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Mit spitzer Feder (14)

Mantra, Mantra

Wenn die Zeiten schwierig sind und die Zukunft unsicher, wüssten alle gerne, was zu tun ist. Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Medien, Verbände, Lobbyisten, Prominente und Kulturschaffende veranstalten dann ein eher chaotisches Palaver, aus dem sich nach einem geheimnisvollen Algorithmus einzelne Sätze verselbständigen.

Die werden – als eine Art vagabundierende Erkenntnis – von zahllosen Individuen so oft wiederholt, bis ihr Ursprung im Dunkeln verschwindet und
ihr Status den eines Mantras erlangt. So entsteht kollektive Überzeugung.

Am besten eignen sich kurze, selbsterklärende Aussagen, gerne knapp am Rande des Banalen. „Wir müssen so viel besser sein, wie wir teurer sind“ ist so ein Satz. Geschätzte Wiederholung in Reden, Statements und Kommentaren zweikommafünf Millionen. „Nur innovative Produkte und Dienstleistungen sichern langfristigen Erfolg.“ Auch so einer. Sagt jeder, glaubt jeder. Und trinkt Coca Cola dabei. Oder eben der: „Will Deutschland sein Wirtschaftswachstum halten, muss es vor allem das Bildungssystem verbessern.“ Längst zum Mantra geworden, hat der Satz die Frage hinter
sich gelassen, ob unser Bildungssystem überhaupt schlecht ist. Viel zu attraktiv die Perspektive, endlich zu wissen, wo wir anpacken können, viel zu eingängig die Prämisse, wonach mal wieder (fast) alle anderen (fast) alles besser machen.
Warum man das in Deutschland so gerne glaubt, ist schwer zu sagen. Vielleicht, weil wir wenigstens im Dauer-Sorgenmachen den Weltmeistertitel halten wollen, vielleicht, weil wir so gerne die Ärmel hoch krempeln, vielleicht auch, weil wir ganz sicher gehen wollen, nicht arrogant zu wirken.
Die Folgen jedenfalls sind drastisch. So ziemlich alles muss anders werden, von der Kleinkindbetreuung bis zum Hochschulstudium. Der „Bildungsbericht 2010“ des gleichnamigen Ministeriums beklagt, „fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren“ wachse „in sozialen, finanziellen oder/und kulturellen Risikolagen auf“.

Und das in einem der reichsten Länder dieser Welt, denkt gerade noch beschämt der Leser, da fällt sein Blick auf die gute Nachricht einer „weiter steigenden Bildungsbeteiligung der unter 3-Jährigen“. Kein Druckfehler,
sondern statistisch belegt: Sie, die Bildungsbeteiligung der unter 3-Jährigen, ist in nur drei Jahren um 6 Prozent (Ost) bzw. 7 Prozent (West) gestiegen. Das lässt doch hoffen.
Aber nicht allzu lange. Denn während wir, die wir unsere ersten Lebensjahre bildungsfern beim Spielen auf der Straße verbracht haben, noch rätseln, ob es sich dabei eher um eine soziale oder um eine kulturelle Risikolage gehandelt haben mag, folgt auch schon die nächste Hiobsbotschaft. Die von den unzureichenden Bildungsausgaben, bescheinigt von der OECD. Auch so ein Mantra. Als ob der Glaube, die Qualität von Bildung lasse sich in Euro messen und durch Zuführung von Geld heben wie die Dienstleistungsbereitschaft einer korrupten Behörde,
nicht schon naiv genug wäre – bei genauem Hinsehen relativiert sich auch noch das Bild vom Bildungsknauserstaat: Immerhin 22 Milliarden Euro mehr wurden 2007 gegenüber 1995 für die Bildung ausgegeben.
Das Dumme ist nur, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch schneller wuchs als die Ausgaben, weshalb deren relativer Anteil von 6,8 Prozent auf 6,2 Prozent sank. So sagt die OECD denn auch nichts Falsches, wenn sie uns bescheinigt, im internationalen Vergleich weniger für Bildung auszugeben als der Durchschnitt, jedenfalls, wenn man den kleinen Zusatz
„gemessen an der Wirtschaftskraft“ nicht überliest. Nur die Frage, warum Schule teurer werden sollte, nur weil das BIP gestiegen ist, die bleibt halt offen.
Dem Furor der Reformer zum Opfer gefallen ist auch der „Dipl.-Ing.“, die weltweit eingeführte Marke für deutsche Ingenieursqualität. Das gute alte Diplom wurde zugunsten quasigenerischer Titel wie „Bachelor“ und „Master“ aufgegeben, die weder etwas über ihre Herkunft, noch über ihre Qualität verraten. Das ist etwa so, als ersetzte man die Marke Mercedes
durch „Car“. Aber gut. Die „internationale Vergleichbarkeit von Abschlüssen“ soll es wert gewesen sein (und der Wissenschaftsminister arbeitet dem Vernehmen nach schon wieder am Comeback des alten Titels).

Auch die jüngste Baustelle wird von einem Mantra gesteuert – dem von der „Durchlässigkeit des Bildungssystems“. Wir brauchen eine höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems! Aktueller Stand: Neben dem allgemeinen Hochschulzugang für Meister, Techniker und Fachwirte sollen
Berufstätige mit mindestens zweijähriger Ausbildung plus dreijähriger Berufspraxis ein fachgebundenes Zugangsrecht erhalten. Als „Reaktion auf den steigenden Bedarf an Hochqualifizierten“.

Die Erfahrung, dass das Auto nicht schneller wird, nur weil man das Tempolimit aufgehoben hat, steht zwar noch aus, zeichnet sich aber ab. Die Tür steht offen und kaum einer geht durch. Weil die Schranken, die es zu überwinden gilt, ganz andere sind. Dass die Bildungskarriere eines Menschen noch immer mit der Zahl der Bücher korreliert, die in seinem
Elternhaus standen, wie kürzlich eine Studie belegt hat, muss hier als Hinweis genügen. Ergänzt vielleicht um die weniger bekannte Meldung des Statistischen Bundesamtes, wonach Migranten öfter Abitur haben als Deutsche (Jahrbuch 2008). Vielleicht liegen die Dinge gar nicht so schlecht. Vielleicht sind nur die Fragen komplizierter und die bundesdeutschen Verhältnisse zu speziell, als dass sich Antworten einfach aus anderen
Ländern kopie ren ließen. Aber solche Aussagen eignen sich wohl nicht für ein Mantra.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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