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Mit spitzer Feder (6)

Total offline

Es ging damit los, dass Helena twitterte, bei ihr gehe schon seit sechs Minuten keine E-Mail mehr auf. Sie bekam über 40 Antworten, eine sogar aus Ulan Bator. Manche sagten, bei ihnen sei alles im grünen Bereich, andere versuchten, sie zu beruhigen. Das werde sicher nicht mehr lange dauern. Manuel aus Malaga konnte aber seinen Account auch nicht öffnen und drohte emotional zu kollabieren.

Ich griff reflexartig und, ja, etwas nervös zur Maus, um meinen eigenen Account zu checken, konnte aber das Password nicht mehr vollständig eingeben, weil im selben Moment mein Handy vibrierte. Ich stelle das immer so ein, bevor ich es in die Tasche stecke, damit ich keinen Anruf versäume. Wenn es mal länger nicht summt, habe ich irgendwie ein schlechtes Gefühl. Ich mag es auch nicht, wenn ich keine E-Mail bekommen kann, egal wie lang. Jemand könnte mir etwas Wichtiges sagen wollen. Es könnte etwas passiert sein, was ich einfach wissen muss. Vielleicht will mich ja ein Mitglied aus meiner Peergroup warnen. Vor einem Verkehrsstau. Oder einem Tsunami. Ich könnte ja gerade an einer Küste sein und er hätte es in meinem Blog gelesen. Gänsehaut.

Ich dachte, ich schaue erst mal in Facebook, ob das Problem in meiner Community angekommen ist. Vielleicht sollte ich auch selbst einen Eintrag machen, damit sich alle, die in den nächsten Minuten eine Mail von mir erwarten, keine Sorgen machen. Das Dumme ist, dass gerade in meinem Bekanntenkreis so viele in StudiVZ sind und meinen, es ginge auch ohne Facebook. Ich verstehe nicht, wie man sich so isolieren kann.

Heute morgen hat mein BlackBerry noch geblinkt, zum Zeichen eines Eingangs. Das mit dem Licht ist gut, weil man es überall anlassen kann, auf Konferenzen, während Konzerten, bei Vorträgen, sogar auf Beerdigungen. Nur im Bett kann es die Beziehung belasten. Jedenfalls, wenn nicht beide einen haben, einen BlackBerry meine ich, oder, wenn immer nur einer von beiden die ganzen Messages bekommt und dann dauernd alles unterbricht. Aber sonst ist das kleine Licht einfach unverzichtbar. Man sieht es im Augenwinkel, klickt sich rein und liest wenigstens die Preview. Die Beerdigung geht auch so weiter und die Hauptperson ist ohnehin nicht mehr online. Vollständig ausgeloggt sozusagen. Horribile dictu.

Wo war ich? Ach so, der BlackBerry hatte geblinkt und es war, wie ich später erfuhr, eine Nachricht von StayFriends, dass sich Kalle in die Liste meiner Schulfreunde eingetragen hätte. Ausgerechnet der. Aber gut. Ich habe akzeptiert, dass er mich auch bei sich als Kumpel einträgt, so haben wir beide wieder einen Freund mehr. Schreiben werden wir uns aber nie.

Wie ich zum zweiten Mal versuche, das Password für meinen E-Mail-Access einzugeben, fällt mein Blick auf eine kleine rote „3“ im SMS-Button meines Iphones: Drei neue SMS, das löst ein kleines Glücksgefühl aus. Ich simse nämlich unheimlich gern. Wenn ich ehrlich bin, tue ich das nur, damit ich welche bekomme. Aber ich glaube, das machen alle anderen auch so. Der SMS-Eingang ist so etwas wie ein digitales Überraschungsei: Man weiß, es ist nur Schrott drin, und ist trotzdem jedes Mal gespannt, welcher. Vielleicht kann man die nächste
Generation des Iphones ja auch schütteln. Wie die Eier.

Simsen entspricht genau meinem Kommunikationstyp. Helmut Schmidt hat einmal gesagt, es gebe nichts, was man nicht auf einer DINA4-Seite schlüssig darlegen könne. Gut, das war eine andere Generation. Ich würde jetzt die Seite durch SMS ersetzen. Frau Merkel simst ja wie eine Teenagerin, sagt man. Respekt. Nur die Regierungserklärungen werden dann doch immer wieder so langatmig.

Es war übrigens tatsächlich nur Schrott. In der ersten SMS stand, ich hätte gewonnen und solle eine 0190 Nummer zurückrufen. In der zweiten begrüßte mich ein Provider aus der Schweiz, dem ich ins Netz gegangen war. Und die dritte war eine Mitteilung, dass mich ein Anrufer nicht erreicht hätte.

Genau diese letzte SMS bescherte mir aber einen Zielkonflikt. Endlich meinen Mailaccount checken oder doch lieber gleich zurückrufen? Unbekannte Nummer, aber auch nicht unterdrückt. Hm. Wieso war der Anruf fehlgeschlagen? Ich gehe doch immer dran, selbst wenn ich ein anderes Telephonat am anderen Ohr habe. Ich finde, das gehört einfach zur Netiquette, dass man erreichbar ist.

Ich hätte mich dennoch für den Account entschieden, wenn nicht das Battery-low-Symbol meines Smartphones aufgeleuchtet hätte. Schnell an den USB-Port hängen, dachte ich, fand aber das Kabel nicht, worüber ich einen Moment lang Helenas Problem total vergaß. Wie es mir wieder einfiel, wollte ich gleich den Laptop hochfahren, fuhr aber frontal gegen meine eigene Firewall. Die meldete fett „Ein Element beeinflusst das System“, drohte potenziell schwerste Schäden an und fragte scheinheilig „Problem jetzt beheben“? Ja wann den sonst. Alles jetzt, später ist immer zu spät.

Während der Fortschrittsbalken des Virenschutzprogramms von links nach rechts kriecht, werde ich ein wenig melancholisch. Mir fällt ein, wie wir uns früher immer Briefe geschrieben haben. Richtige Briefe. Und dass die alle noch in einer Schuhschachtel liegen. Ein Klingelton reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bin etwas perplex, weil ich ihn nicht kenne. Ach so, die Haustür. Noch mit dem Handy am Ohr mache ich auf. Es ist Helena. Sie fällt mir um den Hals. „Es geht wieder“, haucht sie mir ins Ohr. In das andere natürlich. Es ist ein schöner Moment, irgendwie
ganz analog.

Was soll ich sagen? Weiß auch nicht. Kommunikation kann eben anstrengend sein. Mobilfunktarife können abweichen.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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