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Ausbildungskonzept

Ist die duale Ausbildung am Ende? "BANG" - Ausbildungsnetzwerke finden starken Anklang

Friseurmeister Peter Gress aus Esslingen sorgt sich um die Qualität der Ausbildung im Friseurhandwerk. Und er weiß wovon er spricht: Seit 14 Jahren schon arbeitet er an dem Ziel, die duale Ausbildung zu verbessern - mit Erfolg, wie es scheint, denn der engagierte Unternehmer ist mit dem "trialen Ausbildungssystem" fündig geworden.

Peter Gress liebt seinen Beruf - und er liebt die Friesurbranche. Doch der Esslinger hadert: "Das duale System in der Friseurausbildung kann die erforderliche Qualität der Friseurazubis nicht mehr gewährleisten. Zu viele schlecht ausgebildete Jugendliche sind mit ihrem Können nach der Ausbildung nicht in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen." Grund genug für ihn, aktiv zu werden. Und so stieß er bei seinen Recherchen nach an alternativen Ausbildungswegen auf "BANG". Diese Ausbildungsform über spezielle Netzwerke wird federführend vom Paderborner Unternehmen "gpdm" zusammen mit den "BANG"-Netzwerken umgesetzt.

"Hochwertige Ausbildung sichert den qualifizierten Nachwuchs und stellt die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sicher", analysiert Peter Gress von der Firma " Bettina & Peter Gress  GbR " und erklärt: "Mein Ziel ist es, das Prinzip der BANG-Netzwerke in der Friseurausbildung in Süddeutschland zu etablieren. Baden-Württemberg ist für mich deshalb erste Wahl, weil ich hier zuhause bin".

Im Oktober 2009 führte Peter Gress ein Interview mit Achim Gerling, dem Projektleiter der BANG® -Ausbildungsnetzwerke in Paderborn, das wir wiedergeben:

Peter Gress: Worin besteht das Kerngeschäft der gpdm

Achim Gerling: Wir sind in den Arbeitsfeldern Bildungsmanagement, Regionalentwicklung und Öffentliche Verwaltung tätig. Unser Kerngeschäft sehen wir in der Entwicklung und Umsetzung von Potenzialprojekten. Diese sind in ihrer Art, ihren Inhalten, den eingesetzten und angewandten Methoden oder auch in ihrer Zielsetzung und Richtung neuartig und komplex. 

Peter Gress: Die gpdm ist sozusagen Projektentwickler? 

Achim Gerling: Ja, nur dass sich die gpdm seit ihrer Gründung nicht mit der Rolle des Experten begnügt, der bloß Analysen und Gutachten erstellt und Empfehlungen abgibt. Vielmehr wollen wir Ideen geben, Potenziale vorantreiben, Entscheidungen vorbereiten und unterstützen, und wir wollen als Projektmanager die Umsetzung voranbringen. 

Peter Gress:  Aufmerksam geworden auf die gpdm bin ich über BANG, das Berufliche Ausbildungs-Netzwerk im Gewerbebereich. Erklären Sie mir bitte die Idee, die hinter BANG steht?

Achim GerlingIm Jahr 2000 entwickelten drei Hövelhofer Unternehmer in Zusammenarbeit mit der gpdm mbH das triale Ausbildungssystem BANG. Ihr Ziel war und ist noch immer die Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs. Das triale System basiert auf der Idee, das duale Ausbildungssystem aus Betrieb und Berufsschule um eine dritte Säule, das BANG-Ausbildungsnetzwerk, zu ergänzen. Das Ausbildungsnetzwerk übernimmt die vielfältigsten Aufgaben rund um die Ausbildung und setzt interne Kapazitäten des Unternehmens frei. Betriebe können somit effizienter, qualitativ hochwertiger und kostengünstiger ausbilden als das bei der ausschließlichen Nutzung betrieblicher Ressourcen möglich wäre.

Peter Gress:  Wie ist BANG organisiert? 

Achim Gerling:  Das BANG Netzwerk besteht aus sechs gemeinnützigen Vereinen, in denen die Mitgliedsfirmen im jeweiligen Kreis organisiert sind. Der siebte Verein wird Anfang 2010 im Hochsauerland gegründet werden. Die Vereine sind unabhängig, nutzen aber verschiedene Dienstleistungen der gpdm für organisatorische und administrative Bereiche. 

Peter Gress: Was steckt hinter dem Begriff triale Ausbildung? 

Achim Gerling: Wie bereits angemerkt, basiert das triale System basiert auf der Idee, dem duale Ausbildungssystem aus Betrieb und Berufsschule eine dritte Säule, eben das BANG®-Ausbildungsnetzwerk, an die Seite zu stellen. Auszubildende werden vor dem Eintritt in die Unternehmen intensiv in den Grundlagen ihres Ausbildungsberufes geschult. Sie werden dabei nicht durch in den Betrieben anfallende Nebenbeschäftigungen gestört. Durch die volle Konzentration auf die Ausbildungsinhalte machen sie schnell große Fortschritte, wodurch sie im Unternehmen sofort für komplexe und hochwertige Arbeiten eingesetzt werden können. Das spart den Ausbildungsbetrieben Zeit und Geld und erhöht gleichzeitig die Motivation der Auszubildenden, was sich wiederum positiv in der Leistung niederschlägt. 

Peter Gress: Wie sieht der zeitliche Rahmen der externen Ausbildung aus?

Achim Gerling: Die gesamte Ausbildungszeit beträgt 3 ½ Jahre. Im ersten Ausbildungsjahr sind die Azubis 50 Tage im Trainingszentrum, im zweiten Jahr 40 Tage, im dritten Jahr null Tage und im vierten Jahr, eigentlich ein Halbjahr, 20-30 Tage zur Prüfungsvorbereitung. Während der gesamten Ausbildungszeit – die Schulferien ausgenommen – finden wöchentlich zwei Stunden Theoriestütze statt. Auf diese Weise werden eventuelle Wissenslücken frühzeitig erkannt und können mit wenig Aufwand geschlossen werden. 

Peter Gress: Welche Aufgaben nimmt das Netzwerk den Unternehmen ab? 

Achim Gerling: Eine der wichtigsten Aufgaben ist das Bewerbermarketing. Das Netzwerk kümmert sich um die Akquise und die Vorauswahl geeigneter Bewerber, die den Unternehmen zur Vorstellung zugewiesen werden. Stimmt die Chemie zwischen Unternehmen und Bewerber kommt es zum Ausbildungsvertrag. Es folgt das BANG Kick-Off, die Ausbildung im Trainingszentrum, Workshops zu den Fachthemen, sowie Werk- und Förderunterricht. Ein wichtiger Faktor ist das Ausbildungscontrolling mit Beurteilungsgesprächen zwischen Azubi , BANG-Ausbilder und dem betrieblichen Ausbilder. Diese Gespräche sind ebenso Bestandteil der Netzwerkleistung wie die schriftlichen Beurteilungen der Leistungen im Trainingszentrum, im Werkunterricht und in der Berufsschule. Weiterhin übernimmt das Netzwerk das Schnittstellenmanagement zwischen Eltern, Kammern, der Agentur für Arbeit, sowie den Berufs- und allgemeinbildenden Schulen. Die Organisation von BANG-Veranstaltungen und die notwendige Öffentlichkeitsarbeit runden die Aufgabenstellung ab. 

Peter Gress: Wie viele Unternehmen nutzen die Leistung des BANG-Netzwerks zurzeit?

Achim Gerling: Aktuell zählen die BANG Ausbildungsnetzwerke ca. 110 betreute Mitgliedsunternehmen (aktive + Fördermitglieder) mit über 220 Auszubildenden aus ganz Ostwestfalen-Lippe, dem Hochsauerlandkreis und Nordhessen. 

Peter Gress: Wie funktioniert solch ein Netzwerk? 

Achim Gerling: Jedes Unternehmen stellt Auszubildende ein und schließt dazu einen Ausbildungsvertrag mit einem Jugendlichen ab. Wenn alles gut läuft, soll dieser nach der Ausbildung übernommen werden. In unseren regionalen Trainingszentren werden dem Auszubildenden die Inhalte vermittelt, welche der Betrieb aufgrund seiner hohen Spezialisierung oder auch eines hohen Auftragsvolumens nicht mehr vermitteln kann.

Peter Gress:  Ich konnte mich in Halle/Westfalen im neu gegründeten BANG-Ausbildungszentrum davon überzeugen, dass der vorgeschaltete triale Ausbildungszweig die Azubis in höchst professioneller Art fördert. Ein hauptamtlicher Ausbilder kümmert sich um die Jugendlichen, die an Werkbänken und an Maschinen die Grundkenntnisse ihrer Lehrberufe gezielt und mit hoher Konzentration aufnehmen und trainieren können. Was das triale System für Friseure so interessant macht, ist die Tatsache, dass kleineren Unternehmern die Zeit fehlt, effektiv, gezielt und nachhaltig auszubilden. Dabei stecken viele Chancen in der Ausbildung: zum Einen sorgen die ausbildenden Unternehmen für Ihren eigenen qualifizierten Nachwuchs, und, entsprechend ausgebildet, können Auszubildende schon während der Ausbildung einen Deckungsbeitrag für das Unternehmen erarbeiten und sich einen Kundenstamm aufbauen, der die Übernahme des Azubis in den Gesellenstand erleichtert. Wir finanziert sich BANG? 

Achim GerlingBANG finanziert sich über die Beiträge der angeschlossenen Unternehmen. Diese liegen zwischen 3500 und 4500 Euro pro Jahr. Die Investition rechnet sich durch die schnellere Einsetzbarkeit der Azubis im Unternehmen, eine geringere Fehlerquote und über die von Anfang an höhere Arbeitsqualität. Mit den Jahresbeiträgen alleine lässt sich das Ausbildungszentrum in Halle nicht finanzieren. 

Peter Gress: Wie haben Sie die Investition für dieses Projekt gesichert? 

Achim Gerling: Das Ausbildungszentrum in Halle wurde von zwei größeren Unternehmen aus dem Netzwerk finanziert. BANG nutzt das Ausbildungszentrum über zehn Jahre und verzinst so das Engagement der Investoren. 

Peter Gress: Betreibt BANG neben dem Trainingszentrum in Halle noch andere Schulungseinrichtungen? 

Achim Gerling: Ja, es gibt für jeden Vereinsbezirk ein Trainingszentrum. Dabei handelt es sich um Einrichtungen wie das Kolping Bildungswerk oder Berufskollegs, die das Netzwerk in sogenannten public-private partnerships betreibt, aber auch um Ausbildungszentren von größeren Mitgliedsunternehmen. 

Peter Gress: Welche Vorteile haben die Unternehmen durch die BANG-Ausbildungsnetzwerke über die qualitativ höhere Ausbildung hinaus noch zu erwarten? 

Achim Gerling: Ein wesentlicher Nutzen ist, dass die Azubis nach der Ausbildung zu 90 Prozent im Ausbildungsbetrieb verbleiben. Bei Bewerbern von außerhalb sind eher unbekannte Regionen wie Ostwestfalen-Lippe oder das Hochsauerland nicht gerade als imposante und liebenswerte Arbeitsund Lebensregionen bekannt, deshalb ist diese hohe Verbleiberate ein extrem wichtiger Wert zur Sicherung der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Zu den positiven Effekten der BANG-Netzwerkausbildung zählt auch die mit nur zwei Prozent extrem niedrige Abbrecherquote während der Probezeit. 

Peter Gress: Haben Sie das BANG Prinzip auch schon in anderen Branchen umgesetzt? 

Achim Gerling: Wir haben ähnliche Netzwerke in anderen Bereichen gegründet: KuBiK in der Kunststoffbranche, BANG Foodtec in der Lebensmittelbranche, MecBANG - „Das Mechatroniklabor im Elektrobereich“ und BANK im kaufmännischen Bereich. Den Netzwerkgedanken kann man auf jede Branche anwenden, allerdings es nicht möglich, ein System eins zu eins zu übernehmen. Jede Branche hat ihren eigenen Takt und ihre Besonderheiten, die beachtet und integriert werden müssen. Grundsätzlich aber ist Netzwerkausbildung in jedem Beruf machbar. Herr Gerling, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Peter Gress: Herr Gerling, ich danke Ihnen für das Gespräch.

(Redaktion)


 


 

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