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Mit spitzer Feder (8)

Kennen Sie Ihr Minarett – Handicap?

„Meine Damen und Herren! Der Gewinner in der Kategorie ‚politisch inkorrekt‘ ist .....?!“ Nein, Herr Sarrazin, Sie dürfen sich wieder setzen. Der Preis, ein stilisiertes Minarett aus Schokolade, geht in diesem Jahr ins benachbarte Ausland, an unsere Freunde in der Schweiz: für das sensationell inakzeptable Plebiszit gegen den Bau von Minaretten.

So groß das Entsetzen aller billig und gerecht Denkenden darüber sein mag, so wenig wissen doch viele dieser guten Menschen über ihre eigene Grundhaltung gegenüber muslimischen Mitbürgern. Abhilfe schafft das individuelle Minarett-Handicap, das sich anhand der folgenden zehn Fragen leicht ermitteln lässt – ehrliche Antworten vorausgesetzt. Halten Sie einfach die Zahl der spontanen a-, b- oder c-Antworten fest. Und los geht’s!

(1) Kopftücher (und erst recht die Burka) sind

a) ein harmloses Glaubensbekenntnis, das Respekt verdient
b) mitunter auch ein politisches Symbol
c) ein Ausdruck des Machtanspruches von Männern über Frauen

(2) Ordnen Sie die Begriffe Muezzin / Muslim / Mudschaheddin
nach ihrem gefühlten Bedrohungspotenzial für die abendländisch-
christliche Kultur

a) welche Bedrohung?
b) alle gleich / weiß nicht
c) Muslim / Muezzin / Mudschaheddin

(3) Auf dem städtischen Grundstück neben Ihrem werthaltigen Einfamilienhaus soll gebaut werden. Sie sprechen sich im Gemeinderat aus

a) für eine Koranschule
b) für einen Kindergarten
c) für eine Außenstelle des Landesdenkmalamtes

(4) Ihre 16-jährige Tochter stellt Ihnen ihren ersten Freund, Özgür Mahmud Gürik, vor. Sie sind

a) erfreut und neugierig auf die kulturelle Bereicherung
b) erstaunt über die Vorurteilslosigkeit Ihrer Tochter
c) besorgt, ohne so recht sagen zu können, warum

(5) Sie unterstützen aktiv den Wunsch der islamischen Gemeinde, in Ihrer Stadt ein Minarett zu errichten. Sie favorisieren eine Lage

a) zwischen Rathaus und Dom
b) zwischen Mediamarkt und McDonalds
c) zwischen Wertstoffhof und Autobahnzubringer

(6) Die obligatorische Teilnahme am Schwimmunterricht auch für Mädchen aus muslimischen Familien

a) dokumentiert die Arroganz staatlicher Gewalt
b) ignoriert jedenfalls den soziokulturellen Hintergrund des Kindes und das Erziehungsrecht der Eltern
c) ist Teil der Schulpflicht und sichert das Recht des Kindes auf Entfaltung seiner Persönlichkeit

(7) Die Scharia

a) ist eine ernsthafte Alternative zur Überwindung europäischer Rechtsetzungswut
b) sollte zumindest als Bachelorstudium neben dem deutschen Staatsexamen in Jura angeboten werden
c) liegt in puncto Rechtskultur historisch etwas zurück

(8) Der Koran als heilige Schrift des Islam ist

a) in seiner Botschaft durch und durch friedfertig und zielt primär auf die harmonische Koexistenz aller Weltreligionen
b) wird immer mal wieder mehrdeutig ausgelegt, was bei einzelnen Anhängern zu verständlicher Aggressivität führen kann
c) enthält Aussagen, die auf ein Toleranzdefi zit gegenüber Andersgläubigen deuten

(9) Die geringe Integrationsneigung muslimischer Immigranten

a) ist ein Spiegel verfehlter Integrationspolitik der Gastländer
b) zeugt von der Festigkeit ihres kulturellen und religiösen Fundaments
c) führt leicht zu gesellschaftlicher Isolation und zunehmender Entfremdung

(10) Die festgestellte Korrelation zwischen Bildungsabschluss
und Minarettakzeptanz (je höher, desto größer)

a) belegt, dass Vorbehalte gegenüber Muslimen in erster Linie auf Unkenntnis beruhen
b) lässt verschiedene Interpretationen zu
c) ist eher das Ergebnis internalisierter Sollvorstellungen als tatsächlicher Überzeugungen

Und hier Ihre Auswertung:

Fünf oder mehr a):

Sie dürfen sich auf der Seite der gut Meinenden fühlen und haben die volle ethisch-moralische Legitimation, den schweizerischen Stimmbürgern mal so richtig die Leviten zu lesen. Es spricht allerdings viel dafür, dass Sie auch für deren Haltung irgendwie Verständnis aufbringen. Weil Sie einfach alles verstehen ... wollen.

Fünf oder mehr b):

Gratulation! Sie haben noch jeden Konflikt vermieden. Allerdings auch noch keinen gelöst. Bleiben Sie wie Sie sind, die Welt ist schon kompliziert genug. Sollen sich doch andere den Kopf zerbrechen, wie das alles zusammengehen könnte. Das meiste Unglück geht ohnehin auf Menschen mit Überzeugungen zurück.

Fünf oder mehr c):

Überrascht? Vielleicht haben Sie ja keinen Schulabschluss. Oder aber Sie sind hochgebildet und leiden nur an sarrazinesker Ehrlichkeit. Vielleicht sind Sie auch tatsächlich ausländerfeindlich. Behalten Sie auf jeden Fall diesen Test und bewahren Sie Ihr individuelles Handicap sorgfältig auf – es kann einen Einbürgerungsantrag in der Schweiz erleichtern. Und denken Sie noch einmal gründlich über alles nach. Stehen Sie zu Ihrem Handicap und sprechen Sie viel mit Ihren muslimischen Freunden. Wenn Sie welche haben.

Weniger als fünf a), b), c):

Mit diesem Handicap können Sie nichts gewinnen. Vermutlich haben Sie sich noch nie so richtig Gedanken gemacht oder einfach keinen Gefallen daran gefunden, so komplexe Kisten zu bewegen. Unser Rat: Sie sollten sich schon entscheiden. Bis dahin meinen wir: Keine Meinung ist auch eine Meinung.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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