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Neue Grenzwerte für Nervensägen

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Festgestellt hat das Victor Hugo. Was er uns nicht verraten hat, ist, ob das gesellschaftliche Naturgesetz für gute und schlechte Ideen gleichermaßen gilt.

Hin und wieder sieht es sehr danach aus. Die Zahl bundesdeutscher Geburten etwa dümpelt seit Jahrzehnten lustlos unterhalb der Sterberate. Kinder wurden dadurch mehr und mehr zur Mangelware, und weil Knappheit in einer Marktwirtschaft wertsteigernd wirkt, war es nur eine Frage der Zeit, dass Kinderfreundlichkeit als Idee zum Staatsziel avancieren würde.
Und dass die famose Idee, die manche schon im Grundgesetz verankern wollen, damit – Herr, wirf Hirn runter! – nicht immer nur die Menschenwürde geschützt werde, sondern endlich auch die von Kindern, dass diese Idee mit einer anderen kollidieren würde, die schon länger Karriere gemacht hat, weil ihre Zeit schon früher gekommen war – mit dem Umweltschutz. Dort, im Umweltrecht, gelten die Emissionen menschlichen Treibens nämlich als ein veritables Übel, das es ohne wenn und aber und mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu bekämpfen gilt. Gleich ob Abgas, Erschütterung, Strahlung oder Lärm, zum Arsenal zählen vor allem Richtlinien, Grenzwerte und subjektive Abwehransprüche der Betroffenen.
Das konnte auf Dauer nicht gut gehen, wo Kinderlärm in Rede steht. Einerseits die lieben Kleinen, ihre lärmaffine Lebensfreude, in sogenannten Kitas viel dutzendfach kumuliert, ihr dezibelstarkes Ballspiel, ihr sympathischer Hang zum repetitiven Gruppenverhalten – ausdauernd, ausgelassen und ausgesprochen laut.

Andererseits die „schädliche Umwelteinwirkung“ Lärm, von der wir durch zehn Millionen Diplom- und Doktorarbeiten gestützt wissen, dass sie krank macht. Und dass sie umso mehr an den Nerven zehrt, je weniger konstant das Lärmereignis und je höher die Frequenz ist. Nachgerade eine Wohltat das permanente Hintergrundrauschen einer nahen Autobahn gegen das an- und abschwellende Geschrei auf dem benachbarten Sportplatz.
Die schichtarbeitende Krankenschwester am Rande des Nervenzusammenbruchs, das Umweltrecht als Retter in der Not: Anwohner klagten erfolgreich gegen Kindergärten, -krippen und -tagesstätten. In einigen Fällen wurde sogar die Einhausung mit Lärm schutzwänden durchgesetzt, in Hamburg (Kita „Marienkäfer“) 60 Meter lang und zwei Meter hoch, in Dresden (Kita „Kichererbsen“) 25 Meter mal drei. Beton gegen Käferchen und Erbsen, das musste medial aufstoßen.
Nach und nach – erst in den Ländern, dann im Bund – wurde denn auch deutlich, dass an dieser Stelle kein Platz für beide Ideen war. Und dass die sich durchsetzen sollte, deren Zeit gekommen war. Wenn Kinder gut sind, kann ihr Toben nicht schlecht sein, befand instinktsicher die Politik und beschloss ganz schlank, der von spielenden Kindern ausgehende Lärm sei gar keiner. „Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und Einrichtungen wie Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, sind keine schädlichen Umwelteinwirkungen“, heißt es dem Vernehmen nach in einem Gesetzentwurf des Bundesumweltministeriums und – damit kein Spielverderber meint, er könne das Gegenteil beweisen –: „Bei der Beurteilung der Geräuscheinwirkungen dürfen Immissionsgrenz- und -richtwerte nicht heran gezogen werden.“

Ebenso gut könnte man bestimmen, dass es im Sommer kühl sei und den Gebrauch von Thermometern verbieten. Erlaubt ist so etwas aber nur, wenn die Zeit für eine Idee gekommen ist. Und das ist sie ganz offensichtlich. Die Presse jedenfalls ist begeistert und mag gar nicht glauben, dass es überhaupt jemals anders war. Bisher sei der von Kindern ausgehende Lärm genauso behandelt worden wie etwa Geräusche, die eine Kreissäge erzeuge, schreibt mit Schaudern die Financial Times Deutschland vom 14. Januar. Schon mal was von Nervensägen gehört?
„Kinder und ihre Lebendigkeit gehören zu unserem Leben“ jubelt die Präsidentin des Städtetags und der Bundesrat hat schon vor einem Jahr etwas trocken festgestellt, „dass Kinderlärm sozialadäquat“ sei. Die vielleicht schönste Formulierung ist derzeit die, das Lärmen von Kindern sei Zukunftsmusik. Nicht mehr und nicht weniger.
Es ist immer faszinierend zu beobachten, was passiert, wenn die Zeit einer Idee gekommen ist, wenn sich ein Gedanke Bahn bricht und bis auf weiteres alle anderen verdrängt, die ihn relativieren könnten. Nur colorandi causa seien ein paar davon genannt. Wenn das Ballspiel von Kindern kein Lärm ist, warum sollte es dann das von Jugendlichen sein? Ist es kein Ausdruck von Lebensfreude, wenn Erwachsene Fußball spielen? Gehört der Motorsport in all seinen Facetten nicht zur Lebendigkeit jeder Generation? Ist das enervierende Plopp-plopp eines Tennisplatzes kein sozialadäquates Verhalten? Und – das muss an
dieser Stelle einfach gesagt werden – ist das Brummen der Lkws auf unseren Straßen, das Hämmern auf den Baustellen, das Vibrieren der Maschinen in den Produktionshallen und das ferne Rauschen eines überfliegenden Jets für eine Industrienation, die unentwegt von sich selbst sagt, sie müsse um so viel schneller, effizienter, produktiver und innovativer sein, wie sie teurer ist als all die Konkurrenz auf diesem Globus, ist das alles etwas anderes als Zukunftsmusik?
Es kommt wohl auf die Ohren an. Oder besser auf das, was dazwischen liegt.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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