Arbeitswelt
Work-Life-Balance: Psychische Probleme vermeiden
Wien. Alles wird mir zuviel. Ich schaffe das nicht mehr.“ Dieses Gefühl plagt immer mehr Berufstätige. Nicht nur wegen der Arbeitsmenge, sondern weil ihr Job sie zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert, für deren Lösung sie noch keine Routinen entwickelt haben. Eine entsprechend große mentale Kraftanstrengung kostet es, sie zu meistern.
„Besuchen Sie ein Zeitmanagementseminar.“ Diesen Rat gaben Führungskräfte in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft Mitarbeitern, wenn diese klagten: „Mir wird alles zu viel; ich schaffe es nicht mehr.“ Das taten denn viele Mitarbeiter, und Zeit- und Selbstmanagementseminare entwickelten sich zu einem Standardangebot im Weiterbildungsprogramm der Unternehmen. Dort lernten die Mitarbeiter, sich Ziele zu setzen, „wichtige“ von „dringlichen“ Aufgaben zu unterscheiden und in ihrem Arbeitsalltag Prioritäten zu setzen – was bei vielen Mitarbeitern auch tatsächlich zu einer Entlastung führte.
Kein Zufall ist jedoch, dass der Boom der Zeitmanage-ment-Seminare just begann, als vor circa 20 Jahren viele Unternehmen die Arbeitsabläufe in ihrer Organisation neu strukturierten – auch als Folge der rasanten Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik. Erledigte zuvor, vereinfacht formuliert, jeder Mitarbeiter schlicht die in seiner Stellenbeschreibung definierten Aufgaben, so war nun plötzlich Team- und Projektarbeit angesagt. Und die Kollegen – auch in ande-ren Bereichen? Sie sollten fortan als firmeninterne „Kunden“ gesehen werden gegenüber deren Wünschen man sich nicht mehr mit einer Bemerkung wie „Ich habe keine Zeit“ oder „Das gehört nicht zu meinem Job“ verschließen kann.
Dadurch erhöhte sich nicht nur die Arbeitsbelastung. Für viele Mitarbeiter bedeutete es auch eine erhebliche mentale Umstellung, sich auf die neue Arbeitsform einzustellen.
Neue Medien haben Arbeitswelt verändert
Blickt man heute auf die damalige Situation in den Betrieben zurück, dann denkt sich manch leicht ergrauter Arbeitnehmer: Was war das damals für eine geruhsame Zeit. Zwar standen in den meisten Büros bereits PC. Doch das Internet? Das kannten nur einige Wissenschaftler. Und Emails versenden? Der Siegeszug der elektronischen Post begann erst 1993 allmählich. Und Mobiltelefone? Die hatten damals außer den „big Bossen“ bestenfalls einige Außendienstmitarbeiter. Heute hingegen sind diese Medien ganz selbstverständlich in den Arbeitsalltag der meisten Berufstätigen integriert.

Im Alltagstrubel ist uns oft nicht bewusst, wie stark die neuen Medien in sehr kurzer Zeit unser Arbeitsleben verändert haben.
Im Alltagstrubel ist uns oft nicht bewusst, wie stark diese Medien in sehr kurzer Zeit – nicht mal zwei Jahrzehnten – neben unserem Arbeitsleben auch unser Verhalten verändert haben. Als Trainer und Berater stellt man zum Beispiel fest: Früher standen bei Seminaren die Teil-nehmer in den Pausen bei einem Kaffee zusammen und schwatzten. Heute hingegen checken sie oft noch im Seminarraum, welche Mails, Anrufe und SMS sie erhalten haben und verziehen sich dann in eine stille Ecke, um entweder zurückzurufen oder diese zu beantworten.
„Ich muss stets und überall erreichbar sein – und wenn nicht, dann muss ich wenigstens so schnell wie möglich reagieren.“ Das hat sich nicht nur zu einem Lebensgefühl vieler Menschen entwickelt. In vielen Jobs sehen sich Berufstätige tatsächlich mit dieser Erwartung konfrontiert – sei es seitens ihrer Kollegen, Chefs oder Kunden. Hierfür ein Beispiel: Wenn früher ein Kunde ein Angebot einholte, war er froh, wenn er es zwei, drei Tage später auf dem Tisch hatte. Und wenn’s länger dauerte? Dann hatte der Verkäufer die Ausrede parat: „Das liegt an der Post.“ Heute hingegen rufen Kunden oft schon ein, zwei Stunden, nachdem sie ihre Anfrage per Mail versandt haben an und klagen: „Warum reagiert ihr nicht? Ihr habt aber einen schlechten Service.“
Permanent „ruf-bereit“
Doch nicht nur wegen der permanenten „Ruf-Bereitschaft“ fällt es immer mehr Menschen schwer, mal abzuschalten. Hinzu kommt: Sie stehen tatsächlich in immer kürzeren Zeitabständen vor neuen Herausforderungen – nicht nur am Arbeitsplatz. Denn Fakt ist: Die Unternehmen müssen heute in immer kürzeren Zeitabständen ihre Strategien und ihre Art, Aufgaben zu lösen, überdenken. Für ihre Mitarbeiter be-deutet dies: An sie werden häufiger neue Anforderungen gestellt. Und sie müssen häufiger gewohnte Denk- und Verhaltensmuster aufgeben. Das führt bei vielen Mitarbeitern zu einem Gefühl der Überforderung – zumal wenn sie auch privat gefordert sind. Ein Zeichen hierfür ist die wachsende Zahl der Männer und Frauen, die über psychische Probleme oder gar Erkrankungen klagen; des Weiteren die steigende Zahl von Burn-out-Fällen.
Die meisten Burn-out-Erkrankungen resultieren jedoch nicht daraus, dass die Betroffenen vor einem Berg von Herausforderungen stehen, der mengenmäßig nicht mehr zu bewältigen wäre. Sie resultieren vielmehr daraus, dass sie vor Herausforderungen stehen, für deren Lösung sie entweder noch keine Strategien besitzen oder noch keine Routine entwickelt haben – weshalb es sie auch eine sehr große mentale Kraftanstrengung kostet, diese zu meistern.
Zeitmanagement allein ist nicht genug
Die Folge: Die Betroffenen schieben einen Berg unbewältigter Aufgaben vor sich her. Und permanent plagt sie nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern sie können sich auch immer schlechter konzentrieren, weil sie, egal was sie tun, zugleich denken: „Eigentlich müsste ich ...“
Mit dem klassischen Zeit- und Selbstmanagement ist es heute nicht mehr getan. Dieses wird zwar auch künftig ein sehr hilfreiches und nützliches Instrument sein, um Routineaufgaben zu lösen. Was viele Mitarbeiter heute jedoch brauchen, ist eine aktive Unterstützung beim Lösen neuer Aufgaben und Herausforderungen. Sie müssen sozusagen die Grundzuversicht entwickeln: „Irgendwie schaffe ich das schon – alleine oder mit selbstorganisierter Unterstützung. Schließlich habe ich in meinem Leben schon viele, zunächst scheinbar unlösbare Herausforderungen gelöst.“ Sonst geraten sie in unserer modernen Lebens- und Arbeitswelt immer wieder in Situationen, in denen sie sich nicht nur überfordert fühlen, sondern dies auch faktisch sind.
Bei der Prävention neue Wege beschreiten
Das haben inzwischen zahlreiche Unternehmen erkannt. So zum Beispiel ein renommierter Finanzdienstleister. Entsprechend breit gefächert ist sein Work-Life-Balance-Angebot. So können seine Mitarbeiter zum Beispiel neben den klassischen Zeit- und Selbstmanagement- auch Stressmanagementseminare besuchen und in ihrer Mittagspause an Entspannungstrainings teilnehmen. Und wer will, kann sich sogar zu Massagen anmelden. Dahinter steckt die Erkenntnis: Ein Finanzdienstleister hat andere gesundheitsbelastende Faktoren als ein Produktionsunternehmen. Also müssen den Mitarbeitern auch andere Präventionsangebote unterbreitet werden.
Sabine Prohaska ist Inhaberin des Trainingsunternehmen seminar consult prohaska, Wien, das unter anderem Trainer und Coachs ausbildet. Sie ist Autorin des Buchs „Erfolgreich im Training - Praxishandbuch“.
Ebenfalls im Weiterbildungsprogramm stehen Seminare, die darauf abzielen, die Resilienz, also Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken. Und wer aus beruflichen und/oder privaten Gründen, das Gefühl hat „Alles wird mir zu viel – wenn ich nicht aufpasse, steuere ich auf einen Burn-out zu“? Der kann sich auch mit einem Coach treffen, um mit ihm Präventions- und Lösungsstrategien zu erarbeiten.
Vorsorge rechnet sich
Dies alles macht der Finanzdienstleister nicht aus altruistischen Motiven. Dahinter stecken betriebswirtschaftlichen Erwägungen. Denn mittelfristig rechnen sich diese Ausgaben für Unternehmen, davon sind die Personalverantwortlichen überzeugt – nicht nur aufgrund der geringeren Zahl von krankheitsbedingten Fehltagen. Diese Annahme ist nicht unbegründet. Denn fällt ein Mitarbeiter wegen eines Burn-out aus, dann können Unternehmen davon ausgehen, dass er ein halbes Jahr fehlt. Und völlig unklar ist in dieser Zeit: Kommt er danach zurück und wenn ja, wie stark ist er anschließend belastbar?
Angenommen nun, der Mitarbeiter ist ein Bereichsleiter. Dann entstehen dem Unternehmen durch den Burn-out schnell unmittelbare Kosten in Höhe von 80.000 Euro. Und rechnet man die so genannten Chaoskosten hinzu, die dadurch entstehen, dass aufgrund der Abwesenheit des Bereichsleiters gewisse Vorhaben nicht, mit Zeitverzögerung oder mit fehlender Sorgfalt umgesetzt werden, dann landet man schnell bei einem Betrag von mehreren 100.000 Euro. Das zeigt, wie wichtig es für Unternehmen ist, präventiv aktiv zu werden.
(Sabine Prohaska)
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