Sie sind hier: Startseite Südbaden Lokale Wirtschaft Kolumne
Weitere Artikel
Mit spitzer Feder (10)

Petze, Petze!

Die Schweiz hat’s schwer. Erst werden eidgenössische Schülergruppen beim Museumsbesuch in Griechenland gemobbt, weil sie höhere Eintrittspreise zahlen müssen als ihre nicht weniger desinteressierten Kommilitonen aus der EU und jetzt auch noch das. Kundendaten weg!

Hunderte Adressen bundesdeutscher Besserverdiener, die ganze Vermögen in die Alpenrepublik gebracht haben, um ihrem Unmut über das heimische Steuersystem nonverbalen Ausdruck zu verleihen – auf einer handlichen CD zum Mondpreis von 2,5 Millionen Euro zu haben. Das ist das Angebot. Unverschämt unmoralisch und verdammt verlockend. Infelix Helvetia.

Deutschland hat es aber auch nicht leicht. Die ganze Republik streitet, die Themen der großen Talkshows sind synchronisiert, Parteien bringen sich in Position, Gewerkschaften fordern, der Boulevard hetzt und auch das gemeine Volk darf mitmachen, wenn es gefragt wird: „Kaufen oder nicht?“ Alle zusammen haben ganz offensichtlich ein Problem damit, anständig zu sein. Oder eben unanständig. Warum eigentlich? Wer nichts falsch machen will, schaut gerne ins Gesetz. Was verboten ist, kann nicht gut sein. Und das ist doch schon mal ein Anhaltspunkt. Umgekehrt gilt allerdings nicht dasselbe – nicht alles, was nicht rechtswidrig ist, muss deshalb auch schon anständig, fair und gerecht sein. Anstand, Sitte, Ethik (hier geht es zur Ethik Definition aus unserem Wirtschaftslexikon) und Moral , Fairness, Takt und Diplomatie ziehen andere Grenzen. Meistens engere.

Wer ökonomisch denkt, beginnt mit dem Recht. Wäre der Kauf schon eine Straftat, ließe sich weiterer Hirnstrom sparen. Hehlerei ist allerdings nach geltendem Recht nur an „Sachen“ möglich. Das sind – sorry – nur „körperliche Gegenstände“ und das wiederum sind Daten gerade nicht. Nur die CDScheibe selbst, die ist eine Sache, die man hehlen könnte, aber nur, wenn sie ihrerseits gestohlen worden wäre. Mist. Beihilfe zum Datenklau? Das „Ausspähen von Daten“ ist zwar strafbar, nur mit der Beihilfe geht es nicht so einfach. Weil die Logik verbietet, dass sie zeitlich hinter der Tat liegt. Erst der Klau und dann die Hilfe, nee. Damit ist dann auch die Anstiftung weg, für die das zweimal gilt. Aber halt, war da nicht was mit Liechtenstein? Wer alles ankauft, was ihm aus rechtswidriger Quelle angeboten wird, und das noch öffentlich, der könnte doch den jeweils nächsten Anbieter angestiftet haben. Oder doch nur angeregt? Ein Staat, der sich in Sachen Ethik die Latte nicht gerade auf Kniehöhe vorlegt, muss sich nicht nur verkneifen, was er von seinen Bürgern zu unterlassen erwartet. Er sollte noch einen  Sicherheitsabstand wahren. Schon der „böse Schein“ sei es wert, gemieden zu werden, haben Freunde des öffentlichen Rechts formuliert. Sehr zu recht. Nur, einen bösen Schein, so meinen andere, erzeuge es auch, wenn Steuersünder gar zu leicht davonkämen.

Die Quelle der Malaise ist ganz offensichtlich die Herkunft der Daten. Wer sie anbietet, dealt mit verbotenem Stoff. Wer sich darauf einlässt, darf von einem typischen Sucht verlauf ausgehen: einmal angefüttert, sinkt die Hemmschwelle für den nächsten Deal. Schließlich darf mitmachen, wer im mer Zugriff auf interessante Daten hat. ITVerantwortliche aufgepasst! Es funktioniert auch im Inland! Ob das Lösegeld versteuert werden muss, welcher Mehr wert steuersatz zur Anwendung kommt und ob professionelle Datendealer IHKzugehörig sind, ist noch unklar.
Also doch eher Finger weg? Die natürliche Scheu vor der Erkenntnis aus unreiner Quelle ist ebenso alt wie die Versuchung, auf sie zuzugreifen. Wir ersparen uns die biblische Dimension des Dilemmas, nicht aber die prozessuale. Beweisverwertungsverbote sind das rechts staatliche Bekenntnis dazu, dass der Zweck die Mittel eben nicht heiligt, auch wenn die Wahrheitsfindung auf der Strecke bleibt – gerade dann!
Einerseits.
Andererseits treibt auch der Rechtsstaat schon mal gerne den Teufel mit dem Beelzebub aus. Kronzeu genregelungen liegen auf ethisch vermintem Terrain. Verdeckte Ermittler knacken den Drogenring mit Mitteln, über die kei ner gerne spricht. Und im Kartellrecht wird das Mitglied des Kartells, das den Club auffliegen lässt, damit belohnt, dass nur mehr die ande ren bluten müssen. Ist es korrupt, wenn der Staat das Böse korrumpiert? Fragen darf man ja mal.

Fragen darf man aber auch, ob es Diebstahl ist, wenn einem Dieb die Beute gestohlen wird. Und, wenn ja, ob das auch dann gilt, wenn der zweite Dieb der ursprüngliche Eigentümer ist. Fragen darf man, ob die ganze vertrackte Geschichte nicht bei der schlafraubenden Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug beginnt, die unsere Nachbarn ersonnen haben, und ob eine tatkräftige Amtshilfe und ein vernünftiges Doppelbesteuerungs abkom men nicht dem Dealer das Wasser abgegraben hätten wie das Methadon dem Handel mit Heroin.
Sollten auch die Antworten auf diese komplexen Fragen kein Licht ins Dunkel bringen, empfiehlt sich der Rekurs auf die ganz einfachen Regeln. Solche, die ihre Herkunft der Lebenserfahrung verdanken, die deshalb schon im Kindergarten gegolten haben und sich später auch nicht mehr ändern. Eine davon ist die: Lass Dich nicht mit der Petze ein!

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

spitze Feder
Petze
Schweiz
Kundendaten
Steuersystem
CD
Kauf
Datenklau

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "spitze Feder" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: