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Geschichte/Nationalsozialismus

Angebliche Werwölfe unschuldig verhaftet

Als eines Nachts im September 1945 russische Soldaten das Schlafzimmer des 15-jährigen Detlef Putzar (der heute in Reutlingen lebt) in Malchow in Mecklenburg-Vorpommern stürmen und ihn mitnehmen, weiß er gar nicht, wie ihm geschieht. Erst viel später erfährt er den Grund für seine Verhaftung: Er soll Mitglied der Werwolf-Organisation gewesen sein, einer Partisanengruppierung, die die Nazis kurz vor Kriegsende als «Wunderwaffe» gegen die alliierten Truppen propagierten. Es war eine der letzten Propaganda-Lügen der Nazis, die Tausende Kinder und Jugendliche noch nach Kriegsende teuer bezahlten.

Sechs Jahre verbrachte Putzar unter unmenschlichen Bedingungen in Sowjet-Gefangenschaft, danach kehrte er seiner Heimat in Mecklenburg den Rücken und  lebt seitdem in Baden-Württemberg. Viele seiner Mithäftlinge haben die Strapazen nicht überlebt oder wurden hingerichtet. Heute weiß man, dass die Werwölfe größtenteils nur ein Gerücht waren, wie Anne Drescher, stellvertretende Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, sagt.

   «Das war reine Propaganda der Nazis, die am Schluss nochmal alle mobilisieren wollten», sagt Drescher. Mittlerweile sei es auch «völlig belegt», dass die Verhaftungen der 33 Jugendlichen aus Malchow im Rahmen der Entnazifizierung politisches Unrecht waren. Um dieses Unrecht an den Kindern und Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, treffen sich so wie am Freitag jedes Jahr Überlebende vor der «Villa Blanck».

   Hier wurden die Jugendlichen als erstes hingebracht, nachdem man sie nachts aus den elterlichen Wohnungen geholt hatte. «Ich hatte bis dahin nur schöne Erlebnisse mit dem Haus verbunden», sagt der heute 79-jährige Putzar. «Die Tochter des Besitzers war eine Schulfreundin meiner Mutter, wir waren dort oft eingeladen.» Heute symbolisiert das Haus den Anfang der «Werwolf-Tragödie», eine Gedenktafel erinnert daran.

   Von der «Villa Blanck» aus wurde Putzar dann in die Zentrale des sowjetischen Militärs nach Waren gebracht. Dort hielt man ihn in einer Zelle im Keller fest, im Dunkeln. Nach ein paar Tagen begannen die Verhöre. «Man hat schon gezittert, wenn im Keller das Telefon ging, denn das bedeutete meist das nächste Verhör.» Die Befragungen seien «grotesk» gewesen, sagt Putzar. Der Offizier konnte gar kein Deutsch, sein Dolmetscher kaum.

   «Am Anfang habe ich einmal den Fehler gemacht, ein Protokoll nicht zu unterschreiben». Daraufhin habe ihn ein Soldat so lange mit dem Kopf auf den Tisch gehauen, bis sein Gesicht ganz blutig gewesen sei. «Ab da habe ich alles unterschrieben.» Am Ende gab es ein Urteil wegen Mitgliedschaft in der kontrarevolutionären Werwolf-Organisation. Mit noch sechs anderen soll Putzar Kanonen vergraben, einen Stadtkommandanten erschossen haben und vieles mehr. «Irrsinnige Vorwürfe», sagt er. Drei aus der angeblichen «Bande» habe er noch nicht einmal gekannt.

   Putzar wurde zu zehn Jahren «Arbeitslager» verurteilt, das war noch eine vergleichsweise niedrige Strafe. Manche der 33 Jugendlichen wurden zu bis zu 20 Jahren verurteilt, zwei von ihnen gar zum Tode. Insgesamt wurden unter der Sowjetbesatzung zwischen 1945 und 1955  20 000 Kinder und Jugendliche unter dem Verdacht der Werwolf-Mitgliedschaft festgenommen, sagt Drescher. Davon seien 12 000 während der Haft ums Leben gekommen. Sie wurden hingerichtet oder starben an den schlechten Haftbedingungen.

   Die meisten Gefangenen brachten die Sowjets ins «Speziallager» nach Sachsenhausen, auch Putzar landete nach einem Jahr dort. In den Baracken sei es «ewig düster» gewesen. Die Fenster waren zugenagelt und mit schwarzer Farbe bestrichen. Nach vier Jahren durften die Gefangenen das erste Mal einen Brief nach Hause schreiben, 15 Zeilen lang.

    1950 wurde das Lager geschlossen und Putzar kam in DDR-Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1951 blieb er noch ein Jahr, dann ging er in den Westen. In Reutlingen konnte er die Textilingenieursschule besuchen, obwohl er keinen Schulabschluss vorzuweisen hatte. Aber wegen seiner Gefangenschaft wurde Putzar bevorzugt. «Die haben hier sehr viel Verständnis für meine Situation gehabt», sagt er.

   Mit 45 Jahren sattelte Putzar dann noch einmal um, und war bis zur Rente Lehrer für Geschichte, Deutsch und Kunst an einer Waldorfschule in Nürtingen. Heute lebt er mit seiner Frau in Reutlingen, sie haben drei Kinder und neun Enkel, erzählt er stolz. Seine Nachbarn fragten ihn schon manchmal, ob er damals wirklich nichts verbrochen habe, räumt er ein. «Das normale Rechtsverständnis sträubt sich da». Lange habe er auch darunter gelitten. «Aber das ist heute überwunden», sagt er.

(Redaktion)


 


 

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