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Interview Kai Wiesinger

Product Placement statt Filmförderung

Mit seiner Web-TV-Serie „Der Lack ist ab“ beschreitet Schauspieler Kai Wiesinger neue Wege. Er schrieb das Drehbuch, führte Regie, spielte eine der Hauptrollen und fand für sich eine eigene Art der Finanzierung.

Als Mitvierziger-Ehepaar Tom und Hanna stehen Kai Wiesinger und seine Lebensgefährtin Bettina Zimmermann für die Web-TV-Serie „Der Lack ist ab“ vor der Kamera. Unterstützt werden die beiden Schauspieler von namhaften Kollegen in Gastrollen. Zu sehen war die erste Staffel im Mai auf der Plattform MyVideo.de. In jeder der zehnminütigen Folgen beleuchten die beiden Schauspieler humorvoll die Probleme, die das Älterwerden mitsamt Gleitsichtbrille, Hüftrollen und grauen Strähnen mit sich bringt. Knapp vier Millionen Zuschauer sahen die kostenlosen Clips der ersten Staffel im Internet. Seit Anfang Oktober sind die nächsten elf Folgen der zweiten Staffel im Netz. Eine Folge wurde inzwischen auf Englisch gedreht, um die Chancen der Serie auf dem internationalen Markt zu testen. Und die ersten Gedankenspiele zu einer dritten Staffel laufen auch bereits. Das Besondere an dieser Webproduktion ist die Finanzierungsfrage, die mit Partnern wie Opel, Vodafone oder Obi völlig neue Wege beschreitet. So wurde jetzt in der zweiten Staffel die letzte Folge in einem Obi-Markt gedreht, die über fünf Wochen exklusiv auf der Obi-Website steht, bevor sie als integraler Bestandteil der Serie zurück auf MyVideo kommt. „Seit 15 Jahren trage ich den Wunsch in mir, Filme völlig frei und von den bisherigen Strukturen losgelöst finanzieren zu können. Wie sich das weiterentwickelt ist noch offen, doch bekomme ich sehr positives Feedback auch von anderen Unternehmen aus der Wirtschaft. Wir wollen uns ja nicht nur auf ‚Der Lack ist ab‘ beschränken, sondern sind auch in der Planung anderer Formate, die man dann mit anderen Werbepartnern in immer neuen Mustern verwirklichen kann“, sagt Kai Wiesinger, der Mitte Oktober zu diesem Thema einen Vortrag beim ProPKo - Product Placement und Branded Entertainment Summit in Stuttgart hält. Business-on sprach vorab mit dem Schauspieler über Produkt- und Markenwerbung, über seine Zukunftspläne und das Altern.


Herr Wiesinger, Sie finanzieren mit Werbepartnern aus der Wirtschaft Ihre Internet-Serie. Worauf kommt es Ihnen dabei besonders an?

Wir stellen uns zunächst die Frage, was wir überhaupt erzählen wollen. Im nächsten Schritt überlegen wir, wer oder was passt zu unserer Geschichte und wie integriert man das Produkt am besten. Da sind der Fantasie überhaupt keine Grenzen gesetzt. Entscheidend ist, dass man sich von dem Gedanken befreit, ein Programm für den Dienstag oder Donnerstag um die oder die Uhrzeit zu planen. Der Inhalt sollte zum Zuschauer kommen und zwar dort, wo er ist. Nicht wie bisher, dass der Zuschauer sich an Programmplätze und Uhrzeiten halten muss.


Verstehen Sie Ihr Finanzierungsmodell als Chance für Ihr künstlerisches Wirken?Absolut, das sehe ich so. An unserer Besetzungsliste mit Namen wie Ben Becker, Anja Kling, Christoph M. Ort, um nur ein paar der Kollegen zu nennen, sieht man doch, welch einen riesengroßen Spaß es uns allen macht, so frei von den Senderzwängen arbeiten zu können. Normalerweise braucht eine Drehbuchentwicklung allein schon ein Jahr. Ein weiteres Jahr vergeht, bis man drehen kann, ein Jahr später kommt der Film raus. Bis dahin ist das Thema vielleicht nicht mehr aktuell, die entsprechenden Redakteure, die die Initialzündung zu dem Buch hatten, schon gar nicht mehr in der Verantwortung, so dass es dann ganz anders behandelt wird als ursprünglich geplant. Bei uns ist es gerade mal ein Jahr her, dass das erste Drehbuch überhaupt angedacht wurde und jetzt sind wir schon in den Planungen für die dritte Staffel, deren Dreharbeiten im März beginnen sollen. Das ist ein Tempo, dass man noch überhaupt nicht gewohnt ist.


Gibt es Produkte oder Marken, mit denen Sie auf keinen Fall arbeiten würden oder sagen Sie, Hauptsache das Geld stimmt?Alles, was ethisch vertretbar ist, ist auch vorstellbar, solange ich damit verantwortlich umgehe. Für Produkte, z.B. Waffen, die meiner Weltanschauung widersprechen, würde ich mich sicherlich nicht bezahlen lassen. Aber in erster Linie kommt es auf den Kontext an. Warum soll ich nicht für ein Bier Werbung machen, nur weil da Alkohol drin ist, wenn es in Maßen genossen wird. Wenn ich es allerdings als ein gutes Getränk für Jugendliche darstelle, dann ist es eher fatal.
Es können die verschiedensten Produkte oder Firmen sein, mit denen man zusammenarbeitet, es ist lediglich abhängig, in welchem Kontext die Marke steht. Haftcreme für Gebisse in einem Kinderfilm macht wenig Sinn.


Worauf kommt es Ihnen bei einer Zusammenarbeit mit Produkten und Marken konkret an?Mein Ziel ist es, Filme so herzustellen, dass der Zuschauer erstens nicht den Eindruck bekommt eine Werbung anzuschauen, zweitens nicht den Eindruck hat, dass es völlig unrealistisch ist wie im Fernsehen üblich, wo Labels und Marken weggedreht oder umbenannt werden, und drittens, dass keine Werbeunterbrechungen nötig sind, die den Filmgenuss stören. Dazu brauch ich aber eine vernünftige, inhaltlich clevere Ausarbeitung des Produktes, die sich ins Filmgeschehen perfekt integriert. Bei der ersten Staffel kam Vodafone auf uns mit der Idee zu, aus der Serie heraus eine Werbung zu entwickeln. Wir haben das getan mit der Idee, dass der Zuschauer beim Betrachten der Werbung automatisch auch auf unsere Internet-Serie aufmerksam wird. Deswegen kann ich mir künftig gut vorstellen, mit Firmen, die gerne in Kunst und Kultur investieren wollen, gemeinsam einen Plot zu entwickeln, mit dem auch das Unternehmen in Verbindung gebracht wird, ohne dass ein Produkt ständig im Bild sein muss.


Sehen Sie dahingehend einen Trend oder sind Sie mit dieser Denkweise eher ein Einzelfall?

Wir sind da sicher mit wenigen anderen in einer Vorreiterrolle. Allerdings erlebe ich derzeit, dass ich bei der Wirtschaft immer öfter auf offene Ohren stoße und sehr spannende Gespräche führen kann. Ich glaube, da liegt tatsächlich die Zukunft. Für den Zuschauer ist es schöner, weil er keine Werbeunterbrechungen mehr hat. Und für die Werbetreibenden ist es interessanter, weil man so ein Produkt ganz anders in die Filme integrieren kann, natürlich immer unter Berücksichtigung der werberechtlichen Vorschriften. Mir geht es um eine Neugestaltung des Miteinanders von Industrie und Unterhaltung, um andere gemeinsame Konzeptentwicklung, damit wir eine künstlerische Freiheit erhalten, die auch die Film- und Fernsehlandschaft bereichern wird.


Sehen Sie Ihre berufliche Zukunft als Schauspieler, Drehbuchautor oder Regisseur somit nur noch im Netz?

Meine berufliche Zukunft habe ich schon immer da gesehen, wo ich die Freiheit habe das zu tun, was ich liebe und wofür ich seit dreißig Jahren kämpfe, nämlich für Qualität der Geschichten. Das kann im Netz sein, im Kino oder Fernsehen. Was ich nicht möchte ist, noch einen neuen Krimi im Fernsehen zu spielen. Das Spannende am Netz ist doch, dass ich hier die Chance habe, Geschichten zu erzählen, an die ich selbst glaube.


„Der Lack ist ab“ ist eine sehr witzige und zugleich sehr realistische Serie. Wie viel Kai Wiesinger steckt in der Figur Tom?

Ich beschreibe in der Serie und in der Figur Tom das, was ich in meinem Leben fühle und sehe, aber das muss nicht automatisch von mir selbst so erlebt worden sein. Die Idee zu der Serie kam mir, als ich bei einem Abendessen im Gespräch mit Freunden feststellte, dass wir alle unterschiedliche Wege haben mit der schleichenden Alterskurzsichtigkeit umzugehen. Ich stellte fest, dass es allen gleich ergeht, wenn sie in ein bestimmtes Alter kommen. Jeder denkt natürlich zunächst, er sei mit diesem Problem allein. Die ehrliche Auseinandersetzung damit, dass der Lack eben ab ist, dass man doppelt so viel joggen muss um die Figur zu halten wir vor zwanzig Jahren, dass ab einem Alter von vierzig sowohl der Bauchspeck als auch die Kurzsichtigkeit zunimmt, die macht mir sehr viel Spaß.

 
Sie und Ihre Lebensgefährtin Bettina Zimmermann spielen in der Serie ein Ehepaar. Warum haben Sie als Film-Kinder nicht Ihre eigenen Töchter vor die Kamera geholt, wie es beispielsweise Til Schweiger macht?

Wir versuchen, die Kinder so gut es geht aus der Öffentlichkeit herauszuhalten . Wenn sie eines Tages erwachsen sind, dann können sie sich frei für einen Beruf entscheiden.


Würden Sie Ihre Kinder unterstützen, wenn sie sich für die Schauspielerei entscheiden?

Ich würde jedem Menschen, der sich überlegt Schauspieler oder alternativ etwas anderes zu werden, raten, sich zunächst für das Andere zu entscheiden und zu schauen, ob man damit erfolgreich wird. Schauspieler zu sein ist ein sehr, sehr harter Beruf, von dem die meisten nur sehr schwer leben können. Wenn unsere Kinder eines Tages sagen würden, dass sie unbedingt und alternativlos nur schauspielern wollen, dann sollen sie das tun. Aber bis dahin will ich, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen vernünftigen Schulabschluss und eine solide Ausbildung machen.


Würden Sie selbst nochmals Schauspieler werden?

Ich habe schon als 14jähriger Schüler Schauspielunterricht bekommen und liebe diesen Beruf. Also würde ich ihn immer wieder wählen. Das Schöne an diesem Beruf ist, dass man sich immer weiter entwickelt und plötzlich ganz neue Wege entdeckt, so wie wir gerade mit ‚Der Lack ist ab‘. Das ist nicht nur für Bettina und mich schön, sondern es zeigt der ganzen Branche eine Alternative auf, wie man auch Kunst machen und kreativ sein kann, ohne sich immer nur hinten anzustellen und zu hoffen, dass man für den hundertsten Krimi einen Drehtag bekommt. Das ist für die Schauspieler ja auch frustrierend, denn wir sind doch alle angetreten, um schöne und interessante Rollen zu spielen. Das Netz mit seiner Vielfalt bietet uns allen eine erfreuliche Zukunft.


Im nächsten Jahr werden Sie 50. Haben Sie Angst vorm Altern?

Nein, ich habe keine Angst, denn das Altern ist unaufhaltsam. Ich finde es eher interessant den Weg zu finden, der einem Spaß macht. Als ich vierzig wurde, saß ich mit dem damals sechzigjährigen Wim Wenders in einer Talkshow. Er sagte: ‚Ich finde es so toll im Alter.‘ Und ich fragte mich, was denn jetzt so toll in dem Alter wird, was nicht vorher schon toll war. Ich warte noch immer so ein bisschen drauf, was ich nun am Älterwerden besser finden soll als am Jüngersein. Ich finde es lächerlich, wenn man sich etwas vormacht. Jeder muss das jedoch für sich selbst entscheiden. Natürlich kann ich mich so operieren lassen, dass ich zehn Jahre jünger aussehe. Das mag eine Weile halten. Doch Fakt ist, dass der Zahn der Zeit trotzdem fünfzig Jahre an mir genagt hat. Ich finde es deshalb viel entscheidender, wie ich mich fühle. Wenn ich geistig und körperlich fit bin, sodass ich mich wohl fühle, dann ist doch alles gut. Dann muss ich auch keine Angst vorm Alter haben.
Wovor ich allerdings Angst hätte wäre, alt, krank, schlapp und für die Familie vielleicht ein Pflegefall zu werden. Den Gedanken finde ich für mich schrecklich.

Schauen Sie sich einfach die Folgen der Web-TV Serie "Der Lack ist ab" an...

(Patricia Leßnerkraus Freie Journalistin)


 

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Nela König / SAT1
Bild Nr. 2 © Vodafone
Bild Nr. 3 © Kai Wiesinger


 

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