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Sozialkaufhaus Stuttgart gibt Arbeitslosen eine Chance

In den deutschen Sozialkaufhäusern brummt das Geschäft. «Wir merken die Finanzkrise andersherum», sagt Rolf Kaltenberger, Kaufhausmanager des gemeinnützigen Unternehmens Neue Arbeit in Stuttgart. Im Sozialkaufhaus in Stuttgart-Wangen, das er leitet, sind die Umsätze seit Beginn der Wirtschaftskrise um 30 bis 40 Prozent gestiegen.

«Das ist überall so - wie eine Explosion», betont der gelernte Ergotherapeut. Seine Vermutung: Es trauen sich nun auch Menschen «am Rande der Bedürftigkeit» in die Einrichtungen, in denen Gebrauchtwaren zu Minipreisen angeboten werden.

In fast allen Bundesländern gibt es inzwischen Sozialkaufhäuser. Das Konzept: Gespendete Möbel, Kleidungsstücke und andere Gegenstände des täglichen Bedarfs werden aufgebessert und kostengünstig verkauft. Zugleich erhalten Langzeitarbeitslose in den Sozialkaufhäusern eine Möglichkeit, wieder ins Arbeitsleben integriert zu werden. Das Kaufhaus in Stuttgart-Wangen feiert in dieser Woche sein zehnjähriges Bestehen. Rund 100 Menschen sind hier tätig. Zumeist handelt es sich um Empfänger von Arbeitslosengeld II, denen das Jobcenter die Ein-Euro-Jobs zugewiesen hat.

Fernando Reinhardt ist einer von denen, die hier ein neues «Standbein» gefunden haben. Seine «große Liebe» sei die Musik, sagt der 58-Jährige, der schon als 16-Jähriger in einer Kapelle Gitarre spielte. Die Hoffnung, dass er davon auch leben kann, erfüllte sich aber nicht. Doch da hatte Reinhardt seine Malerlehre schon abgebrochen. In der Folge schlug er sich mit Fabrikjobs durch, dann kam die Arbeitslosigkeit. Vor zehn Jahren wurde er vom Arbeitsamt zum ersten Mal an das Sozialkaufhaus verwiesen. Nach zwei Jahren fand er einen regulären Job in einem Möbelhaus, den er aber wieder verlor.

Jetzt ist Reinhardt als Vollzeitkraft im Sozialkaufhaus beschäftigt, begutachtet Möbel, pflegt den Terminkalender und steht an der Kasse. Er hat Verkäuferschulen gemacht und auch sonst viel dazugelernt. «Es ist interessant, ich habe was zu tun und schlafe nicht ein», sagt Reinhardt. Er kann sich vorstellen, den Job noch «ein paar Jahre» zu machen. Für den ersten Arbeitsmarkt sei er mit seinen 58 Jahren ohnehin «wohl zu alt».

Viele Schicksale sind in dem Kaufhaus unter einem Dach vereint. Die meisten «Maßnahmeteilnehmer» sind maximal ein Jahr da. «Wir haben gering Qualifizierte, aber auch studierte Leute», sagt Kaufhausleiter Rolf Kaltenberger. Manche fänden hier so etwas wie eine «neue Heimat», etwa eine junge Frau, die nach Drogensucht und krimineller Karriere eine Ausbildung macht und inzwischen «sein bestes Pferd im Stall» sei. Die Vermittlung von Grundlagen sei dabei ein Ziel, ein anderes, den Arbeitslosen eine klare Tagesstruktur zu geben.

Bei der feilgebotenen Ware handelt es sich zumeist um Spenden oder Gegenstände aus Haushaltsauflösungen. Allein 15 000 gebrauchte Kleidungsstücke werden monatlich aufbereitet. Aber auch einige Neuwaren - sogenannte Restposten - sind darunter. Ein Küchenbuffet für 39 Euro, ein blauer Schal für 1,20 Euro oder Bücher zum Kilopreis von 2,50 Euro - für wenig Geld ist in dem Kaufhaus viel zu haben.

Wer aber in der ehemaligen Fabrikhalle einen «Ramschladen» vermutet, irrt sich. Alle Waren sind gut erhalten, die Schuhe sind blank poliert, die Kleidung riecht wie frisch aus der Reinigung. Auch die Ladeneinrichtung - Spende einer Modekette - wirkt ansprechend. Es gibt professionelle Kleiderstangen und schöne Umkleidekabinen mit roten Vorhängen.

Die Neue Arbeit GmbH, eine Tochter der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und Mitglied im Diakonischen Werk, hat inzwischen in weiteren Stuttgarter Stadtteilen Ableger des Sozialkaufhauses eröffnet. Finanziert werden die Häuser, in denen täglich jeweils etwa 400 Kunden ein- und ausgehen, zu 35 Prozent über die Arbeitsagentur, die anderen 65 Prozent müssen sie selbst erwirtschaften. Geöffnet sind die Sozialkaufhäuser in Stuttgart für alle Menschen. Wirklich Bedürftige erhalten eine «Bonuskarte», mit der sie auf die Waren 30 Prozent Rabatt erhalten. 5000 Karten wurden inzwischen ausgegeben.

Von den Beschäftigten schaffen es laut Kaltenberger etwa 20 Prozent zurück auf den regulären Arbeitsmarkt. Bei anderen gibt es einen «Drehtüreffekt» - sie kommen immer wieder. «Aber alle werden als Mensch aufgewertet», zeigt sich Kaltenberger überzeugt. «Der große Teil hat Spaß und sieht einen Sinn darin.»

(Redaktion)


 


 

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