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Mobbing

Wenn aus Machtspielen Mobbing wird - Neuer Verein will helfen

Zehn Jahre hat Bernd Krauter für das Dienstleistungsunternehmen gearbeitet. Er hat dort seine Lehre gemacht, Freunde und Bekannte gefunden. Und sein Job machte ihm Spaß. Irgendwann jedoch habe es angefangen, sagt der 54-Jährige. «Das waren zuerst Machtspiele, die sicher auch in einem Unternehmen notwendig sind im Sinne eines Wettbewerbs», sagt er. Als diese Machtspiele jedoch immer weitere Kreise zogen, fragte er sich: «Werde ich eigentlich gemobbt?»

Wie Krauter geht es vielen Betroffenen. Zahlreiche Opfer wissen zunächst gar nicht, ob sie gemobbt werden. «Außerdem ist die Leidensgrenze bei jedem unterschiedlich», sagt der Vorsitzende des neu gegründeten Vereins «Mobbing keine Chance», Harry Möller-Stein. Der Verein will Mobbingopfern deshalb schon früh helfen. Bundesweit sollen Betroffene finanziell unterstützt werden. «Dabei geht etwa um den Azubi , der sich mit seinen 490 Euro Gehalt eine eventuelle Klage gar nicht leisten kann», sagt der Vorsitzende.

Der Verein schätzt, dass es bundesweit rund 2,5 Millionen Betroffene gibt. Der wirtschaftliche Schaden, der unter anderem durch Krankschreibungen der Mobbing-Opfer entsteht, liege bei rund 25 Milliarden Euro pro Jahr, sagt Möller-Stein. «Das ist ein halbes Konjunkturpaket», rechnet er vor. Mobbing nehme immer mehr zu, als Mode-Erscheinung sei es aber nicht zu bezeichnen. «Wir sprechen hier von einem ernsten gesellschaftlichen Problem und wirtschaftlichem Schaden», sagt Möller-Stein.

Da viele Opfer oft ihr Leben lang unter den Folgen leiden, hat der in Waiblingen angesiedelte Verein in Baden-Württemberg zusätzlich das Beraternetzwerk «Mobbing Competence Center» (MCC) gegründet. Mit dessen Hilfe sollen Seminare und Workshops in Unternehmen und Schulen angeboten werden. Auch eine kostenlose Hotline soll Betroffenen helfen. Opfer sollen dadurch künftig die Möglichkeit haben, frühzeitig umfassende Hilfe zu erhalten.

Bernd Krauter hätte diese Hilfe gut gebrauchen können. Irgendwann wurde der Druck auf ihn größer. Er bekam von seinen Vorgesetzten nur noch Arbeiten, die ihn unterforderten. Oder aber es wurden Termine angesetzt, die er unmöglich einhalten konnte. «Es wurde so gemacht, dass man scheitern musste», sagt er. Ein Vorgesetzter habe ihm direkt gesagt, dass er ihn loshaben wolle, berichtet er.

Die Auswirkungen des Mobbings bekam Krauter bald zu spüren. « Es fing mit Schlaflosigkeit an», sagt er. Das habe er noch versucht, mit Medikamenten in den Griff zu bekommen. Irgendwann sei er dann depressiv geworden. «Das ging so weit, dass ich tatsächlich an Selbstmord gedacht habe», sagt er.

Für Mobbing-Betroffene sei es wichtig, dass ihnen jemand von «neutraler Seite» erstmal zuhöre, sagt Petra Leutbecher, Coach im MCC. Der Schritt jedoch, Hilfe anzunehmen, sei für viele schwer. «Das erfordert ziemlich viel Mut, diese Hürde zu nehmen.» Auch eine Klage etwa auf Schadenersatz sei meist sehr belastend, sagt die Anwältin des Netzwerks, Sandra Buchholz. Oft komme es aber auch nicht dazu, da Beweise nicht gesichert wurden. «Ich rate deshalb immer zu einem Mobbing-Tagebuch», sagt sie.

Krauter hat ein solches Tagebuch nicht geführt. Allerdings hätte ihn eine Klage vielleicht auch zu sehr belastet, sagt er. «Ich leide heute immer noch.» Immer wieder komme das Geschehene zurück. Deshalb wolle er nun auch in dem Verein anderen Betroffenen von Mobbing Mut machen und aufklären. Er selbst hat nach den diversen Mobbing-Attacken gekündigt. Seit einiger Zeit ist er selbstständig . So sei er sein eigener Vorgesetzter, erklärt er. «Gegenüber
Unternehmen bin ich misstrauisch geworden.»

(Redaktion)


 


 

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