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Zum Kuckuck mit der Kuckucksuhr

Wie viel Kunst verträgt die Schwarzwaldwerbung?

Stefan Strumbels Kuckucksuhren sorgen zwar weltweit für Aufsehen und selbst die New York Times hat schon über ihn berichtet, doch nachdem die Hochschwarzwald Tourismus Gesellschaft (HTG) einen Veranstaltungskalender mit einer der Uhren des Offenburger Künstlers auf den Markt brachte, ging nun mit mehrmonatiger Verzögerung ein Aufschrei der Empörung durch die verschneiten Wälder.

Die Uhr des 30-jährigen auf dem Prospekt „Hochschwarzwald – Hochkultur“ war keines der knallbunten Exemplare, mit denen sich auch schon Karl Lagerfeld hat ablichten lassen, sondern eine finster gestaltete Uhr, gespickt mit Handgranaten, Sturmgewehren, Totenkopfemblem und Gipfelkreuz oben drauf. Nun ist die Aufregung im Hochschwarzwald groß, doch hinter dem Streit könnte eher ein Politikum stecken, als tief empfundener Pazifismus und Abscheu vor Gewehr und Totenkopf, denn Thorsten Rudolph, der Geschäftsführer der HTG, hat sich mit seinen neuen Ideen und Konzepten für die Vermarktung der Region im ersten Jahr seiner Dienstzeit vor Ort nicht nur Freunde gemacht.

„Da ist jetzt mancher froh, dem Rudolph eins auswischen zu können“, sagt ein intimer Kenner der Befindlichkeiten in Neustadt, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. So hätten die von Rudolph eingeführten Ideen eines Weihnachtsmarkts in der Ravennaschlucht oder eines zur „Nacht in Weiß“ aufpolierten Seenachtsfests am Titisee mitunter einiges Stirnrunzeln verursacht. Sein Konzept einer „Schwarzwaldkarte“ sorge zudem für Kritik bei den kleineren Hoteliers. Mit der Karte sollen Touristen mit Vergünstigungen gelockt werden, die über eine Abgabe durch die Hotellerie finanziert werden sollen. Mancher Gastronom fürchtet nun, dabei draufzahlen zu müssen. Der gescholtene Touristiker war am Dienstag nicht zu erreichen, seine Assistentin Karina Winterhalter sagte jedoch, man habe mit dem Design des Prospekts niemanden verletzen wollen. Wenn nun plötzlich der HTG Nazisymbolik und martialisches Auftreten vorgeworfen würden, dann sei das sicher abwegig und überspitzt, wie auch Assoziationen zu Amokläufern natürlich nicht beabsichtigt gewesen seien. Zwei Monate lang sei das Prospekt auf dem Markt gewesen, ohne großes Aufsehen zu verursachen. „Wir haben vereinzelte Ablehnung, aber auch Zustimmung für das Stück zu hören bekommen“, so Winterhalter. Gewaltverherrlichung lehne man bei der HTG strikt ab.

Kritik kommt indes von Hansjörg Eckert. Der CDU-Mann ist Bürgermeister von Hinterzarten und Aufsichtsratschef der HTG: „Ich distanziere mich von dem Titelbild.“ Als Christ störe er sich vor allem an dem Kreuz auf dem vor Waffen strotzenden Uhrendesign. „Auf das Prospekt hätte man was anderes draufsetzen sollen, etwas passendes, wie einen Hinweis auf die Operette Schwarzwaldmädel, die dieses Jahr unser kulturelles Highlight ist“, so Eckert. Der Aufsichtsrat habe das Design auch nicht abgesegnet. „Dafür haben wir Herrn Rudolph, der wird gut bezahlt und ich muss mir doch nicht alles vorlegen lassen.“ Er könne sich schon vorstellen, dass da jetzt viel Wind gemacht werde, um dem HTG-Chef über Gebühr negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, so Eckert weiter. Diese Ansicht teilt auch der Marketingexperte Wolfgang Weiler aus Berlin. Weiler berät die Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) in Vermarktungsfragen und hat die neue Dachmarke „Schwarzwald“ maßgeblich entwickelt. Neben der politischen Seite der Debatte sieht er vor allem einen Vermarktungsfehler in dem Titelbild der HTG-Broschüre: „Kunst soll polarisieren und provozieren, eine Tourismusbroschüre soll das meines Erachtens nicht“, so Weiler.

Dabei ist die Kuckucksuhr ohnehin nicht im Hochschwarzwald daheim: „Hier gibt es vor allem Schilderuhren“, erklärt der Neustädter Historiker Roland Weis. Die Kuckucksuhr hingegen gehöre eher in den Raum Triberg und nach Furtwangen, wo das Design angelehnt an ein Bahnwärterhäuschen Ende des 19. Jahrhunderts von Bahnpionier Robert Gerwig erfunden worden sei. Der Hochschwarzwald habe sich vor über 100 Jahren gegen die Herstellung dieser Uhren entschieden, so Weis in seinem Buch „Der Hochschwarzwald“. Und immer wieder habe es auf den Uhren auch gruselige Motive zu sehen gegeben: „Da war auch durchaus mal ein Sensemann abgebildet“, so Weis. Gewehre und Jagdszenen gehören ohnehin von jeher zur Kuckucksuhr, bestätigt auch Vertriebsleiter Christian Schwarz vom Neustädter Kuckucksuhrenhersteller Hönes: „Jagdstücke mit gekreuzten Flinten und erschossenen Hasen und Fasanen sind Tradition, sie verkaufen sich aber heute nicht mehr so gut, wie traditionelle Motive, bei denen Hase und Fasan aber noch lebend dargestellt werden.“ Auch bei seiner Firma gebe es peppige Uhrendesigns, zum Beispiel mit knallrotem Hirschkopf und schwarz gestrichener Uhr, man orientiere sich dabei aber immer an den traditionellen Motiven.

Strumbel, dessen Uhren auch den Messestand der Stadt Freiburg bei der EXPO in Shanghai zieren werden, hat seine künstlerischen Anfänge im Bereich der „Street Art“ und gilt als aufgehender Stern der Kulturszene. Seine bunten und verfremdeten Kuckucksuhren sind ein Renner und erzielen Spitzenpreise. Derzeit ist er in London und bereitet eine Ausstellung vor. Für ein Statement zur Debatte um die HTG-Werbung war er daher am Dienstag nicht erreichbar. Die HTG hat mittlerweile beschlossen, Strumbel-Uhr zu überkleben. Mit dem „Schwarzwaldmädel“.

(Ralf Deckert)


 


 

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