alle Hinweise, ob aus dem In- oder Ausland werden ernst genommen, gewissenhaft geprüft und ggf. werden die notwendigen Maßnahmen eingeleitet, die uns als Bürger schützen. Doch das Risiko von Anschlägen bleibt bestehen. Besonders risikobehaftet sind dabei der gesamte öffentliche Personenverkehr, Veranstaltungen und Kundgebungen. Nicht ausgeschlossen sind aber auch sogenannte Einzeltaten, die sich gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung richten und dazu geeignet sind, die Bevölkerung extrem zu verunsichern und die negative Stimmung gegenüber den Flüchtlingen anzuheizen.

Frage: Wie kann die Sicherheitsbranche die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland eindämmen bzw. mindern? Welche Möglichkeiten / Chancen hat die Branche hierzu?

Uwe Gerstenberg: Einen pauschalen Lösungsansatz hierzu gibt es nicht. Wir werden sicherlich noch eine lange Zeit mit dem Risiko von Terroranschlägen in Deutschland leben. Hier dürfen wir nicht in Wochen, sondern müssen vielmehr in Jahren rechnen. Solange der IS seinen Kampf führen wird, so lange müssen wir auch in Deutschland von Anschlägen ausgehen.

Die Sicherheitsbranche unternimmt alles im Rahmen ihrer Möglichkeiten, um einen Beitrag zur Reduzierung der Terrorgefahr zu leisten. Hier müssen die Rahmenbedingungen durch die Politik und die Sicherheitsbehörden verbessert werden. Die Auftraggeber sollten sich darauf einrichten, dass sie das Sicherheitsbudget für die Sicherheit ihres Unternehmens weiter erhöhen müssen.

Wir Sicherheitsexperten sind uns aber im Klaren, dass die menschliche Psyche uns einen Streich spielen wird. Wenn nicht unmittelbar und aktuell etwas passiert, vergessen wir zu schnell. Erst wenn wir selbst betroffen sind, sind wir bereit, die notwendigen Maßnahmen zu unserem Schutz zu ergreifen. Dann spielt der Finanzbedarf auch nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Ich hoffe, dass wir nicht erst durch eine Akutlage die Ernsthaftigkeit der Bedrohung durch einen terroristischen Anschlag wahrnehmen und dann anfangen, konsequent zu handeln.

Uwe Gerstenberg ist seit nun mehr als 30 Jahren in der privaten Sicherheitswirtschaft in leitender Funktion tätig und war u. a. Sicherheitsverantwortlicher für eine internationale Unternehmensgruppe. Nach dem Wechsel in die Dienstleistungsbranche führte ihn sein beruflicher Werdegang in unterschiedliche Sicherheitsunternehmen als Niederlassungsleiter, Prokurist und Geschäftsführer. Als Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter leitet er seit 1997 die consulting plus Unternehmensgruppe und ist zudem Geschäftsführer weiterer Tochterunternehmen.

(Redaktion)


 

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Uwe Gerstenberg


 

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