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Kolumne

Eine Fahrt nach Paleochora

Diesmal hat unser Autor Andreas Ballnus einen Text aus seinem Archiv hervorgeholt und überarbeitet, den er bereits vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben hat. In ihm beschreibt er nicht nur eine eindrucksvolle Busfahrt quer über die griechische Insel Kreta, sondern verwebt ihn mit weiteren Impressionen aus seinem damaligen Urlaub. Inzwischen wird sich vieles verändert haben. – Nach Kreta zurückgekehrt ist er bisher, wie ursprünglich geplant, allerdings noch nicht.

Eben noch trank ich am Venezianischen Hafen von Chania, an dem ich den größten Teil des Vormittags verbracht hatte, einen Cappuccino. Nun, einige Minuten später, frage ich mich am Zentralen Omnibusbahnhof zum Bus nach Paleochora durch.

An meinem ersten Tag hier auf Kreta hat mich das schier unübersichtliche Chaos auf dem Busbahnhof von Chania sowie die für mich nicht lesbare Schrift der Anzeigetafeln fast in Panik versetzt.

‚Hier kommst Du nie wieder weg‘, habe ich gedacht. Doch inzwischen weiß ich, wo ich hingehen, nachschauen und wen ich fragen muss. Außerdem habe ich festgestellt, dass selbst die einheimischen Fahrgäste schnell mal die Übersicht verlieren, hektisch von Bus zu Bus laufen und die Fahrer nach deren Zielstation fragen. Es würde mir also auch nicht helfen, wenn ich die schnarrenden Lautsprecheransagen verstehen würde, die über den Busbahnhof schallen, und verkünden, welcher Wagen mit welcher Nummer in den nächsten Minuten wohin fährt.

Nun bin ich endlich in dem Bus nach Paleochora. Pünktlich um 12.00 Uhr fährt er los. Ich sitze ganz vorne, erste Reihe rechts, der Platz am Gang. Außer dem Fahrer gibt es noch einen Busbegleiter, der nun durch den Wagen geht und die Fahrkarten kontrolliert. Nur langsam findet der Wagen seinen Weg durch die engen, stark befahrenen Straßen Chanias. Der Straßenlärm, das Hupen der Autos, die Musik aus den Lautsprechern über mir sowie das Knistern, Rauschen und Scheppern des Funksprechverkehrs zwischen dem Busfahrer und seinen Kollegen vermischen sich zu einer doch sehr gewöhnungsbedürftigen Geräuschkulisse.

Endlich, die Stadt liegt hinter uns. Wir fahren die Hauptstraße entlang gen Westen. Immer wieder kann ich rechts von mir das Meer sehen. Kleine Wellen schlagen an den Strand, und eine felsige Insel scheint zum Greifen nahe zu sein. Es ist Anfang April 1996. Wunderbarer Sonnenschein einerseits und ein starker kühler Wind andererseits verunsichern bei der Kleiderfrage. Die Jacke habe ich schon wieder ausgezogen und auf meinen Schoß gelegt.

Inzwischen sind wir durch mehrere endlos lang erscheinende Vororte gefahren. Überall herrscht emsiges Treiben. Die Insel erwacht von Tag zu Tag mehr aus ihrem Winterschlaf. Es wird gebaut, repariert und geputzt. Vor allem die Hotels, Restaurants und Cafés bereiten sich auf den Sommer und die zahllosen Touristen vor.

Der Busbegleiter kommt. In jedem der Busse fährt solch ein Begleiter mit, bei dem man seine Fahrkarte kaufen muss. Für diese Fahrt bezahle ich 1250 Drachmen. Das sind keine acht D-Mark für rund 80 Kilometer beziehungsweise zwei Stunden Fahrt.

Noch immer befinden wir uns auf der Hauptstraße, die an der gesamten Nordküste Kretas entlang führt. Sie wird gesäumt von Hotels, Restaurants, Cafés, Autovermietungen und Souvenirshops. Zwischen den Häusern: Der Strand, das Meer und diese felsige Insel. Sie heißt Agii Theodori und ist ein Reservat für die Kri-Kri, die kretischen Wildziegen. ‚Dort das Reservat für die Ziegen, hier die Reservate für sonnenhungrige Urlauber‘, denke ich. Dann stelle ich mir vor, wie hier im Touristenreservat während des Sommers die Hölle los sein muss.

Wegen einer Baustelle verlassen wir die Hauptstraße und schlängeln uns die viel zu enge Umleitung entlang. Sie führt direkt an meinem Hotel vorbei, das sich in einem der Vororte von Chania befindet. Auf der Rückfahrt werde ich hier aussteigen können. Mehrmals muss der Bus oder der Gegenverkehr anhalten und warten, damit es überhaupt weitergehen kann. Über Funk spricht sich der Busfahrer mit seinen ihm entgegenkommenden Kollegen ab. Geduldig und mit großem Geschick der einzelnen Fahrer wird jeder Engpass bezwungen.

Wieder auf der Küstenstraße angelangt geht es weiter von einem Badeort zum anderen. Dann biegen wir links ab ins Landesinnere. Schon nach wenigen hundert Metern verändert sich die Landschaft. Wir lassen das Meer zurück und ich sehe mich auf einmal von Bergen und Tälern umgeben. Orangen- und Olivenplantagen säumen unseren Weg.

Die Straße wird jetzt enger. Vor jeder Kurve, die nicht so gut einsehbar ist, hupt der Busfahrer – mal mehrmals hinter einander, mal lang und intensiv. Einige Touristen im Bus begleiten jedes Hupen mit fast schon hysterisch erscheinenden Überraschungslauten. Ich selber habe mich an die Huperei gewöhnt. Es wird gehupt, wenn man überholt wird, wenn jemand im Weg ist oder wenn die Gefahr besteht, dass gleich jemand im Wege stehen könnte.

Nun bin ich also mittendrin in der Bergwelt West-Kretas. Links sehe ich die schneebedeckten Wipfel der Levka Oris, den Weißen Bergen. In engen Serpentinen windet sich die Straße immer weiter empor. Vor jeder Kurve denke ich, dass nun der Anstieg gleich beendet sein müsste – doch es geht immer weiter bergauf. An einigen Stellen ist die Straße gerade mal etwas breiter als der Bus. Auf der einen Seite befindet sich eine steile Wand nach oben, auf der anderen eine nach unten. Dann wieder verläuft die Straße direkt auf einen Bergkamm entlang. Nun geht es an beiden Seiten, vielleicht zwei Meter neben der Fahrbahn, steil bergab.

Hin und wieder fahren wir durch kleine Dörfer. Hier hält der Bus kurz an, um neue Fahrgäste aufzunehmen. Ein schnarrendes Signal zeigt dem Fahrer, dass jemand aussteigen will. Die Haltestellen sind nicht immer zu erkennen. Manchmal ist ein klärender Zuruf des Busbegleiters notwendig, damit der Fahrer weiß, wo er halten soll. Von anderen Urlaubern habe ich gehört, dass man sogar ein Handzeichen geben muss, um mitgenommen zu werden – selbst, wenn man an einer Haltestelle steht.

Der Fahrer hat inzwischen längst den Funk abgeschaltet. Hier in den Bergen ist vermutlich kein vernünftiger Empfang mehr möglich. Das Radio läuft aber noch weiter – auch, wenn der Fahrer jetzt immer öfters einen anderen Sender suchen muss. Und nun habe ich es ganz deutlich gesehen. Ich hattest es schon ein, zwei Mal beobachtet war mir aber nicht ganz sicher gewesen. Doch jetzt habe ich genau hingeschaut und ich hatte mich nicht geirrt: Eben, als wir an einer kleinen Kirche vorbeifuhren, hat sich der Fahrer bekreuzigt. Dreimal hat er ein Kreuz geschlagen und für einen kurzen Moment den Blick gesenkt. Doch schon einen Augenblick später kurbelte er mit beiden Händen am Lenkrad, um die nächsten engen Kurven zu meistern.

Dann ruft er seinen Begleiter zu sich nach vorne. Dieser bleibt zunächst stehen. Erst als ihm der Notsitz neben dem Fahrer angeboten wird, setzt er sich hin. Beide fangen an, sich lebhaft gestikulierend zu unterhalten. Während des Gespräches steckt sich der Fahrer seine zweite Zigarette an. Im Bus herrscht eigentlich Rauchverbot. Ein wenig skeptisch verfolge ich die lebhaft gestikulierenden Hände des Fahrers während er die engen Serpentinen entlang fährt, sich bei den Kirchen bekreuzigt, kurz den Blick senkt und dann wieder nach einem neuen Sender im Radio sucht. Irgendwann wird der Empfang aber so schlecht, dass er es ausschaltet. Nun sind nur noch die Fahrgeräusche, die Gespräche der Mitreisenden und gelegentlich das Hupen zu hören.

Das Fahren in den engen Kurven fängt an, sich auf meinen Magen zu schlagen. Dabei habe ich mich schon extra nach vorne gesetzt. Schräg hinter mir sitzt eine junge Frau. Auf ihrem Schoß schläft ein Säugling. Er scheint keine Probleme mit den vielen Serpentinen zu haben.

Zwei Frauen, eine jüngere und eine ältere, steigen aus. Beide sind ganz in Schwarz gekleidet. Ich vermute, dass sie zu einer Beerdigung unterwegs sind. Und nun fallen mir die Todesanzeigen ein, die ich in fast jedem Ort gesehen habe. Sie waren einfach an die Masten der Telefonleitungen geheftet. Manche dieser Anzeigen waren mit dem Foto des Verstorbenen versehen. Diese Fotos habe ich auch auf den Friedhöfen entdeckt. Sie standen zusammen mit Kerzen, Blumen oder Utensilien zur Grabpflege in einer Vitrine, die sich am Kopfende des jeweiligen Grabes befand. Die Vitrinen bestanden genauso aus Marmor, wie das gesamte Grab. Sie hatten meistens an zwei Seiten Glasschiebefenster, die bei stärkerem Wind leise und unheimlich klapperten. Während sich auf den Grabplatten lediglich die Geburts- und Sterbedaten sowie der Name des Verstorbenen befanden, waren diese Vitrinen mit einem Kreuz, einer Taube oder anderen Figuren verziert. Manchmal entdeckte ich hinter den Glasfenstern die Fotos mehrerer Menschen. Ob dies alles Verstorbene waren, die in dem einen Grab lagen, weiß ich nicht. Es war mir auch nicht so wichtig. Viel zu sehr haben mich diese Friedhöfe mit ihren Gräbern und den Fotos beeindruckt. Die Toten schienen weiterhin gegenwärtig und nicht in Vergessenheit geraten zu sein.

Unsere Fahrt durch die Berge geht weiter. An einigen Abschnitten wurde die Straße erweitert und ausgebaut. Dann gibt es wieder Stellen an denen sie durch einen Erdrutsch zur Hälfte versperrt ist. Karge Berge, rot oder braun schimmernde Erde, von einigen knorrigen Sträuchern bewachsen, wechseln sich ab mit Olivenhainen und gras- oder ginsterbewachsenen Abhängen. Zurzeit blüht der Ginster – ein herrliches Mosaik aus grünen und gelben Flächen. Und so weit das Auge reicht: Berge, nichts als Berge. Dann entdecke ich unten im Tal eine Straße, auf der wir uns in wenigen Minuten selber befinden, und es ist mir ein Rätsel, wie wir dort hingekommen sind. Doch ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon steigt die Straße wieder an.

Die alte Frau, die neben mir sitzt, bietet mir einige Nüsse an. Mein Lächeln hat sie wahrscheinlich eher verstanden als die Worte, mit denen ich mich bedankt habe. Der Busfahrer hat inzwischen die dritte Zigarette aufgeraucht. Die Kippe fliegt aus dem Fenster. Ebenso ein wenig später das Bonbonpapier. Mir fallen die wilden Müllkippen ein, die ich hier und da gesehen habe. Der weitere Unrat am Straßenrand fällt mir schon gar nicht mehr ins Auge.

Dann, auf einmal zwischen den Bergen, sehe ich wieder das Meer. Nun geht es nur noch bergab. Wie auf einer Allee säumen links und rechts Olivenbäume die Straße. Sie scheint hier regelrecht durch eine Plantage hindurchzuführen. Unter den Bäumen liegen weit ausgebreitete, mit Steinen und Ästen befestigte große schwarze Netze. Sie erleichtern später die Ernte, weil der Wind die Oliven von den Bäumen schüttelt und die Netze dann nur noch geschickt aufgehoben werden müssen.

Wieder kommen wir an ein paar Häusern vorbei. Hier weiden einige Ziegen. Sie sind ebenso, wie dort der Esel, an einem kurzen Strick angebunden. Kleine Zicklein, nicht festgeleint, tollen in der Nähe ihrer Muttertiere herum. Dann wird die Straße gerade. Und schon fahren wir in Paleochora ein. Sofort erkenne ich die Souvenirshops, die Autovermietungen, die Cafés und Restaurants, sowie die Hinweisschilder auf freie Zimmer.

Ich steige aus und spüre sofort den Unterschied zum hektischen Norden wo ich meine Fahrt begonnen habe. Eine milde, angenehme und verträumte Ruhe umgibt mich. Es ist wunderbar still. Sollte es tatsächlich magische, verwunschene Orte geben, so habe ich den Eindruck, gerade solch einen Platz gefunden zu haben.

Die Straßen sind fast menschenleer. Nur hier und da bummeln einige Fußgänger mitten auf der Fahrbahn an den Geschäften entlang, und von irgendwoher aus der Ferne höre ich das Knattern einiger Motorräder. Ich gehe zwischen den Häusern hindurch zum Meer. Eine Strandpromenade: Cafés, Restaurants – und weitgehend Stille, keine Autos, keine Musik und kein Stimmengewirr. Lediglich Hammerschläge hallen über die Promenade. Auch im Süden bereitet man sich auf die Saison vor. Doch hier wirkt alles viel ruhiger und gemächlicher.

Der Ort scheint noch zu schlafen. Das im Reiseführer als „Mekka der Rucksacktouristen“ bezeichnete Paleochora strahlt eine Ruhe aus, die mich in ihren Bann zieht. Im Vergleich zum Norden ist das Klima wärmer und milder. Zu dieser Zeit hat hier der Frühling den Winter schon ganz vertrieben. Vor den Cafés und Restaurants sitzen die Menschen und unterhalten sich. In der Ferne knattert wieder ein Motorrad. – Und dann ist da das Meer. Es ist so ganz anders als oben im Norden bei Chania. Leise plätschert es an die Steine der Uferbefestigung. Das klare Wasser schimmert grün und blau – je nach Art und Beschaffenheit des Meeresbodens.

Ich schaue gen Süden. Dort hinter dem diesigen Horizont, irgendwo dort hinten und noch ein Stück weiter liegt Afrika. Aber das ist für mich im Moment nicht wichtig, denn Afrika ist weit, und ich möchte jetzt viel lieber hier bleiben.

Links von mir sehe ich die Rückseite der Levka Ori. Die Wolken scheinen förmlich an den Gipfeln zu kleben und sich um sie herum zu versammeln. Bald sind die schneebedeckten Bergspitzen nicht mehr zu sehen. Um die Wolkenansammlung herum ist nur blauer Himmel mit einigen vereinzelten Wölkchen. Darunter sind die Berge, die steil ins Meer fallen, und dann kommt eben dieses blau und grün schimmernde Wasser und dann Paleochora – von hohen, kahlen Felsen umgeben.

Inzwischen habe ich mich vor eines der Cafés gesetzt. In etwa einer Stunde werde ich mit dem letzten Bus wieder zurück nach Chania fahren. Mein Blick gleitet erneut über das Meer zu den Levka Ori empor. Ich frage mich, warum ich nicht sofort hierhergekommen bin. Beim nächsten Mal werde ich anders planen. Aber ich weiß auch, dass es an diesem Ort in wenigen Wochen von Menschen nur so wimmeln wird. Dann ist es zunächst vorbei mit der Ruhe. Doch in ein paar Monaten wird es auch wieder still werden in Paleochora, bis zum nächsten Frühling. Und dann, da bin ich mir sicher, dann werde ich wiederkommen. Wieder im April, auch wenn es regnet und die See stürmt, auch wenn alles ganz anders ist, als wie ich es jetzt gesehen habe. Ich werde wiederkommen, und Paleochora wird gerade aus seinem Schlaf erwachen.

(Andreas Ballnus)


 


 

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