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Die Glosse

Die Schizophrenie der AG - oder: brauchen wir diesen primitiven Steinzeit-Kapitalismus des Aktienmarktes wirklich?

Seit geraumer Zeit machen Unternehmungen in der Presse damit Schlagzeilen, dass sie sich damit brüsten, Millionengewinne zu verbuchen und zugleich mitteilen, dass Arbeitsplätze im 100er- oder gar im 1000er-Bereich abgebaut werden sollen. Jüngstes Beispiel ist der finnische Papier-Gigant UPM-Kymmene Oyj, der am Jahresende die Papierfabrik Albbruck in Waldshut stilllegen wird.

Der finnische Papier-Konzern UPM (eine Aktiengesellschaft ), die Ende 2010 die Papierfabrik Albbruck in Waldshut übernommen hatte, will dieses Unternehmen nun Ende dieses Jahres schließen. Betroffen sind 577 Beschäftigte, allein am Standort Waldshut. Geht es Ihnen da nicht auch so, dass Sie ein flaues Gefühl in der Magengrube bekommen, dass Sie sich denken „irgendwie ist das nicht richtig, was da passiert“? Man spürt, dass es moralisch bedenklich ist, „Geld zu horten“ und zugleich viele Tausend Existenzen zu zerstören oder zumindest schlicht zu gefährden. 

Wirtschaft und Moral unvereinbar?

Aber ist es nicht so, dass Wirtschaft und Moral schon immer unvereinbar waren? Auf den ersten Blick scheint dies jedenfalls so. Noch heute wird in den Hochschulen vermittelt das vorrangigste Ziel der Betriebswirtschaft sei es, die Gewinne zu maximieren. Der Umweltaspekt, gesellschaftliche Verantwortung, nachhaltiges Wirtschaften oder integral handelndes Unternehmertum gewinnt erst langsam an Bedeutung. Zu langsam? 

Sicher ist eines: ohne Gewinn ist ein Unternehmen auf Dauer nicht überlebensfähig. Dass die Einnahmen die Ausgaben übersteigen müssen, ist ein Grundgesetz des Wirtschaftens. Daran schließt sich aber auch gleich die Frage an, ob dieses Grundgesetz die Übernahme anderer Prinzipien oder Visionen wie z.B. die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, der Schutz der Umwelt oder der sorgfältige Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen ausschließt oder ob sie miteinander vereinbar sind.

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem Verhältnis des Unternehmens zu seinen Mitarbeitern. In der Wirtschaftsgeschichte gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, denen das Wohl ihrer Mitarbeiter über das normale Maß hinaus sehr am Herzen gelegen ist – im Mittelalter sei z.B. die Augsburger Fuggerbank genannt oder in der Phase der Industrialisierung das schwäbische Unternehmen von Robert Bosch mit seinen heute noch bekannten Werkswohnungen und Zusatzsozialsystemen genannt. Es sind dazu auch die unzähligen Klein- und Mittelstandsbetriebe, in denen die Mitarbeiter nicht selten „zur Familie“ gehört haben.  In den Firmen, in denen die Unternehmensleitung eine Mitverantwortung für die beschäftigten Mitarbeiter übernommen hat, wurden die Mitarbeiter besonders betreut und gefördert und somit an das Unternehmen gebunden. Die oft unbewusste strategisch angelegte Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen sollte den Bestand „der Firma“ sichern, Qualität und Quantität der Produkte langfristig erhalten und steigern  und damit eben auch einen Beitrag zur Erlangung dauerhaft „schwarzer Zahlen“ liefern.

Heute leben wir in einer Zeit, die geprägt ist durch die Globalisierung der Märkte. Produkte sind weltweit verfügbar. Das in China produzierte Polohemd steht in direkter Konkurrenz zum Polohemd, das auf der Schwäbischen Alb produziert wird. Alles ist überall und zu jeder Zeit kaufbar. Warum aber das schwäbische Hemd kaufen? Ob die vermeintlich höhere Qualität das Mehr des Einkaufpreises rechtfertigt? Ob die Vielfalt der Modelle und Farben meine Kaufentscheidung beeinflusst? Der Preis ist vielfach das entscheidende Kaufkriterium – Qualität, Umweltkonformität, Beratungsleistung, Auswahl und die Tatsache, dass heimische Produkte heimische Arbeitsplätze sichern können, sind Kriterien, die leider sehr oft noch vernachlässigt werden.

Aber die Medaille hat zwei Seiten: es ist auch alles überall und zu jeder Zeit produzierbar. Hier auf der Alb und in Fernost. Aber nicht nur der Konsument, auch der Produzent sollte bei der Herstellung Verantwortung spüren und es hierzulande tun. Wer soll den die heimischen Produkte kaufen, wenn nicht mehr genügend Geld dafür da ist? Ein Arbeitsloser und ein Hartz IV-Empfänger müssen sich ihr Geld anders einteilen als jemand, der einen Job hat. Bereits da fängt die Verantwortung des „sozialen“ Unternehmers an...

Es gibt sie doch: Die klassischen Unternehmer

Doch wer steckt hinter dem „Unternehmen“? Da gibt es den klassischen Unternehmer, der mit seinem gesamten Hab und Gut für „die Firma“ einsteht. Beispiel Trigema in Burladingen. Dieses schwäbische Unternehmen gehört dem Diplom- Kaufmann Wolfgang Grupp. Diese Form der Unternehmerschaft trifft man heute aber vor allem im Klein- und Mittelstandsbereich, z.B. bei den Freiberuflern und den Handwerkern. Dann gibt es die Personengesellschaften wie z.B. die oHG und die KG oder die GbR – hier geben mehrere Personen ihren Namen und ihr Geld und sind meist auch Teil der Geschäftsleitung. Stets aber haftet immer eine Person mit ihrem Kapital. Dann aber gibt es ganz subtile Rechtsform: die GmbH & Co KG und die Ltd . & Co KG. Beide Rechtsformen gaukeln in gewisser Weise vor, es gäbe einen Vollhafter, der greifbar ist (nämlich die GmbH bzw. die Ltd.), aber dahinter steckt wiederum nur eine „juristische Person“, gegen die man unter Umständen nicht viel in der Hand hat, wenn’s hart auf hart kommt. Da ist es dann vielleicht auch mal „ehrlicher“, mit einer GmbH oder mit einer Ltd. zu verhandeln, wenngleich bei letzterer besondere Um- und Vorsicht geboten ist, denn während für die GmbH ein stattliches Stammkapital (mind. 25.000 EUR) vorgeschrieben ist und man daher von einer gewissen Kapitalausstattung ausgehen kann, reicht dafür bei der Ltd. schon „1 EUR“ aus...

Aktiengesellschaften sind in sich schizophren

Schließlich gibt es auch die Aktiengesellschaft (AG) in verschiedenen Ausprägungen. Ich befasse mich im Folgenden ausschließlich mit Gesellschaften, die mit Inhaberpapieren (an der Börse ) handeln sind. Diese Rechtsform wird von Unternehmen gewählt, die vorgeben, sie bräuchten für ihr Wachstum, Geld und müssten sich deshalb Kapital auf dem freien Markt – sprich: auf dem Aktienmarkt – besorgen. Diese Unternehmen sind in sich schizophren angelegt, weil sie eine gespaltene Interessenslage haben: es besteht das Interesse der Eigentümer (= Aktionäre) und der von der Mehrheit der Aktionäre bestimmten Vorstände und es besteht das Interesse der Arbeitnehmerschaft. Letztere haben als erstes den Erhalt ihres Arbeitsplatzes und eine gewisse Beteiligung am Unternehmenserfolg zum Ziel. Aktionäre und deren „Beauftragte“ (sprich: Vorstände und Aufsichtsräte) aber wollen schnell viel Geld verdienen Bei keiner anderen Unternehmensform wird das Streben nach Gewinnmaximierung – jede Minute manifestiert durch den Aktienwert an der Böse – so zum Selbstzweck wie bei der AG. Nirgendwo steht das Gewinnziel der Eigentümer (= Aktionäre) so kompromisslos über alle anderen Ziele, Visionen und Verantwortlichkeiten gestellt. Die unbedingte Steigerung des Wertes einer Aktie ist im Wesentlichen das EINZIGE Ziel des Aktionärs. Er ist davon beseelt, die Kurse zu verfolgen und vorauszusagen. Der Kampf zwischen Bär und Bulle, die Hektik des Aktienmarktes und die Kurzfristigkeit der Entscheidungen sind hinlänglich bekannt. 

Die klassische Unternehmenspolitik – strategisch definiert und langfristig ausgerichtet – steht zwangsläufig in Konflikt mit den kurzfristigen Kurszielen der spekulierenden Aktionäre. An diesem Spagat zerbrechen nicht wenige Unternehmensvisionen, die Unternehmenspolitik wird aggressiver und das Gewinnmaximierungsziel drängt alle anderen eigentlich kompatiblen Unternehmensziele beiseite… 

Wie lange kann – oder will - sich unser Wirtschaftssystem mit der Aktiengesellschaft noch eine Unternehmensform leisten, die nicht (!) auf nachhaltiges Wirtschaften, gesellschaftliche Verantwortung und dem Respekt vor Nahrungsmitteln und ehrsamer Arbeit ausgerichtet ist? Wie lange kann – oder will – sich eine verantwortungsvolle Gesellschaft noch ein mit dem „Börsenparkett“ noch ein Handelssystem leisten, das Verhaltensweisen aus der Frühgeschichte des Menschen (z. B. eindimensionales Ich-Denken, Rücksichtlosigkeit gegenüber ethischen Werten, Intoleranz, Materialismus) zum Vorbild erhebt?

(Hasso Kraus)


 


 

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dass sie sich damit brüsten
Millionengewinne zu verbuchen und zugleich mitteilen
dass Arbeitsplätze im 100er- oder gar im 1000er-Bereich abgebaut werden sollen. Jüngstes Beispiel

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