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Kolumne: kann passieren ...

Axel

Freundschaft kann viele Gesichter haben. Es gibt Freunde, mit denen man sich regelmäßig trifft und etwas unternimmt, andere, die immer ein offenes Ohr für einen haben, und dann gibt es solche, die einfach vor der Tür stehen, wenn man sie braucht. Natürlich kann es auch Freunde geben, die das alles in Personalunion abdecken. In der folgenden Geschichte unseres Kolumnisten Andreas Ballnus geht es um die Freundschaft zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können – doch auch das soll es geben.

Axel ist da. Wie so oft steht er einfach vor der Tür und kündigt damit seinen Besuch an. Er weiß, dass ich es hasse, wenn jemand überraschend bei mir vorbeikommt. Doch so ist Axel. Axel macht sein Ding – und zwar immer. Er ist stets geradeaus mit dem, was er sagt und tut. Zwischen denken, sprechen und handeln gibt es keine Filter, keine Zeitverzögerungen, keine Umwege. Diplomatie oder Political Correctness sind für ihn Fremdwörter, deren Bedeutungen es sich nicht zu lernen lohnt.

Aber Axel ist mein Freund, also mein Kumpel. Und das ist auch gut so, denn Axel ist jemand, den man ganz bestimmt nicht zum Feind haben möchte. Warum er sich aber ausgerechnet mit mir abgibt, ist für mich ein größeres Rätsel als Stonehenge und die Relativitätstheorie zusammen. Ich bin nicht so ein harter Kerl wie er, eher das Gegenteil – der Weichduscher unter den Weichduschern, ein Schisser par excellence, also jemand, den Axel im Grunde mit einer ausgerissenen Augenbraue abstechen kann, wenn er denn will.

„Moin“, dröhnt er in seinem unverkennbaren Bass, zwängt sich wie selbstverständlich an mir vorbei und geht dann zielstrebig in mein Wohnzimmer, um sich dort in einen der beiden Sessel fallen zu lassen. „Hast'n Tee fertig?“

Eigentlich hätte ein Mann wie Axel nach einem Bier fragen müssen – jedenfalls so vom Typ her. Meistens ist er ganz in Schwarz gekleidet, vorzugsweise Leder. Mit einer Größe von etwa 1 Meter 95 bei einem Gewicht von geschätzten 150 Kilogramm ist er an sich schon eine kaum zu übersehende Erscheinung. Durch seinen rechten Nasenflügel zieht sich ein breiter silberner Ring, und auch die Ohren sind mehrfach gepierct. Hinzu kommt sein kantiger, kahlgeschorener Schädel, der einige bizarre Tattoos aufweist – sie sind sehr bunt und bestehen vor allem aus einer Vielzahl von Sternen und Blitzen. Hinzu kommen verschiedene andere undefinierbare Muster und Symbole.

Axel aber trinkt keinen Alkohol. „Die Zeit ist vorbei“, hat er mal auf meine Frage geantwortet – und das in einem Tonfall, der deutlich machte, dass er nicht weiter über dieses Thema reden wollte.
„Tee ist alle“, sage ich und füge hinzu, „Kaffee und O-Saft auch.“
„Scheiße!“, brummt Axel. „Milch?“
„Kaffeesahne.“
„Gib her!“
„Hab’s aber nur in den kleinen Portionsdingern.“
„Scheiße. – Egal. Gib her!“
„Glas?“
„Seh' ich so aus?“
Ich reiche Axel eine Schale, die mit den kleinen Portionsbechern gefüllt ist. Er nimmt sich eine Handvoll davon, piekt mit einem Kugelschreiber zwei Löcher in jede Alu-Abdeckung und schlürft sie dann aus.
„Okay, gehen wir!“, sagt er, als er fertig ist, und erhebt sich bedächtig aus dem Sessel.
„Wohin?“
„Einkaufen – und sag nicht, du bräuchtest nichts. Du hast keinen Tee. Dann ist auch dein Kühlschrank leer.“

Axel kennt mich gut. Tee ist mein Hauptlebenselixier. Wenn ich den nicht im Haus habe, ist das ein Zeichen dafür, dass ich mal wieder in einem seelischen Loch stecke. Denn in solchen Phasen bekomme ich zunächst eine Fressattacke, lasse mich anschließend hängen, gehe nicht mehr aus dem Haus, um etwas einzukaufen, und esse dann oft tagelang nichts oder kaum etwas.

„Lass mal!“, sage ich, „hab noch ein paar Sachen da.“
„Ja, Kaffeesahne in Plastikscheiße. Die ist aber gleich alle, wenn ich länger bleibe. Und ich bleibe länger! Also mach hinne!“

Widerwillig folge ich ihm nach draußen. Obwohl die frische Luft gut tut, ist mir nicht wohl bei der Sache. Mit Axel unterwegs zu sein, bedeutet, dass man schnell in Situationen hineingerät, die man lieber nicht erleben will. Ich weiß dann oft nicht, ob ich mich eher fremdschämen, dazwischen gehen oder lieber die Flucht ergreifen soll. Doch meistens brauche ich mir darüber gar keine Gedanken zu machen, da ich im Normalfall in eine Art weichgeduschte Schockstarre verfalle.

Wir erreichen den Supermarkt und ich hole einen Einkaufswagen.
„Ich fahre, du zahlst!“, sagt Axel bestimmt und greift sich das Drahtgefährt.
Zielstrebig geht er nun zu den Regalen mit dem Tee, dann zum Brot, weiter zum Gemüse und schließlich zu den Kühltruhen. Zwischendurch biegt er immer wieder mal in irgendeinen Gang ein, um sich, wie er es nennt, „inspirieren“ zu lassen. Seine Fahrtroute entspricht bei Weitem nicht der Reihenfolge, wie die Lebensmittel im Supermarkt stehen. Wir gehen mehrmals hin und her, kreuz und quer durch den Laden. Wenn es etwas von dem, was Axel sucht, nicht gibt, schimpft er in einer Lautstärke, die auch noch in den Nebengängen zu hören ist, „Scheißladen!“ oder „Ist ja hier, wie damals in der DDR!“.

Ich bleibe derweil still und überlege angesichts der zunehmenden Menge an Lebensmitteln, die sich im Einkaufswagen ansammelt, ob Axel noch andere Leute eingeladen hat und ob mein Geld überhaupt reichen wird.

„Jetzt noch Grillfleisch!“ kommt die nächste Order in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. Ich wage es trotzdem.
„Wieso das denn? Ich habe nicht vor zu grillen!“
„Aber ich!“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, geht es zurück zu den Fleischwaren. Dort sind wir zwar schon zweimal dran vorbeigegangen, aber da wusste Axel vermutlich selber noch nicht, dass wir grillen werden.
„Hey, ist das nicht ein bisschen sehr viel?“
„Nee, isses nicht – wir machen 'ne Grillfete!“

„Wir machen was?“ entfährt es mir in einer Lautstärke, dass sich diesmal die Leute meinetwegen nach uns umdrehen.
„Wir – machen – eine – Grillfete. Das Wetter ist genau richtig!“, antwortet Axel ruhig. „Wir sollten noch etwas Knobi-Brot holen.“
Sprachlos trotte ich ihm hinterher. Meine Gedanken spielen Kettenkarussell bei Windstärke zwölf. Wie in Trance schaue ich in meinem Portemonnaie nach, ob ich die EC-Karte dabei habe. Ich habe.

Inzwischen sind wir auf dem Weg zur Kasse, als Karin, meine ehemalige Untermieterin, mit ihrem Einkaufswagen aus dem Gang mit den Hygieneartikeln herausgeschossen kommt und im letzten Moment vor mir abbremst.
„Ups, das war knapp!“, lacht sie. „Na, kaufst du auch ein?“
„Nein, wir wollen die Karre hier zum TÜV bringen“, antwortet Axel für mich.
„Axel, mit dir rede ich nicht!“, schnaubt Karin. Ihre eben noch gute Laune stürzt sicht- und hörbar ins Bodenlose. Sie kann Axel nicht ausstehen. Die geringe Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit.
„Oh, hast du deine Tage oder zu viel Rauch von deinen Räucherstäbchen inhaliert?“ entgegnet Axel ganz entspannt.
„Das geht dich … ach, halt einfach dein dummes Maul!“

Karin lastet es Axel an, dass sie vor etwa einem Jahr bei mir ausgezogen ist. Er hatte sie mit seinen Sprüchen regelmäßig zur Weißglut gebracht. Als ich ihm dann auch noch das dritte freie Zimmer in meiner Wohnung angeboten hatte, nachdem er aus seiner Wohnung rausgeflogen war, hatte Karin von heute auf morgen gekündigt und das Weite gesucht. Wie sich später herausstellte, war sie bei einer Freundin untergekommen, die hier im selben Stadtteil lebt. Daher laufen wir uns hin und wieder noch über den Weg.

Zu meinem Glück hat Karin nie erfahren, dass sie das Opfer eines perfiden Plans von Axel und mir geworden war. Ich wollte sie damals nämlich loswerden, wusste aber nicht wie. Im Grunde ist sie ja ein lieber und sympathischer Mensch, aber ihre ganze Art zu leben, zu der auch Räucherkerzen, Sessions mit Klangschalen und vegetarische Ernährung gehört, ging mir zunehmend auf die Nerven. Am schlimmsten aber war Karins Bemühen, mir ihren Lebensstil aufzudrängen. So nörgelte sie jedes Mal, wenn ich Fleisch im Kühlschrank lagerte, hielt mir immer wieder Vorträge über gesunde Ernährung, und überhäufte mich mit spirituellen Zeitschriften und Büchern. Irgendwann war das Maß dann voll – und das hat bei mir schon etwas zu heißen.

Als Axel von meiner misslichen Situation erfuhr, entschloss er sich kurzerhand dazu, dass ihm seine Wohnung gekündigt werden könnte. In Wirklichkeit war das natürlich nicht der Fall, doch er spielte seine Rolle hervorragend. Zwar tat mir Karin ein wenig leid, doch insgesamt betrachtete ich mein Vorgehen als eine Art Notwehr. Axel dagegen hatte die ganze Situation genossen und nutzt seitdem weiterhin jede Möglichkeit, sich mit Karin anzulegen.

So grinst er auch jetzt nur, nachdem sie ihn so angeschnauzt hatte.
„Na, was sind denn das für Worte“, höhnt er. „Wenn sich das nicht negativ auf dein Karma auswirkt. Dein nächstes Leben möchte ich lieber nicht haben.“
„Ich deins erst recht nicht!“, zischt sie und starrt auf die Mengen an Fleisch in seinem Einkaufswagen. „Dir ist hoffentlich klar, wie ungesund diese Leichenteile da sind, und wie sehr die Tiere leiden mussten. Aber was ist auch schon von einem kranken Hirn wie dir zu erwarten.“ Dann schaut sie mich mitleidig an. „Dass du dich mit diesem Idioten immer noch abgibst, ist echt ein Armutszeugnis!“
Ich will gerade ansetzen, um mich – vermutlich sehr umständlich – zu erklären und zu rechtfertigen, als Axel plötzlich lammfromm zu Karin sagt: „Du hast ja recht. Ich schieße immer mal wieder übers Ziel hinaus. Wollen wir nicht Frieden schließen?“
Karin sieht ihn misstrauisch an.
„Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?“
„Doch tue ich!“
„Nee, nee, du verarscht mich nur. Typen wie dir darf man nicht trauen. – So, ich muss weg. Bei dem Anblick von dem ganzen Fleisch wird mir nur noch schlecht.“
„Karin, du irrst dich“, sagt Axel ganz ernst. „Das ist gar kein Fleisch.“
„Wie, kein Fleisch?“ Sie schaut ihn völlig irritiert an. „Natürlich ist das welches!“
„Nein, nein, das sieht nur so aus“, sagt Axel beschwörend und raunt ihr dann zu, „In Wahrheit ist das Tofu-Ersatz!“
„Ach, du kannst mich mal!“, faucht Karin und verschwindet grußlos in Richtung Kasse.

„Hmm, das war gut“, brummt Axel zufrieden. „Es macht immer wieder Spaß. – Doch nun zum wirklichen Vergnügen: Die Grillfete! Ich denke, wir haben jetzt alles, oder?“
„Axel“, sage ich nun fast flehentlich, „du kannst doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg und mit meinem Geld eine Grillfete veranstalten!“
„Wieso, wir teilen uns ja die Kosten – ich zahle die Getränke. Das ist doch fair, oder?“
„Ich habe aber gar keinen Grill“, sage ich in der Hoffnung, das Ganze so noch abwenden zu können.
„Dann wird es Zeit, dass du dir einen anschaffst. Wir fahren kurz zum Baumarkt. Ich bin mit dem Auto da. Auf dem Rückweg können wir dann auch gleich die Getränke holen.“

Ich gebe auf.
„Wie viele Leute werden denn kommen?“, frage ich resigniert.
„Keine Ahnung – wie viele willst du einladen? Es wird 'ne spontane Fete. Du kannst gleich einen Rundruf machen, wenn wir zu Hause sind.“
„Ich will aber niemanden einladen“, maule ich.
„Falsche Antwort, versuch es noch mal!“
„Ich habe echt keine Idee … und auch keine Lust!“, platzt es aus mir heraus.
„Okay, okay, dann lädst du eben niemanden ein“, erwidert Axel ganz entspannt. „Es reichen auch die aus, die ich bereits informiert habe. Es werden so um die zwanzig sein.“

‚Dieser Mistkerl’, durchfährt es mich. Das ist wieder einer jener Momente, in denen ich mich ernsthaft frage, ob ich die Freundschaft nicht besser beenden sollte. Axel scheint meine Gedanken zu erahnen.
„Hör mal zu“, sagt er, und seine Stimme bekommt einen sehr warmen, fast schon ungewohnt freundschaftlichen Ton. „Schon als ich zu dir kam, wusste ich, dass es dir dreckig geht. Steffi hat es mir gesteckt. Ihre Idee war es auch, dass es dir gut tun würde, wenn du mal wieder unter Menschen kommst. Sie hat bereits alles organisiert – auch einen Grill und die Leute, die nachher kommen werden. Außerdem teilen sie und ich uns die Kosten. Du darfst natürlich gerne trotzdem etwas dazugeben. Also keine Angst, du wirst nicht ruiniert, und es kommt auch niemand von den kaputten Typen, mit denen ich sonst so rumhänge – du wirst der einzige von dieser Sorte sein.“

Ich atme tief durch. Steffi steckt also dahinter. Sie wohnt neben mir und ist die gute Seele des Hauses, nein, im Grunde des gesamten Wohnblocks. Wenn irgendjemand Hilfe braucht, ist sie zur Stelle. Sie ist stets über alles und jeden informiert, hilft, ohne großes Aufheben darum zu machen, und hat meistens ein gutes Gefühl dafür, womit man jemandem etwas Gutes tun kann. Auch diesmal hat sie richtig gelegen – selbst, wenn ich mir das noch nicht ganz eingestehen will. Ich hatte mich aber tatsächlich derart zurückgezogen, dass ich alleine aus meinem selbst geschaffenen Gefängnis nicht wieder herausgekommen wäre – jedenfalls nicht so schnell.

„Na, wenn das auf Steffis Mist gewachsen ist, will ich dir mal verzeihen“, sage ich und merke, wie mir zum ersten Mal nach langer Zeit ein Lächeln durchs Gesicht huscht. Diesmal war ich es, der Axel auf den Leim gegangen ist. Er sollte Schauspieler werden – oder zumindest Lockvogel bei der versteckten Kamera.
Axel grinst breit, um dann gleich wieder durch den Laden zu brüllen: „Scheiße, wir brauchen noch Kondome – wer weiß, wie sich der Abend heute so entwickelt …“

(Andreas Ballnus)


 


 

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