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Interview mit Florian Hoffmann

Wider die Herrschaft der Märkte

Als "Kartell-Rebell" ist der Düsseldorfer Ökonom und Jurist Florian Hoffmann bekannt (und auch berüchtigt) geworden. Der Gründer des European Trust Institute rüttelt in seinem aktuellen Buch "Occupy Economics" an ehernen Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre. Er fordert eine Entmachtung der Märkte zugunsten einer Vorherrschaft der Kaufleute und Unternehmer.

Business-on: Herr Hoffmann, Sie haben ein Buch geschrieben mit einem provokanten Titel. Was wollen Sie damit bezwecken?

Florian Hoffmann: Ich gebe zu, dass der Titel provokant ist, aber er ist auch wahr, durch und durch wahr.

Business-on: Das müssen Sie genauer erklären.

Florian Hoffmann: Im Fokus stehen die 'economics', also die Lehren der Ökonomie. Sie sollen okkupiert werden. Mir geht also nicht um die Wallstreet, sondern um den Geist, den gedanklichen Hintergrund, weil ich glaube, dass er für die Fehlentwicklungen verantwortlich ist. Hier besteht Reparaturbedarf, ziemlich großer Reparaturbedarf. Und ich glaube, ein paar nützliche Ideen geliefert zu haben, die geistige Revolutionen auslösen könnten. Geistige Revolutionen, nicht Blutvergießen. Und da den Piraten das konkrete Program fehlt, müssten sie eigentlich aufnahmefähig sein. Bei den anderen Parteien ist das etwas schwieriger, weil die ja alle schon behaupten, ein Programm zu haben. Aber genau da besteht ja der Reparaturbedarf, sonst hätten wir ja nicht so viele ökonomische und ökologische Schieflagen.

Business-on: Wo sehen Sie denn die Hauptfehler?

Florian Hoffmann: Das größte Problem heißt 'Adam Smith'. Dieser kluge Gelehrte hat vor 237 Jahren mit seinem Standardwerk 'Wohlstand der Nationen' die Volkswirtschaftslehre begründet. Leider hat er damals einen Dampfer á la Titainic auf Kurs gesetzt, der mit der Menschheit an Bord unbeirrt auf den Eisberg zu steuert. Er hat die Idee des Markt-Liberalismus erfunden und damit die eigentliche Quelle des Wohlstandes zugedeckt. Er hat entdeckt, dass sich die arbeitsteilige Wirtschaft über die Märkte abwickelt und dass hierin unendlich viel Potential zur Effizienz-Steigerung steckt, aber er hat eben die eigentliche Quelle des Wohlstandes, die Haushalte und Betriebe, in die zweite Reihe geschoben. Er hat das marktzentrische Denken erfunden und damit den Menschen und seine eigentliche Umgebung, Haushalte und Betriebe, die Stätten seines täglichen Wirkens, degradiert. Die Betriebswirte sind deshalb für die Volkswirte so etwas wie Gelehrte zweiten Grades. Die Folgen sind fatal.

Business-on: Warum sind die Folgen faltal?

Florian Hoffmann: Die Folgen sind fatal, weil man den Märkten eine Rolle zuschreibt, die sie nicht erfüllen können, nämlich die Selbstregulierung, und die in die unseriöse Ecke stellt, die die Dinge normalerweise außerhalb des Marktes regulieren und steuern. Für Adam Smith verschwören sich die Kaufleute regelmäßig gegen die Kunden, indem sie die Märkte regeln und sich absprechen. Die Kaufleute werden kriminalisiert, obwohl sie das tun, was ihre Aufgabe ist, nämlich Geschäfte machen, Waren und Leistungen anbieten, die ihnen einen maximalen Gewinn bescheren.

Business-on: Sie halten Gewinnmaximierung um jeden Preis für richtig?

Florian Hoffmann: Wenn Sie so wollen: Ja!

Business-on: Ohne wenn und aber?

Florian Hoffmann: Natürlich gibt es ein 'aber'. Das 'aber' finden sie in der Cournot'schen Kurve. Dort gibt es den 'Cournot'schen Punkt', bei dem sich der maximale Stückgewinn findet. Der Punkt ist nicht an der Stelle des höchsten Preises und nicht an der Stelle der höchsten oder niedrigsten Stückzahl, sondern der Punkt bezeichnet das wirtschaftliche Optimum, den maximalen Ertrag bei relativ geringstem Aufwand. Das bedeutet, dass der Kaufmann den Aufwand im Verhältnis zum Ertrag minimiert. Der Kaufmann setzt die wirtschaftliche Vernunft durch, indem er nicht den höchsten Preis verlangt und nicht die maximale Menge produziert. Das Ganze ist am Ende das Vernünftigste für alle, wenn alle Kaufleute so handeln dürfen, weil ja die Summe ihres Handelns am Ende unser Sozialprodukt ist.

Business-on: Sie sagen also, dass nicht die Marktgesetze regieren dürfen, sondern die Kaufleute, die Unternehmer.

Florian Hoffmann: Genau so ist es. Wirtschaft ist eine Veranstaltung von Menschen, die miteinder reden und handeln, die sich selbst organisieren in Zünften, Gilden, Innungen, Vereinen, Kartellen. Der Staat, der da eingreift, ist gezwungen, die Privatsphäre zu verletzen. Er fördert Denuntiantentum, um an die privaten Informationen zu kommen und schickt die Menschen ins Gefängnis, wenn sie sich verabreden - bei uns noch nicht, aber in den USA und vor kurzen ist in England auch der erste Europäer verurteilt worden. An der Stelle kann man Adam Smith auch wieder entlasten. Er hat zwar das Verhalten der Kaufleute angeprangert, weil er vom Geschäft nichts verstand, aber er hat zugleich davon abgeraten, gegen die Kaufleute etwas zu unternehmen. Genau daran halten sich unsere Gesetzgeber nicht, weder in Europa, noch in den USA. Das Kartellrecht wirkt brutal. Bei uns gelten immer mehr Redeverbote auf Messen und Märkten. Gesinnungsschnüffelei übelsten Ausmaßes hat sich durchgesetzt. Der elegante, harmlos klingende Begriff dazu heißt 'Compliance'.

Business-on: Und was steht in Ihrem Buch noch?

Florian Hoffmann: Das ist eigentlich das Wichtigste, ein neues Verständnis von Marktwirtschaft, das ich von Grund auf neu aufbaue und formuliere - nicht ganz neu übrigens, weil die alten Griechen schon mehr wussten als unsere heutigen Ökonomen - und unser deutscher Ökonom Friedrich List im 19. Jahrhundert wusste auch schon etwas Besseres. Außerdem ergeben sich ganz handfeste Schlussfolgerungen, z. B. dass wir nicht auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft sind, sondern auf dem Weg in die do-it-yourself-Gesellschaft.

(Redaktion)


 


 

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