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60 Jahre Bundesrepublik

Eine unglaubliche Geschichte

"Ich mag Deutschland so sehr, dass ich lieber zwei davon haben möchte" - der berüchtigte Satz des französischen Literatur-Nobelpreisträgers François Mauriac, noch formuliert unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs, ist Geschichte geworden. Mit entsprechender Legendenbildung: Häufig wird er Charles de Gaulle zugeschrieben, um die Unüberwindbarkeit von "Erbfeindschaft" und Misstrauen zu belegen.

Die 60-jährige Geschichte der Bundesrepublik beweist jedoch, dass nahezu alles zu überwinden - oder zu schaffen - ist, wenn einige Voraussetzungen stimmen: eine breite Mehrheit im Volk, die den Neubeginn will, eine Verfassung, die sie dabei stützt und ein geopolitisches Umfeld, das sie nicht daran hindert. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Aussöhnung nicht bloß mit den Kriegsgegnern, sondern vor allem mit den Opfern des Nazi-Terrors. Integration von zwölf Millionen Vertriebenen. Ein wirtschaftlicher Wiederaufstieg ohne Beispiel. Die friedliche Überwindung des SED-Regimes, die folgende Vereinigung beider deutscher Staaten und als Konsequenz daraus mehr internationale Verantwortung.

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte - eine, an der sich viele andere Staaten orientieren. Das hat nichts mit Verklärung zu tun, denn jedes ihrer Jahrzehnte war auch von großen Fragen, Zweifeln und Konflikten geprägt. Aber im Ergebnis haben die Antworten und Lösungen diese Demokratie stabiler und ihre Bürger selbstbewusster gemacht. Entstanden ist ein ruhiger Patriotismus, der niemanden mehr ängstigt, weil er auf niemanden herabsieht. Man schaut eher auf sich selbst und ist im Großen und Ganzen zufrieden.

Bis hierhin war es ein weiter Weg. Die Westbindung war kein Geschenk und auch kein Vorschuss an die junge Demokratie, sondern ein Mittel zur Kontrolle - Mauriac mit anderen Mitteln sozusagen. Umsonst zu haben war sie auch nicht: NATO-Beitritt und Wiederbewaffnung waren - anders als im ungeteilten Österreich - zwingend erwünscht. Die Befindlichkeiten der von Mitläufern zu "Ohne-Michels" gewendeten Deutschen zählten nicht - weder für Erstkanzler Adenauer noch für die Westalliierten. Mit den neuen Waffen machte man schnell seinen Frieden, der bis in die 80er Jahre halten sollte: Die äußere Bedrohung war zu offensichtlich, der innere Frieden - gewährt durch die soziale Marktwirtschaft - wurde nicht brüchig. Die beiden großen Volksparteien trugen mit ihrer Integrationskraft dazu bei und profitierten gleichzeitig davon. Als das Klima Mitte der 60er rauer wurde, bildete man die erste Große Koalition. Schon damals eine Notlösung, die den aufziehenden Sturm, den sie mit den Notstandsgesetzen gesät hatte, nicht überstehen sollte.

Aber statt einer Staatskrise kam Willy Brandt, um "Demokratie zu wagen" und nach der Westbindung die Öffnung gen Osten zu betreiben. Mit Erfolg, denn damit setzte die schleichende Erosion der DDR ein - weshalb man Brandt neben Kohl und Genscher zu den "Vätern der Einheit" zählen muss. Welch' Ironie, dass ausgerechnet er durch die Stasi zu Fall gebracht wurde. Aber auch das steckte die junge Republik weg - wie die folgenden Jahre des linken Terrors, die eben nicht zu neuen "Ermächtigungsgesetzen" führten.

Die Rechtsextremen blieben am Rand - kamen sie doch in die Parlamente, blamierten sie sich dort nach Kräften. Dafür waren jene "68er", die sich auf den langen weg durch die Institutionen begeben hatten, längst zu erfolgreich geworden: Sie dominierten bald den öffentlichen Dienst, Bildungs- und Kulturbetrieb, die öffentliche und veröffentlichte Meinung. War da noch Platz für eine "linke" Opposition? Ja, den schafften neue Bedrohungen: vom sauren Regen dahingeraffte Wälder, verseuchte Meere und der x-fache Overkill, der in den Raketensilos der Atommächte lauerte - an der Wiege der Grünen standen die apokalyptischen Reiter. Kein Wunder, dass das neue Parteienkind zunächst stark pubertierte: Pazifismus äußerte sich zuweilen militant, da wurde mit echtem Blut gespritzt und das eigene Verhältnis zur Gewalt war erst einmal basisdemokratisch zu klären. Mit deutscher Gründlichkeit schaffte man auch das und schaffte es schließlich in diverse Regierungen, 1998 sogar in die des Bundes.

Der "Genosse der Bosse" als "Autokanzler" und ein ehemaliger "Streetfighter" als sein Vize und Deutschlands Stimme in der Welt? Auch das ging und sogar noch mehr: Gerhard Schröder und Joschka Fischer führten einen Krieg - im Kosovo - und verweigerten sich einem anderen: im Irak. Belohnt wurden sie mit einem Farbbeutel und Wiederwahl.

Nun regiert eine in der DDR aufgewachsene Protestantin, die sich in der katholisch-männlich dominierten Union nach oben geboxt hat. Die Bundesrepublik und ihre Bürger haben also so ziemlich alles ausprobiert, was möglich ist. Sie haben Fehler gemacht, sich gestritten und am Ende doch immer ein akzeptables Ergebnis statt Chaos hinterlassen. Weiter so!

Quelle: ots / Weser-Kurier

(Joerg Helge Wagner)


 


 

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