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Interview

Der Produzent für gute Werbung

Der Ludwigsburger Produzent Matthias Dietrich hat sich schon als Schüler für Regie und Schauspiel interessiert. Inzwischen hat er sein damaliges Hobby zum Beruf gemacht und sich als Werbefilmer in der Branche etabliert.

Man kennt ihn aus „Verliebt in Berlin “, aus Serien wie „In aller Freundschaft“, „Soko Stuttgart“, „Dr. Klein“ oder „Laible und Frisch“. Doch in der Zwischenzeit steht der Schauspieler Matthias Dietrich nur noch selten vor der Kamera. Der 35-Jährige hat die Seiten gewechselt und seine eigene Filmproduktionsfirma „Dietrich Film“ gegründet. Als Produzent sowie Regisseur hat er sich auf Markenkommunikation, spezialisiert. Zu seinen Kunden gehören u.a. Mercedes-AMG, Minol Brunata, die Brauerei Oettinger oder die Deutsche Bahn. Im Oktober wird der leidenschaftliche Filmer erstmals in der ProPKo-Jury sitzen und über die Gewinner des diesjährigen Product Placement und Branded Entertainment Awards mitentscheiden. Zuvor sprach der Stuttgarter mit Business-on über seinen Seitenwechsel und die Bedeutung von guter Werbung für die Wirtschaft.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Schon in der Schule habe ich zielstrebig auf dieses Ziel hingearbeitet, die Theater AG besucht, und sogar damals schon mal Regie geführt bei Auftritten. Nach der Schule habe ich dann eine Schauspiel-Ausbildung in Berlin absolviert. Parallel dazu stand ich aber immer wieder für Fernsehrollen vor der Kamera und habe so erste praktische Erfahrungen gesammelt. Nach der Ausbildung habe ich zunächst neun Monate in Hannover Theater gespielt, aber es hat sich für mich doch schnell herauskristallisiert, dass meine Ambitionen mehr bei Film und Fernsehen liegen.

Was hat Sie an der Schauspielerei fasziniert?

Der Reiz der Schauspielerei beginnt ja bereits mit dem Casting, in dessen Vorfeld man sich mit einer Rolle konkret auseinandersetzen muss. Aber mir gefällt auch, dass man in diesem Beruf immer wieder in andere Rolle schlüpfen kann, dass man sich von Produktion zu Produktion weiterentwickelt,und dass man mit zunehmender Erfahrung auch Rollen für schwierige oder ausgefallen Charaktere angeboten bekommt, in denen man sich mal ganz anders ausleben kann. Mich hat zudem begeistert, dass ich mit dem, was mir schon als Schüler Spaß gemacht hat, tatsächlich Geld verdienen kann.

Inzwischen stehen Sie nur noch selten vor der Kamera, warum?

Vor ein paar Jahren hatte ich einmal das große Glück, bei einer Produktionsfirma für Werbefilme beratend tätig zu sein. Da habe ich sofort Feuer gefangen und mich durch weitere Aufträge mehr und mehr in die Materie eingearbeitet, bis ich mich entschloss, im Jahr 2010 meine eigene Firma zu gründen. Der Vorteil bei Werbung liegt einfach darin, dass man viel kürzere Wege bis zur Umsetzung hat als bei Spielfilmen oder Serien, dass man nicht von Fördergeldern, Sendeplätzen, Redakteuren etc. abhängig ist, sondern wie ich direkt mit den Entscheidern zusammenarbeitet.

Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?

Ich bin Produzent, Regisseur, schreibe das Konzept für die Kunden sowie das Drehbuch, sitze mit im Schnitt - das macht mir riesig Spaß. Und für den Kunden ist wichtig, dass ich keinen Schritt auslagere, sondern den kompletten Film mit einem Team selbst erstelle. Deshalb heißt meine Firma auch ganz bewusst „Dietrich Film“, da ich wirklich in jeden Film von der Akquise bis zur Abnahme komplett involviert bin.

Haben Sie für die Werbefilme eine ethisch-moralische Grenze?

Bislang hatte ich noch keinen Kunden, bei dem ich mir die ethisch-moralische Frage hätte stellen müssen. Prinzipiell kann ich aber sagen, dass mich durchaus auch Imagefilme über kontroverse Themen reizen würden, die nicht den Zeitgeist, den Mainstream bedienen. Gleiches gilt für Themen, die sehr speziell und nur für einen bestimmten Kundenkreis gedacht sind. So etwas finde ich spannend.

Welches Genre bedienen Sie?

Zum Beispiel erstellen wir Personalmarketing-Filme für die Recruiting-Abteilungen großer Unternehmen. Hier geht es mir vor allem darum, die Firma nicht in rosaroten Farben darzustellen, sondern sie authentisch und für mögliche Bewerber greifbar zu porträtieren. Vor kurzem habe ich einen TV-Commercial für Legoland und einen für SeaLife produziert. Solche Filme laufen nachmittags im Kinderprogramm und sprechen eine ganz andere Bildsprache, weil sie sich an Kinder, Eltern oder Großeltern richten. Diese Vielfältigkeit der Themen und Zielgruppen ist das Spannende an diesem Job.

Was ist Ihr filmisches Markenzeichen?

Jeder Film ist absolut auf Kunde und Produkt maßgeschneidert. Ich will komplizierte Sachverhalte für den Zuschauer praktisch und lebensnah darstellen. Mein Ziel ist, dass jeder Film eine Seele hat. Das bedeutet, dass wir selbst ein hochtechnisiertes Thema optisch und sprachlich so umsetzen, dass wir den Film nahe zu den Menschen bringen. Das erreiche ich u.a. durch eine gute Technik ebenso wie durch eine emotionale Kamerasprache und entsprechende musikalische Untermalung.

Sie haben ein Büro in Kapstadt. Wollen Sie Deutschland langfristig verlassen?

Nein, in Kapstadt habe ich ein Außenbüro für ausschließlich deutsche Kunden. Dort finde ich eine gute Infrastruktur vor sowie wunderschöne, vor allem vielseitige Landschaften, die zu Europa passen. Das macht mich unabhängig von den Jahreszeiten. In Kapstadt habe ich eine feste Mitarbeiterin und ein Team aus Freien. Und die Produktionskosten sind annähernd die gleichen.

In diesem Jahr sitzen Sie erstmals in der Jury von ProPKo für den Product Placement und Entertainment Award. Wo liegt der Unterschied zwischen klassischer Werbung und Product Placement bzw. Branded Entertainment?

Für einen klassischen Werbespot hat man wenig Zeit zur Verfügung. In dieser kurzen Zeit ist es sehr schwer eine Geschichte, vor allem mit mehreren Handlungssträngen zu erzählen. Branded Entertainment dagegen bindet die Marke viel mehr in eine Geschichte ein und bringt sie weiter. Folglich steht für die Darstellung viel mehr Zeit zur Verfügung. Gut beobachten kann man das in der Internetserie „Der Lack ist ab“ mit Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann. Sie spielen eine ganz normale Familie im Alltag. In einer Episode geht es beispielsweise um das Thema Vernetzung, dargestellt u.a. wenn der Vater mit seinem Sohn in einem bestimmten Chatraum kommuniziert, der voraussetzt, dass man eine schnelle Internetleitung hat. Eigentlich geht es um die konkrete Vater-Sohn-Geschichte, die aber wiederum nur funktioniert, weil es nun mal schnelles Internet dank Vodafone gibt. Bei Branded Entertainment hat man eben eine viel größere Story rund um das Produkt oder die Marke. Beim Product Placement hat man eine Story, an die man mit dem Produkt andocken kann. Ein Beispiel dafür sind die James Bond Filme, in denen „M“ auf einem Stuhl von Interstuhl sitzt.

Was bringt das konkret dem Unternehmen Interstuhl?

Wenn der Zuschauer sieht, wie Judi Dench auf einem Stuhl von Interstuhl sitzt, dann sagt das ja unheimlich viel über das Produkt allein aufgrund der Figur von „M“. „M“ ist eine Karrierefrau. Sie ist selbstbewusst, hat jede Menge Macht und Power, geht ihren Weg. Diese Ausstrahlung, dieses Image färbt einfach auf den Stuhl ab. Ähnlich ist es mit der M-Klasse von Mercedes in Jurassic Park. Diese Fahrzeuge haben den Menschen im Kampf gegen die Urzeit-Giganten sicher und schnell bei der Flucht geholfen und ihnen so das Leben gerettet. Product Placement und Branded Entertainment ist ein hochspannendes Thema, das ich sehr genau beobachte und auf meine eigene Arbeit runterbreche.

Inwiefern?

Nehmen Sie das Thema Personal Recruiting. Natürlich kann ich jemanden ein oder zwei Minuten erzählen lassen wie toll sein Job bei Firma XY ist. Aber vielleicht kann ich die Person auch ein halbes Jahr mit der Kamera begleiten und sie auf diese Weise erzählen lassen, wie es ist, in dieser Firma zu arbeiten oder eine Ausbildung zu machen. Mal ist die Person auf einem Workshop in Berlin, mal auf einer Messe in Honkong. Der Zuschauer bekommt mit, wie sie sich entwickelt, in der Firma und auch außerhalb etabliert, mit welchen Emotionen sie die Arbeit verrichtet. Die gewonnenen Eindrücke verbinden sich automatisch mit dem Unternehmen, ohne dass ständig dessen Name genannt werden muss.

Product Placement und Branded Entertainment sind in Deutschland noch lange nicht so selbstverständlich wie im Ausland. Wird sich das künftig ändern?

Davon gehe ich aus. Joko Winterscheidt und Matthias Schweighöfer haben jetzt eine eigene Werbeagentur/Produktionsfirma gegründet. Und wenn die jetzt ihr ganzes Wissen im Storytelling in den Werbemarkt einbringen, dann ist das ein großer Schritt. Gerade erst hat VW eine Kampagne mit Joko gemacht, deren Geschichte komplett  im VW-Universum spielt. Ohne dass deshalb alle anderen Spielwiesen der Werbung verschwinden, wird Branded Entertainment eine immer wichtigere Rolle spielen.

Warum ist das so?

Weil man eben eine Geschichte erzählt bekommt, unterhalten wird. Und weil Branded Entertainment somit den Konsumenten auf eine andere Art abholt als die klassische Werbung. Oft ist es so, dass einem guten Autor das Gespür für ein Produkt fehlt, und dem Werber mit dem guten Produkt das Gespür fürs Storytelling. Da könnten sich künftig gute Symbiosen ergeben.

Für die Filmschaffenden bedeutet es zudem, dass sie somit auch ganz andere Finanzierungsmöglichkeiten haben als bisher. Bei uns kann man nicht einen Film machen, bei dem man nicht über die üblichen Fördertöpfe gehen muss. Und die verwalten ganz bestimmte Leute mit ganz bestimmten Vorstellung von Filmen oder Serien. Und diese Leute heben oder senken den Daumen. Jetzt kommen Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime mit dem nötigen Budget, die sagen: „Guter Stoff, den machen wir“. Die können dann problemlos Produktplatzierungen vornehmen, weil ihnen eben kein Fernsehbeirat wie bei ARD oder ZDF Schranken auferlegt.

Würde Sie eine solche Produktion reizen?

Auf jeden Fall, da ich als ehemaliger Schauspieler natürlich tief in mir drin noch immer das Bedürfnis habe, eine Geschichte zu erzählen.

(Patricia Leßnerkraus Freie Journalistin)


 


 

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1 Kommentar

von Marcel
05.10.16 22:42 Uhr
Produzent Mathias Dietrich

Die diesjährige Jury des PPA (Product Placement Award) im Rahmen des ProPKo - Branded Entertainment summit Stuttgart 2016 ist wieder hochkarätig und kreativ besetzt. Mit unter anderem Matthias Dietrich. Willkommen im Team!
Die Möglichkeiten von PP sind noch lange nicht ausgeschöpft und es gibt noch viel Potential. Wir dürfen gespannt sein, was die Spezialisten zu berichten haben am 26.10.16 beim Summit in Stuttgart. http://www.branded-entertainment.org/

 

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