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Mit spitzer Feder (11)

Dann doch keine Katastrophen

Nach dreißig Jahren kann man ein gesellschaftliches Phänomen mit einiger Sicherheit einordnen. Etwa so lange ist es her, dass sich ein bis dahin unbekanntes Wort anschickte, die intellektuelle und emotionale Befi ndlichkeit der Deutschen dunkel einzufärben. Das „Waldsterben“ stand an.

Was wir alle damals noch nicht wussten: Es sollte der Prototyp werden, die Urmutter sozusagen, für einen neuen Typus kollektiver Aufregung. Wir sprechen von der „dann doch keine Katastrophe“.

Deutschland werde bald nicht mehr wiederzuerkennen sein, sein Wald für immer verschwinden, hieß es. Tschüss Romantik, ciao deutsche Eiche, servus Landschaft und Erholungsraum – hallo Wüste, grüß dich Einöd. Es folgten: gemeinsam gefühlte Gänsehaut, medial inszenierte Panik und die Geburtsstunde der Lichterkette. Ein renommiertes Nachrichtenmagazin toppte mit der Meldung, die Bundeswehr werde Uniformen künftig in hellem Wüstenbeige schneidern lassen, mit
Grüntönen werde man sich kaum mehr vor dem Feind verstecken
können. Und unsere Nachbarn im Westen waren so begeistert, dass sie ihre notorische Fremdsprachenaversion für einen Moment vergaßen und le Walsterbän unverändert in ihren Sprachschatz übernahmen.

Der deutsche Wald ist dann doch nicht gestorben. Dafür ging es mit den Beinahekatastrophen erst so richtig los. Be-Es-E! Der reine Rinderwahn! Mit alttestamentarischer Strenge, so schien es, fielen jetzt die Sünden der Massentierhaltung, der skrupellosen Wohlstandsmehrung, des maßlosen Fleischverzehrs, der unmenschlichen Schlachthöfe, der Gentechnik und überhaupt der Schlechtigkeit modernen Menschseins auf uns alle zurück. Das jüngste Gericht (Achtung Wortspiel!) an der Fleischtheke! Wer hätte gedacht, dass es so schnell kommen würde.

Und so schnell wieder vergessen. Nicht, weil das Problem gelöst oder als Schimäre enttarnt worden wäre, sondern weil – wir haben unsere Zeit auch nicht gestohlen – schon die nächste Katastrophe in der Pipeline drängelte: der Millennium-Bug! Die Endzeit des Computers. Die Rechnung für einen aberwitzigen Glauben an die Steuerbarkeit von alles und allem mit den Werten „0“ und „1“, der Offenbarungseid einer Welt aus Hard- und Software, ausgelöst – welch ein Hohn! – durch eine kleine Jahreszahl.

Dass es dann wieder einmal „doch keine Katastrophe“ wurde, am Neujahrstag, hätte zu einer Stimmungsaufhellung beitragen können. Aber wir hatten andere Sorgen. SARS, das heimtückische Virus, dessen Ausbreitung – dieses Mal der Massenmobilität und dem ausufernden Flugverkehr geschuldet – nicht zu stoppen schien. Und als wären es noch keine sieben Plagen, denen die Menschheit sich ausgeliefert sah, folgten dann noch die Vogel- und schließlich, weder last noch least, die Schweinegrippe.

Während sich zuvor kaum jemand damit befasst hatte, wie genau der Lebensabend von Tieren aussieht, die mangels natürlicher Feinde eines natürlichen Todes sterben, konnte man nun – wenn auch sehr vorübergehend – das bizarre Schauspiel von Männern in innenbelüfteten Raumanzügen bestaunen, die von Suchhubschraubern des Grenzschutzes dirigiert verblichene Enten aus dem Schilf verträumter Badeseen fischten, um sie in blauen Kunststoffsäcken der Sondermüllverbrennung zuzuführen. Vielleicht täten sie das heute noch, wäre nicht die Schweinegrippe im Paternoster der öffentlichen Aufregung so schnell nach oben gekommen. So aber wurde auch H5N1 eine „dann doch keine Katastrophe“.

Eigentlich hätte auch das auffallen müssen, aber es gab schon wieder Wichtigeres. Massenimpfungen wollten organisiert sein, Arzneimittelknappheit drohte, hypothetische Verteilungskämpfe und zumindest der Verdacht, beim Krisenmanagement werde sozial diskriminiert, unethisch verdient und politisch geschlampt, hielten halb Europa in Atem. Der mediale Hit war die Meldung, ein schottischer Bauer habe seine Tiere angesteckt. Gekeult wurde er glücklicherweise nicht.

Was nur, fragt sich der interessierte Beobachter, ist schuld daran, dass eine Katastrophe nach der anderen „dann doch keine“ wird? Gibt es denn keine Bedrohung mehr, die nicht von der nächsten weggeputzt wird, bevor sie auch nur richtig ausgebrochen ist? Das Ozonloch, ja. War jedenfalls ein guter Ansatz. Bis dann die Meldung kam, es werde mal größer, mal kleiner, warum wisse man nicht so genau. Auch die Wirtschaftskrise begann als Katastrophe hoffnungsvoll, konnte aber doch nicht verhindern, dass schon wieder überall geschrieben wird, die Welt sei mit einem blauen Auge davongekommen. Feinstaub? Eine Lachnummer. Der Euro? Ja, wenn der nun zusammenbräche und mit ihm die Währungsunion und mit ihr die ganze …? Ach, lassen wir’s. Die Hilfe für Griechenland ist schon beschlossene Sache, bevor die Hellenen auch nur danach gerufen haben.

Gibt es sie wirklich nicht, die Bedrohung mit einer Halbwertzeit über einem Jahr, die Untergangsvision, auf die es noch lohnt, sich einzurichten? Die uns technisch, menschlich und emotional fordert und die uns wenigstens die Chance gibt – und vor allem die Zeit lässt –, bessere Menschen zu werden? Es wäre bösartig, auch nur zu denken, die Klimakatastrophe wäre eigens dafür ersonnen worden.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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1 Kommentar

von Schätzle-König
13.04.10 07:18 Uhr
Bad News are Good News

Sehr viel Wahrheit! Danke dafür.

 

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