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Kommunikation

Kommunikation entscheidet über den Erfolg

Zu einer erfolgreichen Verhandlung gehört neben einer geschickten Strategie immer auch die richtige Kommunikation. Warum das vor allem in der Politik wichtig ist und warum man mit der falschen Kommunikation schnell ins Abseits gerät, erklärt der Stuttgarter Verhandlungsexperte Frieder Gamm am Beispiel der SPD-Chefin Andrea Nahles

„Jeder von uns verhandelt mindestens zweihundert Mal pro Tag. Das fängt schon morgens mit sich selbst an, ob man pünktlich mit dem Weckerklingeln aus dem Bett springt oder den störenden Ton einfach abstellt und sich nochmals im umdreht“, sagt Frieder Gamm. Der 53-jährige Stuttgarter muss es wissen, denn er ist Top-Speaker, Coach, Autor und vor allem einer der führenden Verhandlungsexperten im deutschsprachigen Raum. Zu seiner Frieder Gamm Group gehören über zwanzig international erfahrene Trainer aus Einkauf und Vertrieb, die Ein- und Verkäufer in Seminaren auf sieben Sprachen in 30 Ländern verteilt auf fünf Kontinenten schulen. Neben kleinen und größeren Mittelständlern zählt Gamm auch elf der DAX-30-Konzerne zu seinem festen Kundenstamm.

Bevor der 52-jährige Stuttgarter sich als Verhandlungsexperte selbständig machte, sammelte er selbst über zehn Jahre im Einkauf der Porsche AG jede Menge Erfahrungen auf nationalem wie internationalem Parkett. Er lernte vor allem, wie sehr eine geschickte Strategie, aber auch die richtige Kommunikation über Erfolg oder Misserfolg einer Verhandlung entscheiden und das nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene. Mit großem Interesse verfolgt er derzeit besonders aufmerksam die politische Entwicklung. „Viele Probleme einzelner Politiker oder auch Parteien entstehen durch falsche Kommunikation“, analysiert der Experte, der mit großer Spannung vor allem die aktuelle Entwicklung der beiden großen Volksparteien beobachtet. Durch den Rückzug Angela Merkels vom Parteivorsitz sortiert sich die CDU gerade neu und gewinnt an Zustimmung beim Wähler. Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles und der SPD dagegen droht weiterhin der komplette Absturz.

Herr Gamm, was läuft bei Andrea Nahles und ihrer Partei schief? Welches Bild gibt sie derzeit ab?

Spannend ist, dass sich gerade das Bild von Andrea Nahles im Laufe dieses Jahres gewandelt hat. Anfangs habe ich sie wahrgenommen als sehr laut und krakelig, in Wort und Ton teils kommunizierend in Kindersprache, teils sehr proletenhaft. Beides hat mich als neutralen Beobachter sehr irritiert.

Warum kommuniziert sie falsch…

Mit Aussagen, die sie noch vor einigen Monaten von sich gab wie „Ab morgen kriegen sie in die Fresse“, spricht sie die Gossensprache des kleinen Mannes – intern wie extern. Müsste ich mit ihr zusammenarbeiten, fände ich es persönlich schwierig, wenn meine Chefin auf solch einem Sprachniveau unterwegs wäre. Auch gegenüber den Wählern finde ich diesen Stil sehr fragwürdig. Sie holt die Wähler somit nicht nur nicht ab, sondern verschreckt sie sogar noch. Oder aber, wenn jemand am Rednerpult steht und plötzlich wie Pipi Langstrumpf singt „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“, dann ist nur noch Fremdschämen angesagt. Leider animiert sie häufiger dazu. Doch in der Zwischenzeit bekomme ich eigentlich überhaupt nichts Relevantes mehr von ihr mit. Sie ist nicht nur einfach leise, ich nehme sie überhaupt nicht wahr und bekomme auch keine Hinweise auf eine mögliche Positionierung der SPD.

Was empfinden Sie positiv an Andreas Nahles?

Sie hat einen ausgesprochenen Kampfgeist und – das sage ich jetzt mit großem Respekt - sie scheut sich nicht davor, Verantwortung zu übernehmen in einer Zeit, in der die SPD in einer tiefen Krise steckt. Jetzt komme ich jedoch wieder zu einem großen Aber: Andrea Nahles hat überhaupt keine Empathie zu verstehen, was ihr Verhalten bei anderen auslöst. Nur weil sie es gut findet, heißt das nicht, dass auch andere Menschen es gut finden. Deshalb stößt sie mehr Wähler ab als welche dazu zu gewinnen, wie die Umfragen jedes Mal deutlich zeigen. Mir persönlich ist sie in ihrer Kommunikation zu eindimensional, immer nur im Angreif-Gossen-Modus, das turnt mich ab.

Was muss Nahles, was muss die SPD tun, um den Abwärtstrend zu stoppen?

Andrea Nahles und ihre Mitstreiter sollten vielleicht weniger mit dem Finger auf andere zeigen und Rücktritte anderer Politiker fordern, sondern sich mehr auf die eigene Partei konzentrieren. Bislang schafft die SPD es nämlich nicht, innerhalb der Koalition eigene Akzente zu setzen. Leider ist es aktuell in der Politik generell so, dass nahezu alle Parteien immer nur davon leben, den Fehler bei den anderen zu suchen, anstatt sich endlich auf sich selbst und auf die eigenen Aufgaben, Ansprüche und Ziele zu konzentrieren sowie das eigene Verhalten mal zu hinterfragen. Die einzige Partei, die diesbezüglich aus der politischen Landschaft herausragt, sind die Grünen.

Warum?

Sie haben sowohl gute Leute als auch gute Themen, setzen eigene Akzente. Und sind als einzige Partei derzeit nicht populistisch unterwegs. Sie haben bei den Koalitionsgesprächen im Bund bewiesen, dass auch sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Ein weiteres gutes Beispiel für politische Reife und Charakter haben sie in Baden-Württemberg bewiesen. Obwohl sie ein absoluter Gegner des Hass- und Wutprojektes „Stuttgart 21“ sind, haben sie mit der Regierung zugleich auch die Verantwortung übernommen, dieses Bahnprojekt mit Anstand zu Ende zu führen.

Was ist mit der FDP?

Die FDP ist eine reine One-Man-Show dank Christian Lindner. Und immer, wenn es für ihn eine Situation nicht optimal gestrickt ist, kneift er. Wie vor ein paar Jahren, als er plötzlich von seinem Amt als Generalsekretär zurücktrat und seine Partei in einer Krisenphase einfach im Stich ließ. Da ist er aus dem Nichts heraus abgetaucht, nur, damit er selbst keinen Schaden nimmt. Gleiches Spiel bei den Koalitionsverhandlungen im vergangenen Jahr. Er hat sich in Berlin mitsamt seiner Partei feige vom Acker gemacht und war nicht bereit, gemeinsam mit der Union und den Grünen in Regierungsverantwortung zu gehen. Wenn es schwierig wird, rennt er davon. Das nenne ich verantwortungslos. Wäre er mit in die Regierungsverantwortung gegangen, hätten FDP und Grüne frischen Wind in die Koalition gebracht und dadurch der Politikverdrossenheit der Wähler massiv entgegenwirken können und so nicht noch mehr Wähler in die Arme der AFD getrieben.

Zurück zur SPD: Kann Andrea Nahles etwas von Angela Merkel lernen?

Merkel hat es in all den Jahren geschafft, sehr unaufgeregt zu regieren. Sie hatte es auch nie nötig, durch Gossensprache die Menschen hinter sich zu bringen. Und es ist ihr gelungen, mit Anstand als Parteivorsitzende abzutreten. Das Größte, was eine Andrea Nahles von Merkel lernen könnte, wäre zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt da ist, den Hut zu nehmen. Ich sehe für sie keine Zukunft als Führung der SPD.

Angenommen, Sie müssten Andrea Nahles und die SPD jetzt coachen, welche Punkte würden Sie auf die Agenda setzen?

Manchmal hat man das Gefühl, dass die SPD von Laien geführt wird. Deshalb ist es dringend geboten, dass sie sich an der Spitze personell komplett neu aufstellt. Ich finde Juso-Chef Kevin Kühnert ganz gut. Der ist frisch, spricht eine sozialdemokratische Sprache, arrangiert sich nicht. Der nächste Schritt wäre eine klare Definition, wofür die Partei die nächsten zehn Jahre stehen soll. Es fehlt derzeit ein klares Profil und dadurch die deutliche Abgrenzung zu CDU und Grünen, die der SPD nahezu alle Themen abgegraben haben. Um nicht einstellig zu werden, wäre der erste und wichtigste Schritt: GroKo platzen lassen und rein in die Opposition. Nur so kann sich die Partei wirklich erholen und die Wähler wieder erreichen.

(Patricia Leßnerkraus Freie Journalistin)


 


 

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