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Katastrophe in Staufen

Experten und Betroffene debattieren in Staufen über Risse in der Altstadt

Rund 300 Betroffene und Experten haben in Staufen den aktuellen Stand der Maßnahmen und der Schäden durch die Hebungen unter der historischen Altstadt diskutiert. Staufens Bürgermeister Michael Benitz bezeichnete die Situation der Stadt, in der rund 250 Häuser Risse durch Erdhebungen nach Erdwärmebohrungen aufweisen, als die schlimmste Katastrophe in der Stadt seit der Bombardierung kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs.

Die Schadenssumme liege bei weit über 40 Millionen Euro. Um politisch Handlungsfähig zu bleiben sei man auf Geld des Landes, eventuell aber auch des Bundes und der EU, sowie auf Spenden angewiesen. Besonders erfreut sei er in diesem Zusammenhang darüber, dass das Regierungspräsidium Freiburg mittlerweile den Weg frei gemacht habe für eine Stiftung, deren Geldmittel in Härtefällen den Betroffenen zur Verfügung stehen soll. Ministerialdirigent Karl Greißing (CDU) aus dem Wirtschaftsministerium sicherte der Stadt die weitere Unterstützung des Landes zu, machte jedoch keine konkreten Angaben über weitere Landesmittel als die bisher zugesagten vier Millionen Euro.

Für die Interessengemeinschaft der Rissgeschädigten IGR, in der sich Betroffenen zusammen geschlossen haben, sagte Geschäftsführer Peter Gaspar, man wolle erreichen, dass jeder Geschädigte sein Haus wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt bekomme. Man sei dabei an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Aber das Thema zehre an den Nerven, man sei jeden Tag mit dem Wunsch Betroffener konfrontiert, die Klagen und konkrete Aktionen fordern. „Wir müssen seit über zwei Jahren damit leben, dass Türen klemmen und uns sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt.“ Gaspar schloss auch weitere Klagen nicht aus.

Zur aktuellen Situation in Staufen bestätigte Clemens Ruch vom Landesamt für Geologie und Bergbau (LGRB) in Freiburg, dass die Hebungen sich in den vergangenen zwei Monaten verlangsamt haben. Wie lange der Quellprozess noch dauern könnte ist unklar. Die Erkundungsbohrungen hätten gezeigt, dass bei der siebten Erdwärmesonde – mutmaßlich aufgrund der Verwendung des falschen Materials bei den Bohrungen - Grundwasser eingedrungen und aufgestiegen sei, das dann quellfähiges Gestein erreicht habe und so die Hebungen ausgelöst habe. „Da haben zwei bis vier Liter in der Minute gereicht, um die Hebungen in Gang zu setzen“, so Ruch. Durch Abpumpen des eindringenden Wassers über die zweite Erkundungsbohrung und nachträgliches Abdichten der Erdwärmesonden mithilfe eines Spezialzements sei es gelungen, den Hebungsprozess nun zu verlangsamen. Der Kirchzartener Geoexperte Robert Breder ergänzte, dass der Druck des angebohrten Grundwassers stark genug gewesen sei, aus über 60 bis 100 Meter Tiefe bis zur Erdoberfläche aufzusteigen. Für künftige Sanierungen sei es wichtig zu wissen, dass es nicht nur Hebungen, sondern auch seitliche Verschiebungen des Bodens gibt. Und: Unterhalb der derzeit aufquellenden Schicht gibt es weiteres Material, das aufquellen könnte. „Es ist wichtig, dass dies unbedingt durch entsprechende Abdichtungen weiterhin vermieden wird, da sonst die Hebungen um ein vielfaches zunehmen würden“, so Breder.

Helmut Bock, emeritierter Geologe und Experte für Erdwärmetechnik, lobte die Arbeit des LGRB und seiner Partner, sagte aber auch, dass noch nicht klar sei, ob die Probleme nun in Griff zu bekommen seien. „Da gibt es, auch was die Schlussfolgerungen der Experten angeht, noch fachlichen Diskussionsbedarf. Aus dem Tunnelbau wissen wir, dass solche Quellprozesse praktisch nicht mehr gestoppt werden können. Man muss da vielleicht in Staufen auch auf andere technische Lösungsversuche zurück greifen, um die Quellkraft des Gesteins abzuleiten. Da gibt es erfolgreiche Beispiele aus dem Tunnelbau.“

Kritische Stimmen gab es aus dem Kreis der Betroffenen: „Wenn im Vorfeld der Erdwärmebohrungen nur ein Bruchteil der Sorgfalt aufgewandt worden wäre wie jetzt, dann wäre es nie zu dieser Katastrophe gekommen“, so ein Geschädigter. „Die entsprechenden Informationen lagen schließlich vor!“ Dem widersprach LGRB-Chef Ralph Watzel: „Die Probleme waren nicht prognostizierbar und die Bohrungen haben dem damaligen Kenntnisstand der Technik entsprochen“, mittlerweile habe sich jedoch ein neuer Diskussionsbedarf ergeben. „Es hat im Land mehrere hundert sichere und dichte Bohrungen in ähnliches Gestein gegeben“, ergänzte auch Clemens Ruch. „Es gab zum Zeitpunkt der Bohrungen keinen Grund, hier mit solchen Problemen zu rechnen.“ Jörg Uhde vom Fachverband Geothermische Vereinigung bezeichnete die Entwicklung in Staufen als „Fanal für unsere Branche.“ Es sei klar, dass das in Staufen tätige Unternehmen nicht fachgerecht gearbeitet habe und damit eine ganze Branche in Verruf gebracht habe.

(Ralf Deckert)


 


 

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