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Not macht erfinderisch

Nicht nur im Bayrischen Umland: Hausarzt dringend gesucht!

Nach Angaben des Bayerischen Hausärzteverbands macht im Freistaat durchschnittlich jede Woche eine Praxis für immer zu. Vor allem auf dem Land sei es ein drängendes Problem, da es dort im Gegensatz zu den großen Städten oft keinen Ersatz in der Nähe gebe. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

Jeder Arzt des Krankenhauses in Garmisch-Partenkirchen muss an dem blauen Plakat vorbei. "We need you - mir brauchn di" steht in großen weißen Lettern darauf. 400 Euro hat Hausarzt Dr. Stefan Streng in die zwölf Quadratmeter große Anzeige investiert. Es ist ein letzter verzweifelter Versuch, einen neuen Allgemeinmediziner für den Raum Mittenwald zu finden. Der 53-Jährige ist nicht der einzige Hausarzt in Bayern, der händeringend nach Nachwuchs sucht und bei der Rekrutierung deshalb zu ungewöhnlichen Mitteln greift.

Ein Kollege im Raum Mittenwald habe seine Praxis aus gesundheitlichen Gründen schließen müssen, schildert Streng. Alle Versuche, auf herkömmlichen Wegen einen Nachfolger zu finden, seien gescheitert. So hätten sich auf Anzeigen in Ärztezeitungen keine Interessenten gemeldet. "Wir haben auch persönlich Kollegen angesprochen, ob sie jemanden kennen, aber wir haben niemanden gefunden", sagt er. Deshalb habe er sich für das Plakat vor der Klinik entschieden: "Dort muss jeder vorbei, der ins Krankenhaus will."

1.200 Patienten behandelt Streng nach eigenen Angaben normalerweise pro Quartal in seiner Praxis. Seit der Kollege im Sommer vergangenen Jahres seine Praxis aufgeben musste, seien noch einmal 150 dazu gekommen. Das sei zwar noch machbar, aber um die Belastung nicht weiter steigen zu lassen, sei es wichtig, einen neuen Hausarzt zu finden. Dabei stieß er aber auf ein Problem: Viele Ärzte ließen sich lieber in und um München nieder, weil es dort mehr Privatpatienten gebe. "Südlich des Starnberger Sees wird es aber schwierig", sagt er.

Ein Arzt für 31.000 Menschen

Nach Angaben des Bayerischen Hausärzteverbands macht im Freistaat durchschnittlich jede Woche eine Praxis für immer zu. Vor allem auf dem Land sei es ein drängendes Problem, da es dort im Gegensatz zu den großen Städten oft keinen Ersatz in der Nähe gebe, sagt ein Verbandssprecher. Im Bereitschaftsdienst sei ein Arzt bereits heute im Schnitt für 31.000 Menschen zuständig - Tendenz steigend.

Dabei stehe die große Not erst noch bevor. "Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt bei 52,5 Jahren", warnt der Sprecher. Jeder vierte Allgemeinmediziner im Freistaat sei älter als 60 Jahre und setze sich bald zur Ruhe. Während früher 60 Prozent der Universitätsabsolventen Hausärzte geworden seien, liege die Zahl mittlerweile im einstelligen Bereich. Grund sei, dass Hausärzte am unteren Ende der Einkommensskala stünden, zugleich aber das höchste Risiko trügen. Der Verband kritisiert beispielsweise, dass Ärzte bei der Verschreibung von Medikamenten ab 2014 auf Kosten der Patienten sparen müssten, um selbst höhere Honorare zu erhalten.

Probleme auch in München

Um dem Praxissterben entgegenzutreten und neue Allgemeinmediziner zu vermitteln, hat der Hausärzteverband die Homepage hausaerzte-vor-dem-haus.de ins Leben gerufen. Dort berichten zahlreiche Doktoren in kurzen Videobotschaften von ihren Problemen bei der Rekrutierung von Nachwuchs. So erzählt Friedrich Brensing von seiner erfolglosen Nachfolgersuche für seine Gemeinschaftspraxis im oberpfälzischen Floß im Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Die Gründe sind aus seiner Sicht klar: Eine hohe Arbeitsbelastung, das unternehmerische Risiko und der enorme bürokratische Aufwand machten den Beruf unattraktiv.

Aber nicht nur in ländlichen Regionen, auch in der Landeshauptstadt tun sich Hausärzte schwer bei ihrer Suche nach Nachfolgern. Nach mehr als 30 Jahren wolle er seine Praxis in nächster Zeit abgeben, sagt Franz Klostermeir in seinem Video und klagt: "Die Chancen, jemanden zu finden, der eine etwas kleinere Praxis hier in München übernehmen möchte, sind nicht sehr groß." Florian Schmid-Burgk suchte nach eigenen Angaben eineinhalb Jahre lang nach einem Nachfolger. "Aber so eine allgemeine Einzelpraxis wie ich sie hatte, ist in München kaum noch machbar", resümiert der Allgemeinmediziner.

Für Streng hat die Plakataktion in Garmisch-Partenkirchen dagegen einen Erfolg gebracht. Zwar habe sich wegen das Plakats nur ein Mediziner gemeldet, durch Medienberichte seien aber über die Region hinaus Ärzte auf die Situation in Mittenwald aufmerksam geworden. So habe es unter anderem einen Interessenten aus Köln gegeben. Inzwischen hat Streng eine Kollegin gefunden, die zunächst für ein halbes Jahr in seine Praxis einsteigt. Damit könne die Zulassung erhalten werden, sagt er. Zudem gebe es Gespräche mit einem Arzt aus Franken, der Interesse an dem Job in Mittenwald bekundet hat.

(Redaktion)


 


 

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