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Mit spitzer Feder (4)

Wo bitte liegt der G - Punkt?

Ja, man hat das schon irgendwann und -wo mal gelesen. Dass die Welt ein komplexes Ding ist und dass wir nur damit umgehen können, wenn wir diese Komplexität reduzieren. Ganz gleich, wie viele Ursachen und Faktoren da tatsächlich zusammenwirken, der Algorithmus in unserem Hirn akzeptiert nur eine begrenzte Zahl von Eingangsdaten.

Bekommt er mehr, verweigert er den Output, er tillt. Sichtbare Symptome
sind anhaltende Entscheidungsschwäche und nachfolgende Handlungsunfähigkeit.

Weil weder das eine noch das andere als Tugend gilt, hat der Umkehrschluss Konjunktur – je übersichtlicher der Input, desto schneller und klarer das Ergebnis. Wer die Welt mit drei Sätzen erklären kann, der weiß auch ganz sicher, wo’s lang geht. Vielleicht ist das der Grund, warum immer da, wo es besonders kompliziert wird, die einfachsten Erklärungen besonders gerne genommen werden.

Ja, wir reden von der Wirtschaftskrise. Sorry, schon wieder. Immer noch. Gleichwie, wo in einem global vernetzten Wirtschafts- und Finanzsystem staatliche Geldpolitik und divergierende Interessen ganzer Volkswirtschaften und Wirtschaftsräume, konkurrierende Unternehmensstrategien, Millionen von Anlageentscheidungen, ein teilautomatisierter Börsenhandel und das Nachfrageverhalten von ein paar Milliarden Verbrauchern aufeinandertreffen, darf man getrost von einem komplexen Zusammenhang sprechen.

Wenn dieses System vor die Wand fährt, auch. An dieser Stelle fällt denn auch der Startschuss zum Rennen um die einfachste Erklärung. Der Wettbewerb ist attraktiv, denn wer das Rennen gewinnt, darf sagen, wie es weitergehen soll. Ganz vorne liegt momentan die Ethiknummer. Es war ganz einfach die Schlechtigkeit selbst, die uns das eingebrockt hat, die kurzfristige Gewinnorientierung, die einseitige Shareholder -Value- ptik, die Hatz nach dem schnellen Profit, die mangelnde Nachhaltigkeit, die fehlende soziale Verantwortung, ach was, alles noch viel zu kompliziert, es war die Gier. DIE GIER!

Alles in einem Wort, das ist schon mal gut. Ein Komplexitäts-reduktionsrekordergebnis sozusagen. Schwer zu toppen, nur noch ein wenig abstrakt. Um jetzt auch entschieden handeln zu können, braucht es noch jemanden oder etwas, wo man das Böse mit Händen greifen kann. Und das sind – erraten! – die Managergehälter .

Jetzt kann’s losgehen. Das Einkommen dieser Berufsgruppe – warum eigentlich nur dieser? – egal, es muss gedeckelt werden. Jeder darf mitspielen. Was wäre denn anständig? Das 20-fache eines Facharbeiters? Das 17,7-fache eines Vermessungsingenieurs? Eine halbe Million p.a.? Wenn es stimmt, dass noch kein Mensch je sein eigenes Gehalt als zu hoch abgelehnt hat, sind wir am Ende alle gierig? Mist! Da fehlt uns doch glatt der Maßstab. Alle wollen der Gier Grenzen setzen und keiner weiß, wo sie beginnt. Wo bitte liegt der G-Punkt?

Die Wissenschaft weiß es nicht, mehr noch, sie zweifelt gar an seiner Existenz. „The evidence is far too weak to support the reality of the G-spot. Specifically, anecdotal observations and case studies made on the basis of a tiny number of subjects are not supported by subsequent (. . .) studies.”, stellt der renommierte Psychologe Terence M. Hines zutreffend fest, wenn auch auf einem anderen Gebiet.

Die Kirche weiß es auch nicht, sei es, weil sie selbst ein gesundes Verhältnis zum Geld hat, sei es, weil die Heilige Schrift an dieser Stelle keine Zahlen nennt, und bleibt deshalb lieber im Ungefähren. Die Politik kritisiert am liebsten den krassen Einzelfall und die Wirtschaft selbst und ihre gleichnamigen Juristen tendieren dazu, jedes Einkommen auch moralisch für zulässig zu halten, wenn es nicht geraubt, sondern ausgehandelt und von rechtsfähigen Parteien vertraglich vereinbart wurde.

Was tun? Wer sich ein wenig mehr Komplexität zutraut, könnte sich doch noch eine kleine Unterscheidung zumuten und zwar die zwischen Spiel und Spielregel. Beispiel: Es ist bekannt, dass die Elf-Meter-Regel dem Torwart wenig Chancen lässt. Man kann das als gewollt akzeptieren und deshalb beibehalten oder für unfair halten und deshalb die Regel ändern. Auf zwölf Meter etwa. Nur eines sollte man nicht: Den Torschützen mit ethischen Vorwürfen traktieren, sein regelkonformes Bemühen um Erfolg gierig nennen und schon gar nicht sollte man die Zahl der Tore begrenzen, die er maximal erzielen darf.

In der Wirtschaft heißt das, die Regeln des Gesellschaftsrechts so zu gestalten, dass das Spitzenpersonal am Wohl des Unternehmens orientiert und im Interesse seiner Eigentümer kontrolliert bezahlt wird, und zwar ganz gleich in welcher Höhe. Eigenkapitalvorgaben, Börsenbesteuerung, Transparenzgebote – immer geht es um die Spielregeln, nie um die Spieler, schon gar nicht um deren Ethik .

Dumm nur, dass das alles so viel Arbeit macht. Vielleicht ist man auch deshalb an der renommierten HSG St. Gallen darauf gekommen, die Studierenden des Executive MBA neuerdings einen Eid ablegen zu lassen: „As a manager, my purpose is to serve the greater good ...“ Der volle Text des „MBA-Oath“ stammt aus Harvard und wurde unverändert übernommen. Das macht Sinn, denn aus der Himmelsrichtung kam ja wohl auch die Krise.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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