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Shareconomy

Digitale Interpretation von „Teile und Herrsche“

Soziale Netzwerke werden künftig eine noch viel größere Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft haben, weil sie die Machtverhältnisse verändern und alte Einrichtungen verdrängen, die auf Mangel und Kontrolle beruhen.

Die Voraussetzungen, um das Leitmotto “Shareconomy” der Cebit mit Leben zu füllen, sind heute wohl wesentlich besser als es sich der Ökonom Martin Lawrence Weitzman in den 1980er Jahre vorstellen konnte. Er zählt aus gutem Grund mit seinem Werk “The Share Economy: Conquering Stagflation” zu den Ideengebern einer politischen Ökonomie des Teilens. Fernab von sozialutopischen Vorstellungen hat Jeff Jarvis die Möglichkeiten der Share Economy in seinem Buch “Mehr Transparenz wagen!” auf den Punkt gebracht:
„Das radikal öffentliche Unternehmen ermutigt seine Angestellten, die Tools der sozialen Netze zu nutzen, direkte und offene Beziehungen mit den Kunden zu unterhalten, indem sie Fragen beantworten, sich Vorschläge anhören und umsetzen, Probleme lösen und Produkte verbessern.”

Soziale Netzwerke werden künftig eine noch viel größere Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft haben, weil sie die Machtverhältnisse verändern und alte Einrichtungen verdrängen, die auf Mangel und Kontrolle beruhen. Etwa die kollektiven Hausmeister der Republik, die sich nicht mit einer Kultur der Offenheit, des Teilens und der Mitbestimmung anfreunden können und sich hinter Schutzrechten verkriechen.

Kein Platz mehr für Ziegelstein-Diktatoren

Die “sozialen” Webangebote vernetzen Menschen zu einer neuen, schnell wachsenden Beziehungsökonomie, deren Motor das Gegenseitigkeitsprinzip ist:

“Hilfst du mir, so helf’ ich dir. Mit Tipps, Ratschlägen, Produkten und Ansprechpartnern“, so Wolfgang Michal in einem Beitrag mit dem Titel „Was würde Jarvis tun?“.

Dass die Internet-Konzerne, die ihre Austausch- und Kooperationsplattformen meist kostenlos zur Verfügung stellen, an ihren „Mitgliedern“ und „Kunden“ gut verdienen, sei nach Ansicht von Jeff Jarvis der beste Beweis dafür, dass eine riesige Nachfrage, die von der alten Angebotsökonomie nicht bedient wurde, nun professionell und überzeugend befriedigt wird. Allerdings muss die Netzöffentlichkeit kritisch bleiben, wenn Social Web-Anbieter wie Google oder Facebook in ihrer AGB-Politik anfangen, ihre Nutzer in einem neuen Gefängnis von Kontrolle und Zensur einzusperren. Dazu neigen Monopolisten in ihrer anmaßenden Haltung als Schiedsrichter des Weltgeschehens. Aber das ist ein anderes Kapitel und muss über die Manifestation eines virtuellen Existenzrechtes politisch gelöst werden. Die Netzkonzerne sind dazu nicht in der Lage.

„Teilen statt Besitzen“ als neue Form der Kollaboration

Teilen statt Besitzen werde nicht mehr lediglich als wohltätige oder altruistische Einzelaktion oder als Instrument der Corporate Social Responsibility (CSR), sondern als Grundidee einer neuen Form der Kollaboration verstanden, bemerkt die Marketingprofessorin Heike Simmet.

Und es erfordert vor allem auf der Anbieterseite ein neues Verständnis für eine vernetzte Ökonomie, die sich nicht mehr über Maßstäbe des Industriekapitalismus definiert. Anwendungen werden wichtiger als Produkte, so der Schweizer Systemarchitekt Bruno Weisshaupt. Es sind Anwendungen, die sich direkt an den spezifischen Anforderungen des Menschen ausrichten:
“Dieser Ansatz führt vom Produkt weg zur Applikation als Angelpunkt zukünftigen Erfolgs, oder anders formuliert: Es wird immer weniger darum gehen, technisches Gerät zu besitzen, und immer mehr darum, Dienste zu nutzen, on Demand, individuell zugeschnitten, komfortabel und einfach im Handling”, sagt Weisshaupt.

Ein Träumer, der von einer Renaissance der Industrie spricht

Deshalb ist es falsch, von der Renaissance der Industrie zu träumen. Politische Entscheider sollten den Prinzipien folgen, die der Ökonomie Erfolg bringen,fordert der Publizist Wolf Lotter im ichsagmal-Interview. Und der liege in einer hervorragenden wissensbasierten Ökonomie und das schon seit langer Zeit. Die Politiker sollten auch mit Wirtschaftshistorikern reden, um sich ein klares Bild zu verschaffen. Das empfiehlt Lotter vor allem dem Bundeswirtschaftsminister und dem SPD-Fraktionschef. Sie könnten etwa mit Professor Werner Abelshauser sprechen (oder sein Opus „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ lesen). Der würde ihnen erklären, dass die Industriegesellschaft strukturell diesen Namen seit fast 100 Jahren gar nicht mehr verdient. Die kleinen Klüngel der Berliner Politik sind wohl das Hauptproblem, die sich gegenseitig die Stichworte zuschieben und nicht wissen, was draußen wirklich passiert.

(Gunnar Sohn ne-na.de)


 


 

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