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Mit spitzer Feder (1)

Do you speak crisis?

Dass die globale Wirtschaftsleistung drastisch zurückgeht, ist leider Fakt. Unrichtig dagegen ist, dass es nun gar nichts mehr gebe, was wächst oder zumindest zunimmt. Man denke nur an Unwetter und Starkregen, die Piraterie am Horn von Afrika, das sog. Komasaufen unter Jugendlichen oder die Nettoneuverschuldung. Auch unser Wortschatz hat von der Krise profitiert – wie selbstverständlich wächst er täglich um neue Begriffe und Phrasen, die das Unverständliche erklären. Oder auch nicht. Hier gibt’s das aktuelle Krisenwording. Von A bis Z, zum Ausschneiden und Mitspielen.

A bwrackprämie – volkswirtschaftliches Perpetuum Mobile. Der Staat gibt seinen
Bürgern Geld, damit sie sich ein Auto kaufen. Über die damit generierte Umsatzsteuer , die Gewerbesteuer des Händlers usw. läuft das Geld wieder an den Staat zurück. Der Bürger hat ein neues Auto, die Wirtschaft Umsatz und Ertrag, der Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz. Am Ende sind alle glücklich. Es soll Menschen geben, die das glauben.

B ad Bank – eine Art institutioneller Persönlichkeitsspaltung.
Ein Finanzinstitut wird zwei Finanzinstitut. In das zweite kommt alles rein, was es im ersten gar nie hätte geben dürfen. Das erste blüht dann auf, für das zweite sollte allerdings irgend jemand haften. Das ist bad.

C hance, Krise als - begreifen – hält sich mindestens so zäh in der Hitliste der abgedroschensten Phrasen wie der Jakobsweg im Buchhandel. Dennoch (oder gerade deshalb) auf absehbare Zeit nicht tot zu kriegen. Unbedingt verwenden!

D eflation – droht, wenn alle gleichzeitig die Luft anhalten. Den Rekord halten die
Japaner mit einer Dekade. Empfehlung: nicht nachmachen.

E rholungspotenzial – autosuggestiver Begriff, mit dem sich Bürgen einreden, der
Trash, für den sie einstehen müssen, könne ja eines Tages wieder werthaltig werden.
Man hat schon Pferde kotzen sehen. Kurz vor der Apotheke.

G ier, s. a. Gewinnorientierung, kurzfristige – teuflische Eigenschaft, die letztlich
schuld sein soll an dem ganzen Schlamassel. Steilvorlage für den Klerus. Abgrenzung zum Gewinnstreben, dem wir unseren Wohlstand verdanken, ist allerdings noch nicht hinreichend geklärt. Balzac lesen!

I nflation – best practice zur sozialverträglichen und flächendeckenden
Umverteilung von Vermögen zugunsten der Schuldner und zulasten der Gläubiger; droht, wenn oder weil Deflation erfolgreich verhindert werden konnte.

K urzarbeit – arbeitsmarktpolitischer Bremsfallschirm.
Tolle Sache. Allerdings: Wie bei jedem Fallschirm geht es um so schneller runter, je mehr sich dranhängen.

M arktradikalismus – wirtschaftstheoretische Wurzel allen Übels, vor der praktisch alle schon immer gewarnt haben. Dass darauf keiner gehört hat, kann nur daran liegen, dass alle so mit warnen beschäftigt waren.

N eoliberalismus – unscharfer Begriff, kann gleichermaßen zur Verunglimpfung („Neo-“) der liberalen Idee wie auch zu ihrer Rettung (Abgrenzung zum Liberalismus)
verwendet werden. Für die ganze scharfe Attacke/Abgrenzung gibt es die Kombination „marktradikaler Neoliberalismus“. Wow.

Ö konomisierung der Politik – Megatrend der 90er Jahre: Noch der letzte Dorfbürgermeister spricht seine verdutzten Bürger plötzlich als „Kunden“ an und erklärt unter Beifall, er werde seine Gemeinde künftig „wie ein Unternehmen“ führen. Dass keiner weiß, was das heißen soll, stört niemanden.

P olitisierung der Ökonomie – aktueller Gegentrend zur Ökonomisierung der Politik: Der Staat übernimmt Teile der Wirtschaft. Seine Kompetenz leitet er eher negativ aus aktuellem Marktversagen ab.

R aubtierkapitalismus, ungezügelter – selbsterklärender Begriff mit maximalem
Aklamationspotential bei expliziter Ablehnung. Praktisch:
Die summarische Verwendung erspart den Rekurs auf einzelne Gattungen (Baulöwen,
Finanzhaie, Heuschrecken usw.). Einer für alle.

S ystemrelevanz – Blankettbegriff; bestimmt, wer sich zu den happy few unter den Insolventen zählen darf. Berechtigt zur Inanspruchnahme von Steuergeldern in nicht limitiertem Umfang. Zugleich Legitimation für sog. Schutzschirme und staatliche Intervention .

T oxische Papiere – Produkte des Finanzmarktes der Art, für die im Lebensmittelbereich langjährige Haftstrafen verhängt würden. Geschädigte werden darauf verwiesen, sie hätten sich eben nicht von Gier leiten lassen sollen. (Nur zum Vergleich: Das ist so, als würde man dem Kunden, der ein vergiftetes Lebensmittel
erwischt hat, vorwerfen, so komme es halt, wenn man blind seinem Appetit folge.)

V ertrauenskrise – schweinegrippeartig um sich greifendes Misstrauen am Finanzmarkt; nachträglicher Versuch, das blinde Vertrauen zu kompensieren, das Anleger über viele Jahre in die Ratingagenturen gesetzt haben. Nur weil die das Triple-
Blaue vom Himmel geratet haben, will ihnen jetzt gleich gar keiner mehr glauben.
Irgendwie ganz unverständlich.

Z wangsenteignung – verfassungsrechtliche Tretmine (Art. 14, 15 GG), auf die wie
durch ein Wunder in den letzten 60 Jahren keiner getreten ist. Sahra Wagenknechts
Lebenstraum.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

kolumne
Abwrackprämie
Bad Bank
Deflation
Inflation
Kurzarbeit
Marktradikalismus
Neoliberalismus

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1 Kommentar

von Stefan
08.07.09 13:44 Uhr
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Hallo,

ein super Bild habt ihr da!

 

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