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Wirtschaft im Südwesten: Rien ne va plus

Das Drehbuch wird wohl mit der beliebten Tastenkombination Bearbeiten-Kopieren-Einfügen erstellt. Jedenfalls kann der Ablauf vom jeweils letzten Projekt unbesehen übernommen werden, wenn es darum geht, mal wieder irgendetwas zu Fall zu bringen, was sich Politik oder Wirtschaft vorgenommen haben.

Es ist auch nicht wichtig, worum es im Einzelfall geht. Eine Autobahn von A nach B, ein Flughafen am See, eine Umgehungsstraße am Ortsrand oder ein Windrad am Nordseestrand, ein Mobilfunkmast im Tal oder ein Pumpspeicherkraftwerk am Berg sind prima, eine Stadthalle, ein Kongresszentrum oder eine Philharmonie tun es aber auch. Jahrhundertprojekte wie Stuttgart 21 sind natürlich besonders attraktiv.

Alle diese Vorhaben werden irgendwann ersonnen, projektiert, propagiert und finanziert und – wie es sich in einer Demokratie gehört – auch diskutiert. Was dann geschieht, folgt dem erwähnten, immer gleichen Drehbuch. Darin gibt es die Bösen und vermeintlich Mächtigen – das sind die Vorhabenträger und ihre Unterstützer. Und es gibt den frag-nicht-warumdas-ist-einfach-so guten Widerstand – das sind die kleinen, ohnmächtigen Bürger, die mit einfachsten Mitteln, aber mit Kampfgeist und Löwenmut das Unmögliche versuchen. Am Ende siegt, Überraschung, das Gute.

Im Detail sieht es so aus, dass sich die Befürworter in drei Gruppen teilen: die Unternehmen, die (man wagt es kaum offen auszusprechen) wirtschaftliche Interessen verfolgen, die Politik, die sich um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und die Qualität seiner sozialen und kulturellen Standards kümmert (wer daran glaubt, riskiert allerdings, für schlicht gehalten zu werden) und – auf den ersten Blick kaum sichtbar – eine schwindende Zahl von Menschen, die sich als Zukunftsoptimisten beschreiben ließen. Das sind solche, die überzeugt sind, dass es die Anstrengung lohnt, die Dinge immer wieder neu und besser zu machen. Weil sie nicht vergessen haben, dass nahezu alles, worauf wir aktuell stolz sein können, genau so entstanden ist: gegen den Widerstand der Skeptiker, mit dem Willen, Neues anzugehen und mit dem Mut, dabei Fehler zu machen.

Man könnte sagen, dass es sich bei dieser letzten Gruppe um eine Rote-Liste-Art handelt. Sie ist nämlich vom Aussterben bedroht. Das ist nicht nur schade (Biodiversity!), sondern nachgerade fatal. Denn ohne den Rückhalt in der Bevölkerung gibt es leider einen üblen Dominoeffekt.
Der Politiker, der den Spaß daran verliert, sich beschimpfen zu lassen, geht schon aus schierem Selbsterhaltungstrieb auf Distanz zum eigenen Vorhaben, erst vorsichtig („nicht um jeden Preis“), dann deutlicher („im Lichte neuerer Erkenntnisse“), schließlich dezidiert („nicht mit mir“). Stuttgart 21 ist gerade in Phase eins angekommen.

Die Wirtschaft, von gesellschaftlichem Zuspruch ohnehin nicht verwöhnt, wird in einem Kiesbett aus Demokratie, Bürokratie und Justiz locker ausgebremst und sucht sich wenn möglich ein weniger vermintes Gelände, irgendwo, wo das Wort Investition einen guten Klang hat und der Investor jedenfalls nicht zwingend als Prokurist des Satans empfangen wird. Liegen dann alle drei Dominosteinchen flach, wird das Projekt mit Getöse für „gekippt“ erklärt: Der Leviathan ist gebändigt, der Goliath besiegt. Nichts geht mehr. In den Medien wird dieser Vorgang mitunter großzügig als „guter Tag für die Demokratie“ gefeiert.

Natürlich hat das Drehbuch an dieser Stelle einen Helden. Das ist der Gegner des Vorhabens, der neuerdings gerne selbstbewusst und etwas geschichtsvergessen mit „Wir sind das Volk“ betitelte, bürgerliche Widerstand. Er formiert sich gleichsam reflexartig, wo immer etwas entstehen soll, was den Status quo nachhaltig ändert. Das Repertoire reicht von der einfachen, Plakate klebenden Bürgerinitiative, professioneller Pressearbeit, Internetauftritten und der Präsenz in digitalen sozialen Netzen über die immer beliebter werdenden Montags-, Dienstags- oder Mittwochsdemonstrationen bis zu globalen Netzwerken, in denen erfolgreiche Organisatoren der Obstruktion als Vortragsreisende die Best Practice des Neinsagens implementieren helfen.

Warum die dort Aktiven immer mehr und lauter werden, die genannten Optimisten dagegen weniger und leiser, ist noch nicht zur Gänze erforscht. Auffallend ist allerdings, dass es sich bei vielen Anhängern der Lieber-doch-nicht-Fraktion keineswegs um miesepetrige Misanthropen handelt, sondern um Menschen, die einem ganz ähnlichen Trieb folgen
wie die Vorhabenträger selbst: Sie wollen etwas bewirken und sie lieben das Lebensgefühl, etwas bewirkt zu haben.

Der emotionale Kick der mission accomplished ist nämlich für beide gleich – für die Vorhabenträger bei der Einweihungsfeier nach zehnjähriger Bauzeit und irrsinnigen Hindernissen wie für die Verhinderer beim endgültigen Aus nach einem ebenso langen Rechtsstreit durch drei oder vier Instanzen. Es sind dieselben Gefühle, dieselben Tränen des Glücks und der Erleichterung, dieselben Freundschaften fürs Leben.

Dumm nur, wenn die No-Route auf diesen schönen Gipfel der Emotionen den geringeren Schwierigkeitsgrad aufweist. Dann nämlich wird sie wohl immer häufiger begangen werden als der gefährlich ausgesetzte Yes-Grat. Zumindest so lange, bis keiner mehr was vorhat und es deshalb nichts mehr zu verhindern gibt.

(IHK/Prof. Dr. Marx)


 


 

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1 Kommentar

von Sabine
16.09.10 11:58 Uhr
S21 und die Demokratie

die politik muss endlich begreifen, dass sie krass gegen den volkes willen agiert...nur, weil sie einmal gewählt wurden, legitmiert sie das nicht, das volk zu ignorieren..hier mal eine interessante debatte zum thema:

http://www.theeuropean.de/debatte/4238-stuttgart-21

 

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